KW 50 – Ein Wolf im Schafspelz: das Rotkehlchen

Erstellt: 8. Dezember 2008

Liebe Leser,
endlich mal wieder etwas Schönes, mögen Sie jetzt denken. Dunkle Knopfaugen, eine rundliche Gestalt – beim Rotkehlchen, da schmilzt selbst der Naturmuffel dahin. Gerade jetzt, da die Bäume und Sträucher ihre Äste nackt in den Himmel recken, leuchtet es mit seiner orangefarbenen Brust aus dem Dickicht hervor und wärmt durch seine Existenz unser Herz.

„Aber wehe wehe, wenn ich auf das Ende sehe“, passt nicht nur zu den zwei Lausbuben, die der Feder von Wilhelm Busch entsprungen sind. Auch das Rotkehlchenmännchen birgt ein bedenkliches Potenzial in sich. Kaum zu glauben, dass die possierlichen Vögel einen gewissen Hang zur Randale in sich tragen. Ein Rotkehlchenmännchen verteidigt sein Revier nicht nur mit fabelhaftem Gesang. Immerhin rund 275 Motive können beim Gezwitscher der bis zu 14 Zentimeter großen Piepmätze unterschieden werden. Ein großer Teil davon ist, nebenbei bemerkt, geklaut: von Amsel, Meise, Fink und Zilpzalp zum Beispiel. Wagt sich trotz allem ein Widersacher in das mehrere Hundert Quadratmeter umfassende Reich eines Rotkehlchenhahnes, kann dieser besonders zur Paarungszeit rabiat werden. Mit seinen bis zu 18 Gramm Lebendgewicht stürzt er sich auf den Eindringling, wobei die Kontrahenten sich ineinander verkrallen und versuchen, dem Gegner die Augen auszuhacken. Gibt keiner der beiden nach, kann die Auseinandersetzung sogar mit dem Tod enden. Der Schein des niedlichen Vögelchens trügt also irgendwie und das ist hin und wieder auch beim Gesang der Fall. Denn das liebliche Lied der Vogelkehle kann bei der Revierverteidigung zu einem Gezeter mit einer Lautstärke von bis zu 100 Dezibel anschwellen – das entspricht dem Geräuschpegel einer Kettensäge.
Überhaupt scheint der Rotkehlchenmann ein rechter Rüpel zu sein. Selbst das Weibchen, das seinem Lockruf folgt und seine Nähe sucht, muss den aggressiven Macho erst ausdauernd beschwichtigen. Wie ein stolzer Gockel plustert sich das Männchen zunächst auf, schaukelt hin und her und schmettert laute Strophen in die Welt hinaus. Das Weibchen begegnet dem Angeber mit einer ausgefeilten Besänftigungstaktik, bei der sie auf kindliches Getue und leisen Gesang setzt. Sie braucht einen langen Atem, denn das Theater des Männchens kann mehrere Tage anhalten. Selbst von Vogelkundlern wird berichtet, die aufgrund ihres orangeroten Bartes von Rotkehlchenhähnen attackiert wurden.
Die Männchen von Erithacus rubecula, so der wissenschaftliche Name des Singvogels aus der weiteren Verwandtschaft der Drosseln, haben es wirklich nicht leicht. Zur Freude des Menschen singen sie – angeblich – auch im Winter, allerdings nicht so häufig. Das hat aber zur Folge, dass sich der Rotkehlchenmann an jedem frostigen Morgen der gleichen Frage gegenübersieht: singen oder fressen? Wer zu viel singt, kann nur wenig fressen. Wer wiederum zu wenig frisst, stirbt möglicherweise zu früh. Wer zu wenig singt, verliert im schlimmsten Fall sein Revier. Zwei Forscher der Universität Bristol kamen bei ihren Untersuchungen zu diesem Dilemma zu dem Schluss, dass die Vögel sich generell vor dem Winter ein Fettpolster für drohende Kälteeinbrüche anfressen. Wer tut das nicht, speziell jetzt vor Weihnachten? Nach milden Winternächten konnten die Männchen sich in den frühen Morgenstunden eher beim Singen verausgaben. Auch laut Computersimulationen sei es am effektivsten, in der Morgendämmerung zu zwitschern, da die Kälte der Nacht bereits überstanden sei und abgeschätzt werden könne, wie weit die Reserven über den Tag reichen, so die Wissenschaftler John McNamara und Innes Cuthill. Vor allem die Stadtrotkehlchen bevorzugen zum Singen die Nacht, um der Geräuschkulisse des Tages zu entgehen.
