Legenden auf Abschiedstour

Marcus Sommerfeld und Bastian Steingroß beenden nach sieben Jahren bei den Bietigheim Steelers jeweils ihre Karriere

Erstellt: 21. März 2019
Legenden auf Abschiedstour Angreifer Marcus Sommerfeld (links), der vor allem für seine wuchtigen Schüsse von der blauen Linie bekannt ist, und Verteidiger Bastian Steingroß (rechts) beenden nach dieser Saison ihre Eishockey-Karriere. In den vergangenen sieben Jahren standen sie bei den Bietigheim Steelers vor allem für eins: Erfolg. Fotos: Baumann

Wenn harte Männer ihre Tränen kaum zurückhalten können, muss es sich um einen besonderen Moment handeln. Einen solchen erlebten die Eishockey- Profis Bastian Steingroß (36) und Marcus Sommerfeld (35) von den Bietigheim Steelers beim letzten DEL-2-Hauptrunden-Heimspiel gegen Bayreuth. Beide hängen ihre Schlittschuhe an den Nagel.

Bietigheim-Bissingen (ae). Es war der emotionale Augenblick schlechthin bei der Partie der Deutschen Eishockey Liga (DEL) 2 zwischen den Bietigheim Steelers und den Bayreuth Tigers am letzten Spieltagswochenende der Hauptrunde. Der 35 Jahre alte Marcus Sommerfeld und der einen Lenz ältere Bastian Steingroß wurden nach jeweils sieben Jahren im Steelers-Trikot offiziell verabschiedet. Steingroß wird zum Eishockey-Schiedsrichter umsatteln. Sommerfeld will sich als Feuerwehrmann eine Zukunft in seiner Heimat Kanada aufbauen. Viele aktuelle und einstige Weggefährten kamen in Videobotschaften zu Wort und erinnerten an gemeinsame Zeiten und Erfolge. Noch lange nach Spielende feierten die Anhänger die beiden Routiniers mit stehenden Ovationen sowie „Basti“- und „Marcus“-Sprechchören.

„Das war sehr emotional“, sagt Angreifer Sommerfeld. „Ich habe versucht, nicht zu weinen. Aber als meine Kinder mit Tränen in den Augen aufs Eis gekommen sind, hat es mich auch erwischt.“ Ähnlich gerührt war sein Verteidiger-Kollege Steingroß: „So von den Fans und der Mannschaft verabschiedet zu werden, ist einmalig und zeigt, dass wir immer alles für das Team und den Verein gegeben haben.“

Mit Sommerfeld und Steingroß standen Steelers jedes Jahr im Finale

In der Tat trug das Duo mit konstant starken Leistungen zur erfolgreichsten Zeit der Steelers-Geschichte bei. Seit die zwei Haudegen aus Sachsen nach Bietigheim gewechselt sind, stand der Klub jedes Mal im Playoff-Finale. Drei Titelgewinne, drei Vizemeisterschaften und ein Pokalsieg stehen in ihrer Vita. Sowohl „Steini“ als auch Sommerfeld haben mehr als 400 Spiele für die Schwaben auf dem Buckel und genießen längst einen Legenden-Status. „Noch denke ich gar nicht ans Abtreten, denn wir haben noch viel vor. Unser großes Ziel ist die Titelverteidigung, die bisher ja noch keiner Mannschaft gelungen ist“, sagt Steingroß, der seit dem vergangenen Wochenende mit den Steelers gegen Dresden um den Einzug ins Halbfinale kämpft. Für ihn und Sommerfeld wäre es der vierte Titel – und die Krönung einer langen Laufbahn.

Was nach sieben Jahren in Bietigheim hängen bleibt? „Die erste Meisterschaft“, sagt Steingroß ohne Zögern. „Weil damals auch keiner damit gerechnet hat, dass wir eine so gute Saison spielen und sogar Meister werden würden.“ Im April 2013 war dies. Steingroß schoss damals im sechsten Spiel der Finalserie bei den Schwenninger Wild Wings gar das Siegtor zum 4:3 und war der Held des Abends. Auch Vorzeigeprofi Sommerfeld bezeichnet jenen ersten Titel als „besonders“. „Ich hatte viele super Eishockey-Momente, aber am meisten werde ich die Freunde vermissen, die wir hier gewonnen haben – in der Kabine und auch im Förderverein. Das sind nicht nur Sponsoren und Fans, sondern echte Freunde“, stellt der Deutsch-Kanadier fest.

