Die Stimme der Region

Ende der 1980er Jahre wird Michael Kloiber als Stadionsprecher bei der LG Neckar-Enz rekrutiert. Seitdem ist er der Mann am Mikrofon bei Leichtathletik-Events und bei den Handballern der SG BBM.

Von Michael Kloiber Erstellt: 22. März 2021
Die Stimme der Region Michael Kloiber

Kleinglattbach. Heide Ecker-Rosendahl hat als Sportlerin einige Höhen und Tiefen erlebt. Zu den Höhepunkten zählten sicherlich die beiden Goldmedaillen bei den Olympischen Spielen 1972 in München. Rund 15 Jahre später befand sich Ecker-Rosendahl, inzwischen Trainerin beim TSV Bayer Leverkusen, mit ihren Gefühlen am anderen Ende der Skala. „Das war der schlechteste Stadionsprecher, dem ich je bei einem Wettkampf zuhören musste“, sagte sie im Anschluss an die deutschen Schülermeisterschaften im Mehrkampf. Die fanden damals in Bietigheim statt – und der Stadionsprecher, das war ich.

Es war das erste Mal, dass ich diese Tätigkeit ausübte. Zu dem Job bin ich eher zufällig gekommen. Bei der Organisation der Titelkämpfe hatte mein Verein, die LG Neckar-Enz, damals an alles gedacht. Dass man bei nationalen Titelkämpfen jedoch auch jemanden am Mikrofon benötigte, war im ganzen Organisationstrouble irgendwie untergegangen. Da brachte der Trainer Gerhard Müller, der mittlerweile Geschäftsführer des Württembergischen Leichtathletik-Verbands (WFV) ist, mich ins Spiel: „Du hast doch so eine große Klappe. Mach Du das mal.“ Ich tat, wie mir geheißen. Das Ergebnis war eher suboptimal. Doch das war für mich nicht etwa frustrierend, sondern eher Ansporn, es künftig besser zu machen. Folglich besuchte ich wenig später eine vom Verband organisierte Sprecher-Schulung und eignete mir so das nötige Rüstzeug an. Es dauerte nicht lange, da wurde in Bietigheim die nächste DM ausgetragen – und diesmal lief das Ganze mit mir als Sprecher auch schon deutlich besser ab.

Vorbereitung ist das A und O beim Job als Stadion- oder Hallensprecher

Eines lernte ich schnell: Eine gewissenhafte Vorbereitung gehört zum Handwerk dazu. Früher musste ich beispielsweise im Vorfeld einer süddeutschen Meisterschaft stets auf den Geschäftsstellen der teilnehmenden Verbände anrufen. Da fragte ich zum Beispiel nach den Athleten mit Titelchancen und bat um die Zusendung der Bestenlisten. In dieser Zeit habe ich zahlreiche Faxe erhalten und mich durch richtige Papierberge gewühlt. Heute sind die Datenbanken ja alle online. Das ist kein Vergleich zu früher. Die Informationen, für die ich damals mehrere Tage Recherche-Arbeit benötigte, habe ich heute innerhalb von wenigen Stunden zusammen.

Im Laufe der Jahre sind immer mehr Events dazugekommen. Die Sprecherwelt ist überschaubar. Und so wurde ich über Mund-zu-Mund-Propaganda immer weiter empfohlen. Meine Wurzeln habe ich in all den Jahren jedoch nie vergessen. Wenn ich Zeit habe, moderiere ich daher auch gerne heute noch die eine oder andere Kreismeisterschaft, wenn es zeitlich passt. Bei diesen Veranstaltungen ist die Vorbereitung meist nicht ganz so einfach wie bei einem Großevent. Denn vorab ist es da oftmals schwieriger, an Informationen ranzukommen, dafür sind aber beim Wettkampf selbst auch die Erwartungen an den Sprecher nicht ganz so hoch.