Rotkehlchen genießen die uneingeschränkte Sympathie der meisten Menschen unter anderem deshalb, weil sie einen äußerst zutraulichen Eindruck machen. So mancher Hobby-Gärtner freut sich Jahr für Jahr über „sein“ Rotkehlchen, das ihm bei der Gartenarbeit um die Füße hüpft. Dabei handelt es sich vermutlich schon um die soundsovielte Vogelgeneration. Die meisten von ihnen überleben ihr erstes Lebensjahr nicht, das Lebensalter soll drei bis vier Jahre betragen, manche Quellen geben allerdings sogar zehn und mehr Jahre an. Die Piepmätze suchen die menschliche Nähe nicht aus Zuneigung, sondern weil bei der Gartenarbeit schmackhafte Würmer zu Tage gefördert werden. Kleingetier gehören zum festen Speiseplan der gefiederten Sänger, doch auch Beeren werden gerne verspeist.
Sobald der Winter naht, machen sich einige Exemplare unserer heimischen Rotkehlchen auf den Weg in den warmen Süden, andere wiederum bleiben hier. Die Daheimgebliebenen müssen zwar die harten Wintermonate überstehen, umgehen aber die Gefahren der langen Reise. Zu uns kommen Wintergäste aus dem Norden, unsere Reisenden lassen sich in Südeuropa nieder. Dass die Vögel sich auf diesem langen Flug am Magnetfeld der Erde orientieren, ist schon länger bekannt, nur das Wie war noch ein Rätsel. Mittlerweile scheint klar: In erster Linie liefert ein Sensor im Auge bei Tageslicht die nötigen Daten zur Orientierung im Erdmagnetfeld. Bei völliger Dunkelheit jedoch springt ein Magnetsensor im Schnabel an.
Die Reisenden gucken bei ihrer Heimkehr nicht selten in die Röhre, denn die „Stubenhocker“ haben sich schon in den Revieren breit gemacht. Sehr früh, ab Ende Dezember, fangen sie an, mit dem anderen Geschlecht zu poussieren. Das Weibchen hat dabei anfangs, wie schon erwähnt, keinen leichten Stand. Ab Anfang April legt das Weibchen nach der Kopulation drei bis sieben Eier in ein Nest, das manche Zweibeiner mitunter verzweifeln lässt. Denn die Rotkehlchen-Dame, die ihrem Mann zum Verwechseln ähnlich sieht, ist eine guter Baulöwe.
Turbo-Nestbau im Menschenbett
So zitiert der Naturschutzbund Deutschlands: „Einmal soll gar ein Gärtner seinen Mantel um 9.15 Uhr abgehängt und um 13 Uhr ein fast fertiges Rotkehlchennest in seiner Tasche vorgefunden haben. Ein weiteres dieser Tiere bekam zu Brutzwecken ein Menschenbett zugestanden. Während der Bettbesitzer beim Frühstück war, hatte es darin mit dem Nestbau begonnen. Als der Eigentümer zurückkam, sah er sich vor vollendeten Tatsachen und schlief bis zum Ausfliegen der Jungen woanders.“
Üblicherweise bevorzugt das Weibchen für die Kinderstube aus Naturmaterialien aber die Bodennähe. Höhlen und Halbhöhlen aber auch Töpfe und Dosen stehen als Standort fürs Nest hoch im Kurs. Rund zwei Wochen nach der Eiablage schlüpft das Jungvolk und nochmal zwei Wochen später verlassen die Kleinen das Nest. Obwohl der Bestand der Tierart recht robust ist und sie als nicht gefährdet gilt, setzen natürliche Feinde und der Mensch ihr heftig zu. Neben der Zerstörung des Lebensraumes lassen immer noch Singvögel ihr Leben in Netzen südländischer Vogelfänger und enden als „Rotkehlchen am Spieß“.
Wer das Rotkehlchen dagegen mag, kann dem kleinen Wolf im Schafspelz mit einem unaufgeräumten Garten helfen. Und mit einer Badestelle, die sogar im Winter genutzt wird. Knallharte Typen eben, diese Piepmätze.
Sabine Rücker
Fragen und Anregungen per E-Mail an info@vkz.de oder per Fax: (07042) 91999

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