Der zur Spielzeit 2012/13 von den Lausitzer Füchsen ins Ellental gewechselte Sommerfeld nennt Bietigheim „unsere zweite Heimat“ und fährt fort: „Meine Familie und ich haben uns in dieser sportverrückten Stadt immer sehr wohlgefühlt.“ Deshalb schlug er auch einige lukrative Angebote der Konkurrenz aus. „Die Entscheidung ist uns nie schwergefallen. Wegen ein bisschen mehr Geld war es uns nicht wert, Bietigheim zu verlassen“, sagt der 1,82 Meter große Außenstürmer und Powerplay-Spezialist. Steingroß sieht das ähnlich: „Viele Profis führen ein Zigeunerleben und sind jede Saison woanders. Ich hatte das Glück, dass ich sieben Jahre hier in Bietigheim sein durfte.“ Dass er so allerdings nie mehr in der DEL auflaufen konnte – zwischen 2003 und 2006 spielte er für Freiburg, Hannover und Ingolstadt in der deutschen Eliteklasse – bereut der Defensivmann nicht: „Ich hatte das Bedürfnis, eine größere Rolle zu spielen, als nur siebter oder achter Verteidiger in der DEL zu sein. Das ist mir in der zweiten Liga ganz gut gelungen. Schließlich lieben und betreiben wir unseren Sport, weil wir spielen wollen – und nicht, um zuzugucken.“

Mitte Mai zieht es ihn mit Ehefrau Conny und dem fünfjährigen Sohn Sam in seine Geburtsstadt Berlin zurück, wo die Familie übergangsweise eine Wohnung bezieht. Ein Haus im Stadtteil Köpenick ist gerade im Bau. Der Bezug ist für Oktober geplant. Vor der Einschulung soll der Filius an der Spree noch ein Jahr in den Kindergarten gehen, Fuß fassen und Kumpels kennenlernen, so Steingroß. „Meine Frau hat mich 15 Jahre lang unterstützt und musste viel zurückstecken. Eishockey stand immer an erster Stelle. Jetzt ist es an der Zeit, in unsere Heimat zu gehen und ein ‚normales’ Leben zu führen“, sagt der 36-jährige Familienmensch, der gerade auf Jobsuche in der deutschen Hauptstadt ist.

Dem Eishockey wird er freilich treu bleiben – als Schiedsrichter bei seinem Stammverein Eisbären Berlin. Wie viele Ex-Profis strebt er eine zweite Laufbahn im schwarz-weiß gestreiften Trikot der Unparteiischen an. In den vergangenen zwei Jahren pfiff er bereits für den Landesverband Baden-Württemberg. Die ersten Erfahrungen als Hauptschiedsrichter sammelte er bei Begegnungen im Nachwuchsbereich, inzwischen ist Steingroß in der Landes- und der Regionalliga Südwest im Einsatz. Zur neuen Saison wechselt er zum Deutschen Eishockey-Bund (DEB), um in der nächsthöheren Spielklasse, der Oberliga, für Recht und Ordnung auf dem Eis zu sorgen. „Regelkunde wird bei den Spielern nicht so großgeschrieben. Die wissen auch nicht alles, manche sogar sehr wenig“, berichtet Steingroß aus eigener Erfahrung – und fährt mit einem Schmunzeln fort: „Ich hoffe sehr, dass ich irgendwann in Bietigheim pfeifen darf und dann hoffentlich nicht ausgepfiffen werde.“

Aus Familiengründen Entscheidung, nach Kanada zurückzukehren

Unwahrscheinlich ist hingegen, dass sein Mitstreiter Sommerfeld auch in Zukunft ab und zu noch im Ellental auftaucht. Denn er kehrt im Sommer ebenfalls zu seinen Wurzeln zurück und lässt sich mit der vierköpfigen Familie in der Nähe von Vancouver nieder. Auf Mitte Juli ist der Umzug terminiert. „Ich persönlich hatte bisher eine gute und erfolgreiche Saison ohne Verletzungen, fühle mich sehr gut und hätte vielleicht noch ein, zwei Jahre auf diesem Niveau weiterspielen können. Aber aus Familiengründen ist die Entscheidung richtig, jetzt einen Schnitt zu machen und nach Kanada zurückzugehen“, sagt der 35-Jährige mit Blick auf seine Frau Hannah sowie die Kinder Noah, zehn Jahre alt, und Heidi, fünf Jahre alt.

Er sieht seine berufliche Zukunft als Feuerwehrmann. Einen eineinhalbjährigen Fernkurs hat er bereits erfolgreich abgeschlossen. In den vergangenen Sommerferien absolvierte er zudem nahe Toronto eine vierwöchige praktische Ausbildung. Seit September arbeitet Sommerfeld ehrenamtlich bei der freiwilligen Feuerwehr in Bietigheim-Bissingen aktiv mit und nimmt an deren Übungen teil. Bei seiner vorzeitigen Verabschiedung vor gut zwei Wochen waren auch 20 Kameraden in der Arena. Und Kommandant Frank Wallesch überreichte ihm noch auf dem Eis symbolisch einen Helm.

Marcus Sommerfeld sieht seine Zukunft als Feuerwehrmann

Eine Stelle in Kanada hat Sommerfeld zwar noch nicht, aber er hofft, dass ihm bei der Bewerbung seine herausragenden sportlichen Qualitäten und die bisher drei Meisterschaften behilflich sind. Denn in Nordamerika hat fast jede Feuerwehreinheit ein Eishockey-Team. „Feuerwehr gegen Polizei ist da ungefähr so brisant wie ein Derby“, sagt der langjährige Steelers-Profi, der auch nach dem Karriereende weiter mit seinen knallharten Schüssen auftrumpfen will, dann eben in der Freizeit: „Ich liebe diesen Sport und kann nicht völlig aufhören.“

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