„Er hat es selbst früher umgesetzt“

Melanie Böhm profitiert von den Erfahrungen des achtfachen Deutschen Meisters über 400 Meter Hürden, Felix Franz, der die 21-Jährige trainiert. Die Hessigheimerin hat ihre Bestzeit in dieser Disziplin um vier Sekunden gesteigert. Bei der U-23-EM ist sie aber gestürzt.

Von Michael Nachreiner Erstellt: 14. Juli 2021
„Er hat es selbst früher umgesetzt“ Felix Franz (von rechts) geht mit Melanie Böhm noch einmal die richtige Technik der Hürdenüberquerung durch. Foto: Bürkle

Bietigheim-Bissingen. Felix Franz ist ein herausragener 400-Meter-Hürdensprinter gewesen. Bei den Europameisterschaften 2014 in Zürich sprintete er im Halbfinale mit 48,96 Sekunden die drittschnellste Zeit der Titelkämpfe und wurde am Ende Fünfter. Doch wegen gesundheitlicher Probleme wurde seine Karriere jäh ausgebremst. Mit nun 28 Jahren gibt er sein Wissen und seine Erfahrungen an die Topathleten der LG Neckar-Enz, Melanie Böhm und Marie Weller, weiter. Erstere führte er in der U 23 unlängst zum Deutschen Meistertitel über 400 Meter Hürden und nun zur EM in dieser Altersklasse in Tallinn. „Er hat so viel Erfahrung. Vor allem bezüglich der Hürden kann er Tipps geben, da er es selbst früher umgesetzt hat. Andere Trainer haben da den Nachteil, dass sie alles vielleicht nur in der Theorie gelernt haben“, berichtet Böhm, die heute ihren 21. Geburtstag feiert.

Die kontinentalen Titelkämpfe liefen für die 21-jährige Hessigheimer aber nicht wie gewünscht. Im Vorlauf rutschte sie vor einer Hürde aus und fiel daraufhin in das Hindernis. Zwar raffte sie sich wieder auf und kam nach 61,2 Sekunden noch nicht einmal als Letzte ihres Rennens ins Ziel. Anschließend wurde sie allerdings disqualifiziert, weil ihr vorgeworfen wurde, die Hürde absichtlich oder mit den Händen umgeworfen zu haben. „Ich habe den Sturz gar nicht mitbekommen. Ich habe erst wieder bewusst etwas wahrgenommen, als ich in der Hürde lag“, erinnert sich die 21-Jährige, die an der Technischen Hochschule Stuttgart Wirtschaftsinformatik studiert. „Später wurde mir berichtet, dass es so aussah, als ob ich vor der Hürde schräg aufgekommen bin. Dadurch bin ich wohl auf der Mondobahn weggerutscht. Es hatte davor stark geregnet, so dass der Wettkampf sogar für eine Stunde unterbrochen war. Die Organisatoren trockneten die Bahn zwar wieder ab. Doch die Bahn war an einigen Stellen noch nass. Und wenn so eine Mondobahn nass ist, wird sie rutschig.“

Zum Trainerjob ist Franz wie die Jungfrau zum Kinde gekommen. „Ich hatte schon zu meiner aktiven Zeit den Nachwuchs der U 14 mit als Trainer betreut und auch bei meinem Trainer Thomas Riegraf ausgeholfen. Doch ich hatte noch nie große Lust, aktiv Trainer zu sein. Das ist viel Zeitaufwand. Und ich war so oft als Athlet auf Sportanlagen, dass ich nicht immer etwas mit Sport machen muss. Außerdem sehe ich mich beruflich wo anders“, berichtet der Student des International Business und der Verfahrenstechnik. Doch dann erlitt Riegraf einen Schlaganfall, worauf Franz „die Spitzenathleten der LG Neckar-Enz abtelefoniert hat, um sich zu erkunden, wie sie versorgt sind“, erzählt der 28-Jährige, der in Kleinglattbach aufgewachsen ist. Innerhalb von zwei Wochen stellten er, aber auch die ehemaligen Athleten von Riegraf, Gina Daubenfeld aus Illingen, Nicole Ferenz und Tom Haller das Training neu auf. „Ich betreue seitdem den Leistungsbereich und helfe bei den anderen drei ein bis zwei Mal in der Woche im Breitenbereich aus“, erklärt Franz. „Wir haben das alles in Eigeninitiative organisiert und aufgeteilt, obwohl wir alle normalen Berufen nachgehen.“