Manchmal laufen bei Events auch Prominente mit. Ich kann mich zum Beispiel noch gut daran erinnern, als beim Bietigheimer Silvesterlauf einmal ein Regierungsmitglied am Start war. Natürlich gingen dann auch dessen Personenschützer mit auf die Strecke. Die taten mir hinterher ganz schön leid, denn der Chef war ziemlich flink unterwegs. Manchmal habe ich auch Verstärkung an der Seite. Den Silversterlauf moderiere ich gemeinsam mit Michael Joos und – wie lange Jahre auch den Stuttgart-Lauf – mit Achim Seiter, der eigentlich vom Triathlon kommt. Unsere Zusammenarbeit hat sich irgendwie so ergeben. Wir harmonieren und ergänzen uns gut. Wenn es passt, kann man sich die Bälle gut zuspielen.

So bin ich mit der Zeit als Sprecher ganz schön herumgekommen, habe hochklassige Wettbewerbe hautnah im Innenraum erleben dürfen. Allerdings handelte es sich dabei zwei Jahrzehnte lang stets um Leichtathletik-Veranstaltungen. Das war meine Sportart, da kannte ich mich aus. Das änderte sich im Jahr 2007. Die Handballer der SG Bietigheim-Metterzimmern (inzwischen SG BBM Bietigheim) feierten auch im zweiten Jahr nach dem Aufstieg in die 2. Bundesliga Süd den Klassenerhalt. Da standen sie plötzlich ohne Hallensprecher da: Harry Tietz, der diesen Job bis dahin jahrelang gemacht hatte, wollte kürzertreten. Da kam Günter Krähling, der Vorsitzende des SG-Stammvereins TSV Bietigheim, auf mich zu und fragte, ob ich mir vorstellen könnte, Tietz’ Aufgabe zu übernehmen. Ich war neugierig genug, um nicht gleich abzusagen. Was folgte, war ein Treffen mit dem Handballchef Claus Stöckle. Irgendwie schaffte er es, von mir eine Zusage zu erhalten. Aus alter Verbundenheit, schließlich ist der TSV Bietigheim mein Heimatverein.

Einen Tag später wurde ich der Zweitligamannschaft vorgestellt. Einen weiteren Tag später fand in der Bietigheimer Viadukt-Halle das erste Saisonspiel statt – mit mir am Mikrofon. Ohne, dass ich jemals zuvor ein Handballspiel live gesehen hatte. Doch nicht nur das. Auch die Kürzel, die auf den mir zur Verfügung gestellten Unterlagen hinter den Spielernamen standen, konnte ich im Vorfeld nur mit Unterstützung von Alexander List, dem damaligen Manager der SG, und Marco Wolff dechiffrieren. Auf diese Weise erfuhr ich, der Hallensprecher, dass zum Beispiel RR für Rechter Rückraumspieler und LA für Linksaußen steht. Wohlgemerkt: Diese Erklärungen fanden statt, während auf dem Feld ein offizielles Spiel der 2. Bundesliga lief.

Nicht nur, dass ich mit dieser Sportart noch nicht so wirklich vertraut war, auch was die Gepflogenheiten anging, musste ich mich umgewöhnen. Ich versuchte zunächst, dem Publikum mitzuteilen, was auf dem Feld geschah. Dies tat ich zumindest so lange, bis mir mein Regisseur Marco Wolf mit den Worten „Klappe halten!“ charmant zu verstehen gab, dass eine Kommentierung des Spielgeschehens weder erwünscht noch erlaubt war. Denn während es bei der Leichtathletik einen Startschuss gibt und ich danach munter drauf los reden kann und soll, ist es beim Handball umgekehrt. Zu allem Überfluss hatte an meinem Premierentag das Gästeteam aus Obernburg seinen Trikotsatz vergessen und musste sich somit von unserer Mannschaft Spielklei–dung leihen. Auf dem Feld spielte somit für mich, dem Handballneuling, Bietigheim gegen Bietigheim. Zwar hatte ich mir vorab alle Obernburger Spielernamen akkurat notiert, aber aufgrund der falschen Trikots stimmte die Zuordnung der Nummern natürlich nicht.

