KW 42 – Das Mauerblümchen Zimbelkraut

Erstellt: 18. Oktober 2010
KW 42 – Das Mauerblümchen Zimbelkraut Das Zimbelkraut an der Vaihinger Stadtmauer. Foto: Rücker

Liebe Leser,

heute nochmal, weil’s so schön ist, ein Blümchen. Die kleine Pflanze ist ein echter Knüller und hat einige Tricks auf Lager. Außerdem hat sie den lustigen Namen Zimbelkraut und jeder Vaihinger müsste sie kennen.

Wer an Vaihingens Stadtmauer vorbeiläuft, muss sie schon gesehen haben. Sie ist nämlich das Mauerblümchen schlechthin. Und das tatsächlich. Es war sogar mir neu, dass das Zimbelkraut ganz offiziell Mauerblümchen genannt wird.Wissenschaftlich heißt die Pflanze Cymbalaria muralis und gehört zur Familie der Wegerichgewächse. Ihr offizieller deutscher Name ist Mauer-Zimbelkraut. In ihrer Familie, den Wegerichgewächsen, zeigt sich Integration von ihrer schönsten Seite. Denn hier sind völlig unterschiedlich aussehende Gewächse vereint, wie zum Beispiel die Veronica-Blümchen und die Wegerich-Arten.Etwas ganz Besonderes ist aber das Zimbelkraut. Als Lebensraum hat es sich Mauerritzen auserkoren. Für die meisten Pflanzen dürfte es dort so erquicklich sein, wie für einen Mitteleuropäer in der Wüste Gobi. Dort, wo es ursprünglich herkommt, muss man als Pflanze Hitze und Trockenheit tolerieren können. Ursprünglich liegt seine Heimat im Süden Europas und es wird vermutet, dass das Kraut mit Skulpturen aus Italien gen Norden einwanderte. Das Zimbelkraut wurde wohl im 16. Jahrhundert erstmalig in unseren Breiten beschrieben.Das Kraut gilt aufgrund seiner späten Einwanderung nach Deutschland bei uns als sogenannter Neophyt. Diese nach dem 15. Jahrhundert „eingereisten“ Arten sind laut Definition gebietsfremd. Darunter gibt es Wesen, die in unserer Natur ohne Rücksicht auf Verluste Gebiete erobern und heimische Tiere und Pflanzen verdrängen. Diese werden als invasive Arten bezeichnet.Das Zimbelkraut gehört nicht zu dieser Gruppe. Es ist kein Problemfall und gilt unter den Neophyten als etabliert. Anscheinend hat der Mensch selbst aktiv dazu beigetragen, das hübsche Blümchen zu verbreiten. Durch sogenanntes Ansalben, das heißt, das bewusste Verbreiten gebietsfremder Arten, wurde der Blume vor Jahrhunderten schon Tür und Tor geöffnet. Sie war als Arznei- und Zierpflanze gerne gesehen. Inzwischen ist sie rund um den Globus in Mauerritzen zu finden und belebt auch natürliche Felswände.Auf kargem Grund wächst sie mit erstaunlich langen, hängenden oder kletternden Stängeln vor sich hin. Dabei entwickelt die Blume einen ausgeprägten Sinn für schlaue Bewegungen. Taktgeber ist hierbei die Sonne, aber auch der Zustand der Blüte selbst. Es ist ein recht großes Wunder einer kleinen Blume.Die Blütenknospe folgt am Anfang ihrer Laufbahn dem Licht der Sonne und reckt sich möglichst weit von der Mauer weg. Dabei lockt sie ihre Helfer aus dem Reich der Insekten zur Bestäubung mit einem Trick. Sie täuscht mit gelben Punkten vor, dass es an der niedlichen Blüte jede Menge Pollen zu holen gäbe.

