KW 40 – Von Zitterpappeln und Pappelwolle

Erstellt: 28. September 2009
KW 40 – Von Zitterpappeln und Pappelwolle Rohstoff hoch oben im Pappelbaum. Foto: Rücker

Liebe Leser,
 „Was ist das weiße Zeug, das da rumfliegt?“, lautete neulich die Frage einer Halbwüchsigen. Das ist bemerkenswert, denn in dieser Lebensphase hat man ja genug andere Sorgen. Fazit: Es muss sich um ein relativ auffälliges Phänomen handeln. Schneeflocken können es bei den Temperaturen aber nicht sein.

Feiner Flaum schwebt in kleinen Flöckchen durch die Luft. Das Spektakel zwischen Säu- und Verkehrsübungsplatz in Vaihingen hat Ähnlichkeit mit einem leichten Schneegestöber. Der Verursacher ist schnell entlarvt. Er kann weder weglaufen noch übersehen werden: es ist eine Pappel. Und dazu noch ein Weibchen. Das kann die hölzerne Frau Holle ebenfalls nicht verheimlichen. Wie alle Weidengewächse, zu deren Familie die Gattung Populus, Pappel, gehört, befinden sich männliche und weibliche Blüten auf verschiedenen Bäumen. Das ist eine Schwierigkeit an und für sich, denn auch bei den Bäumen möchten Männchen und Weibchen für Nachwuchs sorgen. Wenn die Geschlechter so weit voneinander entfernt sind, dann wird gerne der Wind als Helfer eingespannt. Er bringt die Pollen von ihm zu ihr, was dann Windbestäubung genannt wird. An den männlichen Exemplaren der bis zu 40 Meter hohen Bäume entstehen die Pollen an Kätzchen. Ebenfalls an hängenden Kätzchen entwickeln sich die weiblichen Blüten. Nach der erfolgreichen Bestäubung und der Befruchtung der Eizelle entstehen die Früchte, die es in sich haben.
Dabei handelt es sich um Kapselfrüchte, die, sobald sie reif sind, aufplatzen und eben jenen spektakulären Flugsamen entlassen. Apropos: Kennen Sie die blödeste Ausrede für eine peinliche Schwangerschaft? Der Flugsamen war schuld.
Jedenfalls sind die kleinen Pappelsamen mit ihrem weißen Haarflaum nicht zu übersehen. Als weiße, wattige Pracht tötet er sogar vielen Menschen den Nerv. „Weil sich Anwohner der Wurzacher Straße in Plieningen fünf Wochen im Jahr über den Samenflug von Pappeln aufregen, sollen die rund 30 Jahre alten Bäume weichen“, meldeten die „Stuttgarter Nachrichten“ im Juli. Und die „Stuttgarter Zeitung“ wenig später: „Die Hausfrauenplage bleibt den Plieningern wohl erhalten. Das städtische Gartenamt wird die Pappeln, deren Samenflug den Anwohnern der Wurzacher Straße so zu schaffen macht, aller Voraussicht nach nicht fällen.“ Immer wieder sorgen die flauschigen Grüße vom Pappelbaum für Ärger. Sogar als Allergieauslöser wird der Vermehrungsflaum angeschwärzt.
Dabei sind normalerweise die Pollen, die im Frühjahr am männlichen Baum reifen, problematisch. Die haarigen Samen der weiblichen Pappeln können unter Umständen mechanisch reizen und zu Tränenfluss und Niesen führen. Dr. Helmut Zwander vom Pollenwarndienst Österreich gibt zu bedenken, dass die Pappelwolle häufig zeitgleich mit Gräserpollen in der Luft herumschwirrt. Zwander: „Manchesmal wird deshalb der völlig harmlosen Pappelwolle die Schuld am Auftreten von allergischen Beschwerden gegeben.“
