Long-Covid zieht Svenja Groß Boden unter Füßen weg

Für die 19-jährige Leichtathletin aus Vaihingen ist nach einer Corona-Erkrankung im Dezember 2020 aufgrund von Herzproblemen nicht mehr an Leistungssport zu denken.

Von Michael Nachreiner Erstellt: 18. Juni 2021
Long-Covid zieht Svenja Groß Boden unter Füßen weg Die Tartanbahn war fast ihre zweite Heimat: Svenja Groß wollte auf der einfachen oder doppelten Stadionrunde richtig angreifen. Foto: Görlitz

Vaihingen. Svenja Groß hat als einer der aufgehenden Sterne am Leichtathletikhimmel der Region gegolten. Bei Volksläufen war die Vaihingerin in der Regel über fünf Kilometer fast immer ganz weit vorne zu finden. Beim Ensinger Laufcup kürte sie sich insgesamt vier Mal zur Stadtmeisterin – und durfte nach dem dritten Titel den Wanderpokal behalten. Mit ihrem Wechsel zur LG Neckar-Enz konzentrierte sie sich in den vergangenen Jahren auch immer mehr auf die einfache und die doppelte Stadionrunde – in der Hoffnung, es vielleicht irgendwann in der Staffel bis zu deutschen Meisterschaften zu schaffen. Ihre Bestzeit über 800 Metern lag bei 2:21 Minuten. Doch mit ihrer Covid-19-Erkrankung Anfang Dezember vergangenen Jahres wurde alles anders für die 19-Jährige. Praktisch von heute auf morgen wurde ihr ein ganz wichtiger Teil ihres Lebens, die Leichtathletik, genommen. Die Vaihingerin hat seit ihrer Corona-Erkrankung mit Long-Covid-Folgen zu kämpfen. An Leistungssport ist aktuell – vielleicht sogar nie wieder – zu denken. „Es ist nichts mehr so, wie es früher war“, erklärt Svenja Groß.

Leichtathletik hat bis in die Corona-Pandemie hinein ihre Freizeit tief beeinflusst. Bis zu sechs Mal in der Woche war die 19-Jährige laufen – im Trainingslager sogar täglich. „Das war ein ganz fester Bestandteil ihres Lebens, aus dem sie auch ihr Selbstbewusstsein rausgezogen hat“, erklärt Antje Groß, Svenja Groß’ Mutter. Wenn es nach Svenja Groß’ Ärzten geht, soll das bis zu einem gewissen Grad auch so bleiben. Sie raten der 19-Jährigen, auch heute mit dem Long-Covid-Syndrom Sport zu treiben. Aber vorerst nur leicht. „Damit sich mein Körper und vor allem mein Herz an die Belastung gewöhnt“, erklärt die Vaihingerin. Doch wenn sie nun an ihre große Leidenschaft denkt, dann muss sie mit den Tränen kämpfen. „Ich gehe gerade nicht mehr gerne laufen. Meine Mama muss mir wortwörtlich in den Allerwertesten treten. Auf der einen Seite will ich es. Auf der anderen Seite macht es überhaupt keinen Spaß mehr, weil ich langsam laufe, Gehpausen machen muss und weit davon entfernt bin, so zu laufen, wie ich es früher getan habe“, erzählt Svenja Groß.

Schmerzen lassen Svenja Groß hin und wieder nachts aufwachen

Doch auch im Alltag ist sie eingeschränkt. „Im Krankenhaus habe ich oft viele Pausen machen müssen – musste mich hinsetzen und etwas trinken. Das ist in der Zwischenzeit zwar besser geworden“, berichtet die 19-Jährige, die eine Ausbildung zur Pflegefachfrau mit Vertiefung Pädiatrie, also zur Kinderkrankenschwester, an der RKH-Klinik Ludwigsburg absolviert. „Ich habe aber immer noch das Stechen in der Brust und das Herzrasen – manchmal auch das Pochen.“ Wann die Probleme auftreten, lässt sich nicht vorhersagen. „Sie treten nicht nur bei körperlicher Arbeit im Krankenhaus auf Station auf. Manchmal erst, wenn ich eine Ruhephase habe – oder wenn ich abends entspannt auf der Couch liege. Manchmal wache ich auch nachts wegen Schmerzen auf. Und ab und zu schießen mir Tränen in die Augen, so schlimm sind die Schmerzen.“ Dazu kommt immer mal wieder ein Druck- und Engegefühl im Brustkorb. „Ein Mal wurde sogar der ganze linke Arm taub“, erzählt Svenja Groß.