Sobald die Befruchtung gelaufen ist, wächst der Stiel weiter und es passiert Erstaunliches. Während ein Teil der Samen in die Umgebung gestreut werden, bleibt mindestens einer in der Kapsel zurück.Nun ändert der Stiel mit der Samenkapsel auf geradezu wundersame Weise seine Wuchsrichtung und wendet sich von der Sonne ab. Er wächst in die Dunkelheit der Mauer hinein. Wissenschaftler bezeichnen die Bewegung vom Licht weg als negativ phototrop. Sinn und Zweck dieser Bewegung ist die gute Unterbringung wenigstens einiger Samen in den umliegenden Mauerritzen.Wer sich aufgrund eines von außen kommenden Reizes bewegt, muss irgendwie diese Reize empfangen und weiterleiten können. Dazu ist die hirnlose Blume fähig. Aber wie?An der Spitze des Triebes verändert sich durch einen Unterschied zwischen hell und dunkel die Verteilung des Wachstumshormons Auxin. Um hell und dunkel unterscheiden zu können, besitzt die Pflanze Photorezeptoren, die durch Licht aktiviert werden. „Der weitere Signalweg ist nicht bekannt“, schreibt hierzu die Botanikerbibel Strasburger. Vermutet werde jedoch, dass die Aktivierung die Verteilung des Wachstumshormons Auxin beeinflusst. Das Hormon sammelt sich im dunklen Abschnitt, wodurch die darunter liegenden Zellen zu einem stärkeren Wachstum angeregt werden. Dadurch krümmt sich in der Regel die Sprossspitze einer Pflanze in Richtung Licht.Bei einigen Pflanzen hängt die Art der Reizantwort von der Dosierung des Lichtes ab. Wird ein bestimmter Schwellenwert an Helligkeit überschritten, wendet sich die Blume lieber ab. Das macht für viele sicher Sinn, denn sonst könnten Blätter verschmurgeln. Wie aber das Zimbelkraut seinen Umschwung von lichtliebend zu helligkeitsmeidend vollführt, habe ich leider nicht herausbekommen.

Es funktioniere „durch eine Umstimmung in dem der Lichtperzeption dienenden basalen Bereich des Blütenstiels“, schreibt Biologe Thomas Junghans. Das ist schön, bringt aber auch nicht mehr Licht ins Dunkel.Die Mutterpflanzehat den Standort getestetund für gut befundenFür den Bewohner des Extremstandortes Mauerritze hat diese gewollte Samenablage in die umliegenden Spalten durchaus Vorteile. Die Mutterpflanze habe die Güte des Wuchsortes schon erfolgreich getestet, schlussfolgert Biologe Junghans. Immerhin wurzelt es sich auf derart kargem Grund recht schwer. Wenig Substrat und extreme kleinklimatische Bedingungen machen dem Pflänzchen das Leben schwer. Und die Blume macht es seinen Bestäubern nicht leicht, denn um die Blüte aufzuknacken, muss das Insekt schon eine Portion Kraft mitbringen. Aber Selbstbestäubung scheint auch eine Option.„Das Vitamin-C-reiche Zimbelkraut diente als stärkender Salat in Frühjahrskuren und als wundheilender Umschlag“, steht auf www.heilkraeuter.de zu lesen. Der Geschmack der herzförmigen Blätter soll an Kresse erinnern. Ich sehe von Selbstversuchen ab und schau mir das Zimbelkraut lieber nur an.So ein Mauerblümchen ist schön – außer, man ist selbst eins. Im Mittelalter saßen die Damen nach dem Mahl auf Mauervorsprüngen und warteten, bis sie zum Tanz aufgefordert wurden. Diejenigen, die sitzen blieben, nannte man Mauerblümchen.Beiden Mauerblümchen-Sorten ist somit wohl eines gemeinsam, wenn keiner sich um sie kümmert: Das Mauerblümchen weinet still, weil keiner es bestäuben will.
Sabine Rücker
Anregungen zur Serie per E-Mail an
s.ruecker@vkz.de

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