Eine Achterbahnfahrt mit Happy End

Jonas Engler erlebt in den vergangenen Monaten Hochs und Tiefs, nachdem das Männerfußballteam der Valparaiso University aufgelöst wurde, an der er studiert. Doch der Illinger findet einen Weg, seinen Abschluss zu machen und bei 08 Bissingen Fußball zu spielen.

Von Michael Nachreiner Erstellt: 1. August 2020
Eine Achterbahnfahrt mit Happy End In der Hinrunde der Saison 2020/2021 läuft Jonas Engler für den FSV 08 Bissingen in der Fußball-Oberliga auf. Foto: Baumann

Illingen. Eine wahre Achterbahnfahrt hat Jonas Engler in den vergangenen acht Monaten absolviert. „Es gab viele Up and Downs“, berichtet der 22 Jahre alte Illinger. Doch in der Zwischenzeit hat sich fast alles zum Guten gewendet. Der Fußballer kann noch bis Weihnachten sein Studium an der Valparaiso University im US-Bundesstaat Indiana von zu Hause aus im Fernstudium fortsetzen. Und nach der Auflösung des Fußballprogramms bei den Crusaders, wie das Sportprogramm der Universität genannt wird, hat er vorübergehend beim FSV 08 Bissingen in der Oberliga eine neue sportliche Heimat gefunden. Für die Mannschaft von Trainer Alfonso Garcia wird er in der Hinrunde auflaufen. Dann geht es für den 22-Jährigen für ein halbes Jahr wieder zurück in die USsA. Um seinen Bachelor in Sportsmanagement und Business abzulegen, benötigt der Illinger noch ein paar Studienleistungen, die er nur im Präsenzunterricht erreichen kann, und muss noch ein Pflichtpraktikum absolvieren.

„Ich bin erst einmal wieder froh, dass ich wieder regelmäßig trainiere und wieder Spaß am Fußball habe“, erklärt Engler. „Zuletzt an der Valpo, wie die Valparaiso University kurz genannt wird, habe ich nur Fitness gemacht.“ Und bisher hat es sich gut angelassen für den 22-Jährigen bei 08 Bissingen. „Ich genieße es, dass ich jetzt auch mit älteren und erfahrenen Spielern zusammen trainiere und spiele“, berichtet der Illinger. „In den USA fehlt es manchmal an der Reife mancher Spieler – zum Beispiel bei Konkurrenzkämpfen innerhalb eines Teams.“

Doch Engler, der zusammen mit Pierre Williams ein Linksverteidigerduo bei den Nullachtern bildet, hat auch durchaus Ansprüche, auch wenn er vorerst nur rund ein halbes Jahr das Trikot der Bissinger tragen wird. „Ich fühle mich bei 08 superwohl und weiß, dass ich dem Team helfen kann. Ich kann auf jeden Fall mithalten.“ Denn auch, wenn er überzeugt ist, dass man fußballerisch die deutschen Ligen und die US-amerikanischen College-Conferences nicht miteinander vergleichen kann, hat er in den vergangenen drei Jahren bei den Crusaders einen großen Schritt nach vorne gemacht. „Fußball in Deutschland und in den USA sind fast zwei verschiedene Sportarten. In den Staaten wird viel mehr wert gelegt auf die Athletik, während der europäische Fußball taktischer geprägt ist“, berichtet Engler. Doch gerade das Athletiktraining an der Valpo hat ihm sehr weitergeholfen. „Als ich ans College gegangen bin, hatte ich schon etwas Spielverständnis, aber mir hat die Athletik gefehlt. Jetzt habe ich auch einen Körper und kann mein Spielverständnis einbringen. Dabei habe ich gar nicht gemerkt, wie viel Athletik ich am College hinzugewonnen habe.“

Doch wie kam es überhaupt, dass Engler einen Teil seines Seniore-Jahres, also seines Abschlussjahres am College, zum Teil in der Heimat verbringt und in der Zeit für den FSV 08 Bissingen aufläuft? „Nach meiner dritten Saison für die Crusaders im November des vergangenen Jahres kam der Präsident der Valparaiso University, Marc Heckler, zu uns in die Kabine und eröffnete uns, dass das Männer-Team mit sofortiger Wirkung aufgelöst wird“, erinnert sich der 22-Jährige. „Eine Vorwarnung für die Coaches oder eine Erklärung, warum, gab es keine. Das war für uns alle erst einmal ein großer Schock.“ Und nicht nur für die Fußballer, sondern für die ganze Universität. „Wir waren ein recht beliebtes Team auf dem Campus und haben viel Zuspruch bekommen. Einer der Professoren hat sogar eine komplette Unterrichtsstunde geopfert und nur über die Situation bei uns Fußballern diskutiert“, erzählt der Illinger.