„Es gab sogar Überlegungen, ob Svenja die Ausbildung aussetzt oder vorerst komplett abbricht, da die Praxiseinsätze körperlich recht anstrengend und anspruchsvoll sind“, erklärt Mutter Antje Groß. Doch im Alltag überspielt Svenja Groß in der Regel die Symptome. „Ich lebe halt jetzt mit dem Herzrasen und -pochen“, berichtet die 19-Jährige. „Es wäre aber schön, wenn die Symptome wieder weggehen würden.“

Angesteckt mit dem Coronavirus hat sich Svenja Groß bei ihrer Ausbildung auf der Inneren-Medizin-/Gastroenterologie-Station. Nachts bekam sie Fieber sowie Kopf- und Gliederschmerzen. Ein Schnelltest am nächsten Morgen nährte die Befürchtung, ein darauf folgender PCR-Test brachte dann die fürchterliche Gewissheit: Die 19-Jährige war an Covid-19 erkrankt – „wie praktisch jeder auf der Station“, berichtet sie. Mit Beginn der Quarantäne bekam Svenja Groß weitere Symptome: Durchfall, Erbrechen, Husten und Schnupfen. Darüber hinaus waren die Nasennebenhöhlen zu. „Und die Kopfschmerzen waren extrem schlim“, erinnert sie sich. „Dazu habe ich mein Herz gespürt – ein Pochen, was nicht alltäglich ist. Dann Herzstechen. Und dann habe ich gemerkt, dass mein Herz rast. Diese Symptome wurden in der Quarantäne immer schlimmer.“

Ärzte sind sich sicher, dass ihre Probleme von Covid-19 kommen

Zwei Mal wurde ihre Selbstisolierung verlängert, weil „es mir nicht gutging“, erzählt Svenja Groß. „Ich war zwar wieder negativ und alle Symptome waren weg bis auf die Herzrhythmusstörungen, weshalb ich auch das erste Mal in der Notaufnahme war.“ Anfangs wurde noch nicht unbedingt ein Zusammenhang mit ihrer Covid-19-Erkrankung gesehen. Und weil sie während ihrer Ausbildung nicht zu viele Fehlzeiten anhäufen wollte, ging sie kurz vor Weihnachten wieder arbeiten. Doch die Herzprobleme nahmen noch zu. Ein zweites Mal suchte Svenja Groß die Notaufnahme auf. „Obwohl mein Ruhepuls durch das Laufen recht niedrig war – so bei rund 50 Schlägen pro Minute –, lag ich nun mit einem Ruhepuls von 140 in der Notaufnahme. Dort wurde ein EKG geschrieben und ein Long-Covid-Syndrom mit Herzrhythmusstörungen, Herzrasen und Herzbrennen diagnostiziert“, berichtet die 19-Jährige. Da auch der Blutdruck recht hoch war, wurden ihr Betablocker verschrieben.

Es folgten weitere Untersuchungen in der Kardiologie in Ludwigsburg bei Prof. Dr. Christian Wolpert, bei der zusätzlich eine Trikuspidalklappeninsuffizienz festgestellt wurde, und in Bruchsal bei Prof. Dr. Martin Andrassy. Auf Veranlassung von Letzterem wurde unter anderem ein Cardio-MRT gemacht. „Schon in der Notaufnahme hieß es, die Probleme müssen an Corona liegen. Aber da es noch nicht erforscht ist, weiß man nicht wirklich, woher die Probleme kommen“, erklärt Svenja Groß. Und ihre Mutter Antje Groß ergänzt: „Die Kardiologen haben bestätigt, dass es auch andere Fälle gibt, bei denen kardiologische Symptome auch dauerhaft auftreten. Eine gewisse Hoffnung haben wir jetzt, dass mit einer Impfung die Symptome besser werden oder sogar ganz verschwinden.“

Vorerkrankungen waren keine bekannt. Svenja Groß wurde sogar mehrmals sportmedizinisch durchgecheckt. Als sie noch für die TSG Niefern startete, „wurde ich von Wolfgang Hohl aus Pforzheim trainiert. Er hat uns zum Arzt geschleppt und uns durchchecken lassen, weil es ihm wichtig war, dass wir gesund trainieren“, berichtet die 19-Jährige. Zwei Mal wurde an der Universität Tübingen eine Leistungsdiagnostik unter anderem mit einem Belastungs-EKG gemacht. „Da war nie was“, sagt sie.

Kein Verständnis für Menschen, die Corona verharmlosen

Die große Frage, die Svenja Groß umtreibt, lautet: „Warum ich? Ich habe mich an alle Corona-Regeln gehalten, habe immer meine FFP2-Maske getragen, habe Abstand gehalten, im Krankenhaus meine Pausen mit offenem Fenster gemacht und, wenn zu viele Schwestern im Raum waren, habe ich mich in einen anderen Raum begeben und dort mein Vesper gegessen.“ Andere Personen haben sich währenddessen dagegen immer wieder mit Freunden getroffen oder sogar Partys gefeiert.

Über Menschen, die Covid-19 verharmlosen, ärgert sie sich maßlos. „Da werde ich ab und zu gegenüber meiner Mutter aggressiv, wenn ich auf Sozialen Netzwerken irgendwelche Postings sehe, bei denen man denkt: Jawohl, die haben es auch verstanden“, erzählt sie. „Da könnte ich schon was-weiß-ich machen. Aber es bringt nichts. Die meisten Menschen kann man nicht ändern.“

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