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Werfen, Schießen oder Rollen

In der Ensinger Forchenwaldhalle werden die baden-württembergischen Meisterschaften im Para-Boccia ausgetragen. Rollstuhlfahrer aus beiden Landesteilen treten im Einzel- und Doppelwettbewerb an. Mit dabei ist mit Bastian Keller aus Markgröningen auch ein mehrfacher Deutscher Meister.

  • Bastian Keller (rechts) berät sich mit Teampartner Boris Nicolai über die Vorgehensweise, die wohl den besten Erfolg verspricht. Foto: privat

    Bastian Keller (rechts) berät sich mit Teampartner Boris Nicolai über die Vorgehensweise, die wohl den besten Erfolg verspricht. Foto: privat

Boccia. Der TSV Ensingen ist morgen Gastgeber eines ganz besonderen Turniers. Nach der Premiere vor einem Jahr in Baden wird jetzt erstmals in Württemberg die baden-württembergische Meisterschaft im Para-Boccia ausgetragen. Beginn ist um 10.30 Uhr in der Forchenwaldhalle.

„Wir beschäftigen uns beim TSV Ensingen schon lange mit der Inklusionsthematik“, berichtet Norbert Julmi, Abteilungsleiter Freizeit. „Wir wollen zum Beispiel Kinder mit Behinderung in Inklusionsgruppen integrieren, dabei aber keine Konkurrenz aufbauen. Aber wir haben angeboten, dass wir in anderer Weise unterstützen könnten, so wie jetzt mit der Ausrichtung der baden-württembergischen Meisterschaften, nachdem wir mit der Stadt Vaihingen geklärt hatten, dass wir die Halle bekommen.“

Der Wettbewerb, der fast den ganzen Sonntag lang in Ensingen stattfindet, sei allerdings keine Massenveranstaltung, schränkt Thomas Keller ein, Fachwart Boccia im Württembergischen Behinderten- und Rehabilitations-Sportverband (WBRS). „Wir richten hier nur die Behindertenklasse BC 4 aus“, sagt er. „Das sind die geringsten Einschränkungen, also zum Beispiel durch motorische Störungen, Muskelkrankheiten oder teilweise Dysfunktionen.“ Die Sportler dieser Klasse sitzen im Rollstuhl. Bundesweit sind es gerade mal 60, und davon spielen ausschließlich die aus Baden-Württemberg ihren Meister aus. Thomas Keller sagt aber zum Vergleich: „Es war gerade erst die deutsche Meisterschaft, da waren nach coronabedingten und weiteren Ausfällen nur vier Teilnehmer am Start. Hier in Ensingen haben wir fünf, darüber freuen wir uns sehr.“

Denn die geringe Teilnehmerzahl dürfe nicht darüber hinweg täuschen, dass es sich um einen Sport handelt, der „viel Präzision und Taktik“ erfordert, wie der Fachwart aus Markgröningen sagt. „Und es gäbe viele Interessenten, aber nur wenige Möglichkeiten, diesen Sport auszuüben. Das Riesenproblem ist, jemanden zu finden, der sich darum kümmert.“ Darum hoffen die Sportler ebenso wie ihre Verbände, mit Veranstaltungen wie der in Ensingen Werbung für einen Sport zu machen, der sich – abgesehen von offiziellen Meisterschaften – fast überall ausüben ließe. „Ob im Altenheim, im Wohnzimmer, im Gang oder in der Schule“, sagt Thomas Keller. „Spielen kann man fast überall, und es könnte auch fast jeder spielen.“ Denn es handelt sich nicht um wassergefüllte Plastikkugeln wie am Strand, sondern um aus Leder genähte Bälle, die mit Granulat gefüllt sind. „Sie wiegen 250 bis 270 Gramm“, sagt der Fachwart. „Die Bälle sind in Größe, Gewicht und Rollverhalten genormt.“ Gespielt werde bei Wettbewerben auf üblichen Hallenböden, denen durch die Lederbälle kein Schaden droht.

Beim Versuch, den eigenen Ball näher am Jackball zu platzieren als die Gegenseite, ist Werfen, Schießen oder Rollen über eine Rampe möglich. Denn je nach motorischer Einschränkung kann ein Wurf schon die Maximalkraft des jeweiligen Sportlers erfordern. Dabei soll es aber nicht um die reine Kraftanstrengung gehen, sondern um taktisch geschicktes Vorgehen mit akkuratem Spiel. „Das ist hochinteressant anzusehen“, sagt Thomas Keller, der über seinen Sohn Bastian Keller zu diesem Sport gefunden hat. Bastian Keller gewann fünf Mal in Folge die deutsche Meisterschaft und hat Deutschland bis vor einem Jahr auch als Nationalspieler in dieser paralympischen Sportart vertreten.

Die Markgröninger stellen gemeinsam mit Christian Hartmann den württembergischen Anteil an der Landesmeisterschaft. Baden wird vertreten durch Heiko Striehl, Andreas Wenger und Rainer Schmidt von der RSG Heidelberg. „Und für den Doppelwettkampf setzen wir einfach noch eine sechste Person in den Rollstuhl“, gibt sich Thomas Keller pragmatisch, da zu fünft schlechterdings ein Doppelwettbewerb möglich wäre.

Spielplan und Spielregeln

Beim Para-Boccia hat jeder Teilnehmer entweder sechs rote oder sechs blaue Bälle und muss diese so nah wie möglich an den Jackball heran werfen oder rollen. Wer den Jackball spielt, spielt auch den ersten farbigen Ball. Anschließend ist die Gegenseite dran und darf so lange spielen, bis es ihr gelingt, einen Ball näher am Jackball zu platzieren als der nächste Ball der Gegenseite. Für jeden Ball, der am Ende der Runde näher am Zielball liegt als der nächste Ball der Gegenseite gibt es einen Punkt. Es werden vier Runden gespielt, deren Punkte zusammengezählt werden. Um den besonderen Ansprüchen der Teilnehmer gerecht zu werden, darf der Ball mit der Hand, dem Fuß oder mit einer Rampe als Abrollhilfe gespielt werden. Der Wettkampf kann als Einzel oder als Doppel ausgetragen werden.

Spielplan Einzel 10.30 Uhr: Bastian Keller – Christian Hartmann 10.30 Uhr: Andreas Wenger – Heiko Striehl 11.15 Uhr: Rainer Schmidt – Bastian Keller 11.15 Uhr: Christian Hartmann – Andreas Wenger 12.00 Uhr: Heiko Striehl – Rainer Schmidt 12.00 Uhr: Bastian Keller – Andreas Wenger 12.45 Uhr: Christian Hartmann – Heiko Striehl 12.45 Uhr: Andreas Wenger – Rainer Schmidt 13.30 Uhr: Heiko Striehl – Bastian Keller 13.30 Uhr: Rainer Schmidt – Christian Hartmann

Spielplan Doppel 14.30 Uhr: Bastian Keller/Christian Hartmann – Rainer Schmidt/Vivien Hartmann 15.30 Uhr: Rainer Schmidt/Vivien Hartmann – Heiko Striehl/Andreas Wenger 16.30 Uhr: Bastian Keller/Christian Hartmann – Heiko Striehl/Andreas Wenger

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