Die Reaktionen waren entsprechend: Den einen war ich zu laut, den anderen zu hektisch. Zum Glück gab es aber auch Menschen, denen meine Art zu moderieren gefiel. Der Verein stand ebenfalls voll hinter mir. Und ich war – ähnlich wie zu Beginn meiner Zeit als Leichtathletik-Stadionsprecher – motiviert dazuzulernen. Stück für Stück arbeitete ich mich in die neue Materie ein. Ich lernte die verschiedenen Auslösehandlungen im Angriff kennen und war in der Lage, diverse Abwehrformationen zu unterscheiden. Der ehemalige Topschiedsrichter Bernd Andler und unser eigener Schiedsrichterbeauftragter Rudolf Sauerbrey weihten mich zudem in die Regelge–heimnisse ein. Dank der professionellen Nachhilfe hatte ich meine Aha-Erlebnisse: Auf einmal konnte ich die Handzeichen der Unparteiischen entziffern und gewann ein Gefühl dafür, wann ein Stürmerfoul zu pfeifen war und wann man eine Regelwidrigkeit progressiv zu bestrafen hatte.

Beim Handball reagieren die Fans direkt auf die Ansagen

In einer Sache unterscheidet sich der Handball kolossal von der Leichtathletik: Man kann das Publikum viel mehr mitnehmen. Es reagiert sofort auf das, was der Sprecher sagt. Das ist eine große Verantwortung. Und die habe ich als Mann am Mikro nicht nur für unsere Mannschaft, sondern auch für das gegnerische Team und für das Schiedsrichtergespann. Selbst wenn ich nicht immer mit allen Entscheidungen einverstanden bin, darf ich das niemals über das Mikrofon kundtun. Ich möchte niemals jemanden vorführen. Fairplay steht für mich über allem – und das gilt auch für den Umgang mit den Gästefans.

In den vielen Jahren, die ich nun schon das Mikrofon in der Hand halte, habe ich einiges erlebt. Was mich immer wieder freut, ist, wenn dabei auch die englische Sprache eine Rolle spielt. Bei der Handball-WM der Frauen 2017 zum Beispiel. Da fand ja eine Vorrundengruppe hier in Bietigheim statt – mit mir als Hallensprecher. Zudem treten die SG-Damen, deren Partien ich mittlerweile auch moderiere, in der Champions League an. Und auch im Männerbereich kommt es immer wieder vor, dass man sich auf Englisch verständigt.

Die Sprechertätigkeit hat es mir ermöglicht, Menschen zu treffen, denen ich sonst nie begegnet wäre: Usain Bolt zum Beispiel oder Fürst Albert von Monaco. Besonders ans Herz gewachsen sind mir auch die beiden Handballer Robin Haller und Christian Schäfer. Die beiden sind zusammen mit mir, als ich meinen Sprecher-Job bei der SG angefangen habe, nach Bietigheim gekommen. Und ich durfte deren Karrieren hautnah verfolgen. Meine persönlichen Höhepunkte waren sicherlich mein Einsatz bei der Frauen-WM 2017 sowie die beiden Aufstiege der Männer in die 1. Bundesliga. Diese Momente werde ich nie vergessen. In all den Jahren als Hallensprecher habe ich nur ein Spiel verpasst. Damals hatte ich Grippe, und so musste eine Vertretung den Vergleich mit dem THW Kiel moderieren.

• Der Text ist im Rahmen der Serie „Mein Moment“ der Sport-Region Stuttgart entstanden, die im Jahr 2021 auf ihr 25-jähriges Bestehen blickt. In der Serie kommt jede Woche eine Person zu Wort, die im vergangenen Vierteljahrhundert einen besonderen sportlichen Moment erlebt hat.

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