So richtig angefreundet hat sich der 28-jährige ehemalige 400-Meter-Hürdensprinter mit seiner neuen Position als Trainer noch nicht wirklich. „Es ist sehr ungewohnt. Und vor allem ist es ein komisches Gefühl, wenn ich bei Wettkämpfen auf der Tribüne sitze und den Athleten nicht mehr helfen kann. Daran muss ich mich erst gewöhnen“, erzählt Franz. „Teilweise ist es auch hart zuzuschauen.“ Auch wenn seine letzte krankheitsfreie Saison schon sieben Jahre herliegt – „danach habe ich noch drei halbe absolviert“ (Franz) –, würde er am liebsten immer noch selbst auf der Tartanbahn stehen. Und vielleicht tut er das auch irgendwann mal selbst wieder. „Ich lasse mir alles offen, ich hatte zu viele OPs und Krankenhausaufenthalte. Aber ich habe wieder das Okay von den Ärzten für eine sportliche Belastung. Und es reizt mich schon noch“, erklärt der Bietigheimer.

Bei der Trainingsgestaltung greift Franz vor allem auf eigene Erfahrungen zurück. „Ich kann zum Beispiel viel besser einschätzen, welche Belastung welches Laufprogramm ist. Und ich kann mich in die Lage versetzen, wie man sich auf den Saisonhöhepunkt wie eine DM oder EM vorbereitet“, berichtet der 28-Jährige. Darüber hinaus hat er Schlüsse gezogen aus seinem eigenen Training als aktiver Läufer. Franz: „Erst in der Reflexion erkennt man Schwächen im eigenen Training. Melanie Böhm ist zum Beispiel ein Kraftmensch, der sehr explosiv ist. Mit ihr habe ich viel Langhanteltraining gemacht. Der Fokus lag auf schnellen Beinen und schneller Hüfte in Kombination mit Sprüngen. Und wir haben spezieller, wettkampfnäher trainiert und uns explizit auf Schwachstellen konzentriert. Das ist bei Melanie zum Beispiel der Rhythmus.“

Dennoch war vieles im vergangenen Jahr Stückwerk. Denn Böhm konnte nicht auf den Status „Kaderathletin“ bauen, weil sie nicht in den Landeskader berufen worden war. „Wegen Corona waren 2020 und 2021 die ersten Jahre, in denen man die Privilegien wie beispielsweise Training während des Lockdowns wirklich gebraucht hätte“, berichtet Franz. Denn so durfte sein Schützling lange nicht in eine Halle oder in einen Kraftraum. „Wir mussten viel improvisieren“, erklärt Franz. „Umso höher ist einzuschätzen, dass Melanie ihre Bestzeit über 400 Meter Hürden um vier Sekunden in einem Jahr auf 57,75 Sekunden bei der U-23-DM in Koblenz gesteigert hat.“

Die Hauptlast lag dabei bei Böhm. „Melanie hat sich den Großteil selbst erarbeitet“, berichtet Franz. „Ich habe zwar für jeden Tag einen Trainingsplan geschrieben, konnte aber nicht immer auf dem Sportplatz, in der Trainingshalle oder im Kraftraum sein.“ Unterstützt wurde die 21-Jährige vor allem von ihrem Vater. „Er hat bei den Technikeinheiten die Hürden aufgestellt und die Zeiten gestoppt“, erzählt Böhm. „Aber auch die Verantwortlichen des VfL Sindelfingen, wo ich im Winter bei Harald Olbrich trainiert habe, haben mich unterstützt – auch nach dem Tod von ,Harry‘ im Frühjahr.“

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