Am Erfolg könne es auf jeden Fall nicht gelegen haben, mutmaßt Engler. „In der Hauptrunde der Missouri Valley Conference waren wir immer eins der erfolgreicheren Teams. Wir waren aber keine Mentalmonster. Im Conference-Tournement, praktisch den Playoffs, sind wir immer früh ausgeschieden“, erklärt er.

Damit stand der Linksverteidiger im Dezember des vergangenen Jahres ohne Verein da. „Ein Gutes hatte die ganze Situation wenigstens: Die Universität muss mein Stipendium bis zum Abschluss erfüllen“, berichtet Engler. „Der Hauptgrund, weshalb ich rüber gegangen bin, war aber der Fußball. Deshalb war mein erster Gedanke auch, eine neue Uni zu finden.“

Engler schnitt kurzerhand ein Highlightvideo seiner Einsätze zusammen und bewarb sich damit bei rund 50 Schulen – unter anderem auch bei der Loyola University Chicago, die auch Interesse bekundete, dass der 22-Jährige in ihr Fußballprogramm wechselt. „Ich hätte noch nicht einmal ein Red-Shirt-Jahr einlegen müssen, wäre also nach dem Wechsel auf grund der besonderen Umstände nicht für eine Saison vom Spielbetrieb gesperrt worden“, erzählt Engler. „Doch dann habe ich mich etwas näher damit beschäftigt. Und da kam der Schock: Nur 15 Kurse, die ich an der Valpo belegt hatte, wurden anerkannt. Damit hatte es keinen Sinn mehr, an die Loyola Chicago zu wechseln, weil ich dann bis zu diesem Sommer meinen Abschluss allein schon zeitlich nicht geschafft hätte.“

Im Februar 2020 stand der Illinger erneut ohne Plan da, während viele seiner Mannschaftskameraden – vor allem Freshmen und Sophomores, also Studenten im ersten und zweiten Jahr – eine andere Universität gefunden hatten. „Schon im Frühjahrssemester waren nur noch fünf Jungs aus dem Team an der Valpo eingeschrieben“, erklärt Engler. Eine neue Idee reifte bei dem 22-Jährigen. Engler: „Noch vor dem Corona-Lockdown bin ich auf das Studentensekrätariat zugegangen und habe mit den Angestellten dort abgeklärt, dass ich bis Weihnachten Kurse nur online belege.“

Gleichzeitig nahm Engler Kontakt mit seinem ehemaligen Trainer Fabrizio D’Amario beim FV Löchgau auf, der nun als Assistent von Alfonso Garcia beim FSV 08 Bissingen aktiv ist. „Ich habe ihm meine Situation erklärt. Denn mit ihm hatte ich schon immer ein gutes Verhältnis.“ Bei einem Probetraining hat er auch Garcia überzeugt. „Damit war schnell klar, dass ich für die Hinrunde an den Bruchwald wechseln werde“, berichtet der Illinger.

Seinen Traum, einmal Profi zu werden, mit dem er in die USA ans College gegangen ist, hat Engler damit aber noch nicht aufgegeben. „In den letzten sieben oder acht Jahren sind vier oder fünf Spieler von der Valpo gedraftet worden“, erzählt der Illinger, bekamen also einen Vertrag in der Major League Soccer (MLS), der US-amerikanischen Profiliga. „Valpo hat aber noch mehr Profis rausgebracht. Viele Spieler haben durch die zweitklassige United Soccer League (USL) den Sprung nach Europa geschafft“, ergänzt der 22-Jährige. Auch Engler wollte den nächsten Schritt in diese Richtung gehen: Für diesen Sommer hatte er eigentlich geplant, sich in den Sommer durch den Einsatz in einer Art Sommerliga zu präsentieren.

Die Erfahrungen der vergangenen acht Monate haben Engler allerdings auch reifen lassen. „Ich bin kein Träumer. Was ich zuletzt gelernt habe, ist auf jeden Fall, dass es keinen Sinn hat, langfristig zu planen.“

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