Begeistert von dem weichen Flaum ist ein Freiburger Diplomforstwirt: Jens-Gerrit Eisfeld hat ein Verfahren zur Herstellung von Füllungen für Bettzeug und allerlei mehr aus Pappelfasern entwickelt. Bei Qualitätsprüfungen stellte sich heraus, dass der Pappelflaum besser und schneller wärmt als Daunen und vor allem die Feuchtigkeit schneller reguliert. Der Vergleich einer Pappelflaum-Woll-Decke mit nur 25 Prozent Pappelflaum habe gezeigt, dass die Decke um mehr als 20 Prozent wärmer war, als eine gleich dicke reine Daunendecke. Pappelflaum sei, wie kein anderes Deckenmaterial weltweit, dazu in der Lage, die Schlafhöhle trocken zu halten und schaffe damit ein physiologisch sehr gutes Schlafklima. „Dies liegt wohl unter anderem daran, das Pappelflaum-Fasern die feinsten hohlen Fasern weltweit sind“, so Eisfeld. Der Forstwirt erntete das Material für das erste Kopfkissen angeblich mit der Mistgabel und schenkte dieses seiner Freundin, die ohne nicht mehr verreisen mochte. Also ohne Kissen. Ob ohne Forstwirt ist nicht bekannt.
Alle Schritte, von der Ernte über die Faserreinigung bis hin zur Fertigung des Endprodukts, erfolgen laut Eisfeld in Baden-Württemberg.
Das ist ja fast zu schön um wahr zu sein. Ein nerviges Naturprodukt avanciert zum Star. Als i-Tüpfelchen krönt die Erntetechnik diese besondere Geschichte. Vom Heißluftballon aus wird die Pappelwolle gesammelt, wohl sogar im Wald in Bietigheim. Übrigens sollen besonders Allergiker von der tollen Pflanzenfaser profitieren: Sie ist hypoallergen. Näheres im Internet unter www.pappillon.de.
Schon vor rund 200 Jahren hatten die Pappel-Bäume einen großen Fan gefunden. Napoleon Bonaparte entdeckte sein Herz für die Pyramidenpappel, eine Varietät der Schwarzpappel. Napoleon ließ seine Heerstraßen, damit die Orientierung leichter falle, mit dem ursprünglich aus Italien stammenden Baum bepflanzen. Keine schlechte Wahl, da die Kronen dieser Bäume weithin zu sehen sind und Schatten spenden. In Deutschland sind noch weitere Pappel-Arten heimisch: die zartbesaitete Zitterpappel, die seltene und gefährdete Schwarzpappel sowie die Silber- und die Graupappel. Außerdem neigt die Gattung zum Bastardisieren.
Bis zu 300 Jahre können einige Arten der schnellwüchsigen Bäume alt werden. Ihre Vermehrung erfolgt häufig nicht durch die flauschig behaarten Samen, sondern durch Schösslinge. Das Holz der schnellwüchsigen Bäume, die zum Teil in Plantagen angebaut werden, wird unter anderem zu Spanplatten, Zahnstochern und Pellets zur Energieerzeugung verarbeitet. Im Innenbau, für Verpackungen, Holzschuh- und Prothesenherstellung ist das Holz geeignet, ebenso für die Zündholzindustrie und den Flugzeugbau.
Besondere Aufmerksamkeit wurde vor drei Jahren der Schwarzpappel zuteil. Die Baumart war zum Baum des Jahres 2006 gekürt worden. Theoretisch müsste die Schwarzpappel, die Flussauen liebt, weit verbreitet sein, aber sie steht auf der Roten Listen bedrohter Pflanzenarten.
Die Gründe dafür sind allem voran Veränderung und Verluste natürlicher Flussauen sowie Verwendung von anderen nichtheimischen Pappelarten oder deren Kreuzungen. So kommt es, dass ältere echte Schwarzpappeln schon eine kleine Sensation sind, schreibt das Kuratorium Baum des Jahres. Sie werden daher in mehreren Ländern Europas und einigen deutschen Bundesländern erfasst. Im Landkreis Ludwigsburg gibt es ein Artenschutzprojekt Schwarzpappel. Ein Schwerpunkt der Vorkommen ist demnach im Mettertal zwischen Horrheim und Sersheim
Die Zitterpappel, auch unter dem Namen Espe bekannt, ist dagegen anspruchslos und noch häufig anzutreffen. Dieser Baum ist eine kleine Mimose, der beim kleinsten Windhauch zu zittern beginnt. Dabei ist es doch ganz einfach: Wer zittert wie Espenlaub, der soll sich doch mit Pappelwolle zudecken.
Sabine Rücker
Anregungen zur Serie per E-Mail an s.ruecker@vkz.de

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