September: Die Weinberghut im Wandel der Zeit

Erstellt: 1. September 2010
September: Die Weinberghut im Wandel der Zeit Ein Wengertschütz mit Rätsche. Foto: VKZ-Archiv

Vaihingen (ma) – Die Vaihinger Kreiszeitung begleitet in ihrer Serie „Von der Rebe ins Glas“ ein Jahr lang jeden Monat die Mitglieder des Arbeitskreises der Vaihinger Weinbaubetriebe um zu zeigen, welcher Aufwand betrieben wird, bis der Wein getrunken werden kann. Die achte Folge beschäftigt sich mit der Weinberghut – einer Maßnahme, die die reifen Trauben vor Vogelfraß schützen soll.

Im Herbst, wenn die Trauben ausfärben und zunehmend süßer werden, sind es vor allem Stare, Schwarzamseln und Wacholderdrosseln, die in Scharen in die Weinberge einfallen und teilweise für große Schäden sorgen. Die Wengerter bezeichnen diese Vogelarten als Schadvögel. Am häufigsten findet man sie in Ensingen, Horrheim und Gündelbach. Die Weinberge dort sind umsäumt von Vogelschutzgebieten und Gebüschen, in denen die Vögel ausgezeichnete Übernachtungsmöglichkeiten finden. Ulrich Allmendinger, Vorstandsvorsitzender der Genossenschaftskellerei Roßwag-Mühlhausen, erinnert sich, dass 1974 in Roßwag der letzte Vogeleinfall mit beträchtlichem Umfang war. Ein Tag vor der Lemberger-Lese fielen damals Stare in Schwärmen ein und richteten erheblichen Schaden an.
„Wir sind in diesem Herbst froh, wenn wir auf Grund der extrem ungünstigen Wetterlage und dem häufigen Befall von Wespen und Mücken unsere Trauben gesund in die Kelter bringen“, so Thomas Honold von der Staatlichen Lehr- und Versuchsanstalt für Wein- und Obstbau in Weinsberg. Verständlich, dass in so einer Situation die Wengerter Maßnahmen ergreifen, um die Trauben vor Vogelfraß zu schützen.
Früher war hierfür ein Wengertschütz (Weinberghüter) angestellt, der von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang durch die Weinberge ging und mit der Rätsche, einer Wengerter-Peitsche und einer Schreckschuss-Pistole die Vögel verjagte. Die erste Erwähnung eines Herbstbanns oder Weinlesebanns erfolgte in einer Weinbauordnung in Österreich im Jahr 1352. Diese beinhaltete unter anderem detaillierte Vorschriften zum Hütewesen, die strenge Strafen vorsahen. So durfte jeder, der bewaffnet einen Weinberg betrat, getötet werden. Beim Diebstahl von nur drei Weintrauben wurde man schon als „schädlicher Mann“ bezeichnet. Wenn man sich einer Verhaftung widersetzte, konnte man als vogelfrei erklärt werden. Nur rechtschaffene Männer wurden mit der Wacht über die Weinberge beauftragt. In der Frühzeit des Weinlesebanns waren dies junge Männer, für die jeweils eine vermögende Person die Bürgschaft für den Fall, dass der Hüter seinen Dienst nicht nachkam, übernehmen musste. Das Hüteramt brachte damals gesellschaftliches Ansehen.
Die Schließung der Weinberge wurde in unserer Gegend erst in den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts aufgehoben – die Wengerthut wurden jedoch beibehalten. Heute übernehmen diese Tätigkeit vollautomatische Schussapparate oder Lautsprecher, die Angstschreie der Schadvögel aussenden.
Wir haben uns in den umliegenden Weinbergen umgesehen und sind auf viele Arten der Vogelabwehr gestoßen. Die einfachste Variante ist die Vogelscheuche. Hier hat der Bastler fluoreszierende Bänder an Holzgestellen befestigt, zusätzlich sorgen gebrauchte CDs für Lichtspiegelungen. Manche Winzer schwören auf Lautsprecher, die in unregelmäßigen Abständen die Angstschreie der Schadvögel ausstoßen. Die Möglichkeit, die Trauben mit Netzen zu schützen, wird weniger häufig angewandt, da die gesetzlichen Auflagen für die Anwendung dieser Methode ziemlich streng sind und sie als Schutz vor allem gegen Amseln wirksam sind.
Weniger aufwendig aber zunehmend problematisch wegen Lärmemissionen ist der Einsatz von akustischen Warngeräten. Für den Einsatz akustischer Geräte zur Vogelabwehr gelten strenge Regularien. Die tägliche Betriebszeit muss auf die unbedingt notwendige Dauer beschränkt bleiben. Die Geräte dürfen daher nicht vor Tagesanbruch eingeschaltet und müssen spätestens bei einsetzender Dämmerung abgeschaltet werden. Die Schussfolge sollte höchstens ein Schuss alle fünf bis zehn Minuten betragen, da sonst ein Gewöhnungseffekt bei den Vögeln entsteht.

Weiterlesen
Januar: Winterschnitt und Kellerwirtschaft

Januar: Winterschnitt und Kellerwirtschaft

Drucken Vaihingen (elf) – Zu einem guten Wein gehört weitaus mehr als ein ordentlicher Boden und viel Sonne. Bis ein guter Tropfen Rebensaft die Kehle hinunterfließt, haben sich die Weingärtner ein ganzes Jahr lang täglich für die Qualität... »