KW 28 – Von Königs- und Nachtkerzen

Erstellt: 12. Juli 2010
KW 28 – Von Königs- und Nachtkerzen Die Königskerze. Foto: Rücker

Liebe Leser,
bei Pflanzen von Charaktereigenschaften zu sprechen, wäre wohl übertrieben. Unbestritten besitzen einige Blumen aber einen ausgeprägten Sinn für die dramatische Selbstinszenierung. Wie die beiden heutigen „Kerzen“.

Selbst nach vielen Jahren der Verbundenheit fällt es mir schwer, jede der Schönen mit ihrem richtigen Namen anzusprechen. Beide sind äußerst extrovertiert und halten nichts von falscher Bescheidenheit. Großgewachsen und recht schlank stechen sie mit ihren gelben Blüten ins Auge. Und obwohl sie so viel verbindet, sind sie gar nicht näher miteinander verwandt. Die Rede ist von Königskerzen und Nachtkerzen.
Das Exemplar auf dem großen Bild unten ist um die zwei Meter hoch und gehört zur Gattung der Königskerzen, wissenschaftlich Verbascum. Als solche ist sie ein Mitglied der Familie der Braunwurzgewächse. Die Blume auf dem kleinen Bild gehört einer anderen Pflanzenfamilie an, den Nachtkerzengewächsen und dort wiederum zur Gattung der Nachtkerzen, Oenothera.
Königskerzen spielten bei den Menschen schon seit dem Altertum eine Rolle. Der berühmte Arzt der Antike, der Grieche Hippokrates, soll die prominenten Gewächse schon vor rund 2400 Jahren zur Behandlung von Wunden eingesetzt haben. Königskerzen enthalten seifenartige und besonders für Fische giftige Stoffe, die Saponine. Das wiederum fand anscheinend der Philosoph Aristoteles spannend. Aristoteles habe mit den Samen der Königskerze die Fische benebelt, wodurch sie sich besser fangen ließen.
Dass sie die Menschen in früheren Zeiten beschäftigte, zeigen unter anderem die zahlreichen Namen, die der Volksmund der Königskerze gab. Winterblom, Wollblume, Himmelsbrand und Wetterkerze sind nur einige davon. Hildegard von Bingen schrieb dem Kraut vor rund 1000 Jahren eine Heilkraft für ein trauriges Herz zu. Mit Teer und Pech bestrichen diente der Stängel als Fackel und auch Wetterprognosen wurden anhand der Königskerze erstellt, besonders anhand der Kleinblütigen Königskerze, Verbascum thapsus. Ein kleiner Blütenstand mit wenigen Blüten sollte einen milden, ein prächtig gespickter Blütenstand dagegen einen strengen Winter anzeigen. Außerdem wurde die Blume zum Färben von Haaren und Fasern verwendet.
Königskerzen wird eine schleimlösende Wirkung zugesagt, die Indianer in Nordamerika sollen Blätter gegen allerhand Lungenleiden geraucht haben. Bauernhöfe sollten sie vor Blitzschlag schützen.
Über 350 Arten dieser Pflanzengattung wachsen weltweit, in Deutschland sind laut Rothmaler-Bestimmungsbuch acht Arten zu unterscheiden. Vermutlich handelt es sich bei dem Prachtexemplar unten um die Mehlige Königskerze. Sie zeichnet sich unter anderem dadurch aus, dass sämtliche Staubblätter lustig behaart sind.
Eine besondere Schönheit ist die Schwarze Königskerze, bei der die Staubfäden violettfarben und wollig sind und in Kontrast zur gelben Blütenfarbe stehen. Insgesamt lieben die Königskerzen einen sonnigen Standort und Böden, auf denen noch kaum andere Pflanzen wurzeln, wie Bahndämme und Schutthaufen.
Die zweijährige Blume zeigt sich im ersten Jahr mit einer großen Blattrosette, erst im zweiten Jahr bildet sie den beachtlichen Blütenstand aus. In der Insektenwelt sind die Königskerzen ebenfalls beliebt. Besonders der Königskerzen-Mönch hat sie zum Fressen gern. Die Raupen dieses Nachtfalters knabbern bevorzugt an den Königskerzenarten.
Nun zur anderen der beiden gelben Prachtstauden, der Nachtkerze. Sie gehört einer ganz anderen Familie an, nämlich den Nachtkerzengewächsen. Ansonsten verbindet sie doch einiges mit der Königskerze. In seltenen Fällen kann beispielsweise die Gemeine Nachtkerze ebenfalls eine Höhe von zwei Metern erreichen. Auch die Nachtkerzen werden als Heilpflanzen genutzt. Wobei sie allerdings erst im 17. Jahrhundert von ihrer ursprünglichen Heimat, Nordamerika, nach Europa als Zierpflanzen eingeführt wurden. Streng genommen handelt es sich also um Neophyten, die bei uns ursprünglich nicht heimisch waren. Wie die Königskerze liebt die Nachtkerze trockene Standorte, gerne auch Schuttplätze und weitere unwirtliche Flächen.
In den Bauerngärten erfreute sich die Gemeine Nachtkerze großer Beliebtheit, da aus den Wurzeln ein schmackhaftes Gemüse zubereitet wurde. Das brachte ihr den Namen Schinkenwurz ein. Geerntet wurde im ersten Lebensjahr der zweijährigen Staude. Das Nachtkerzenöl aus den Samen der Blume findet auch heute noch bei Hautproblemen wie Neurodermitis innere und äußere Anwendung.
Wer den hübschen Blüten mit dem Fotoapparat zu Leibe rückt, muss womöglich enttäuscht von dannen ziehen. Denn die gelbe Pracht öffnet sich nur kurze Zeit und das vornehmlich abends. Am nächsten Tag ist die Schönheit dann schon wieder vorbei. Dafür ist sie bei uns die Schnellste, was den Vorgang des Aufblühens angeht. Dabei muss es sich um eine derart fließende und spektakuläre Bewegung handeln, dass die Nachtkerze in Lehrgärten als Demonstrationspflanze herhalten darf.
Bei Insekten ist sie wegen ihres Nektars beliebt. Besonders Nachtfalter naschen den süßen Saft und sorgen so nebenbei für die Bestäubung.
Ein mäßig gutes Merksprüchlein zum Schluss: Seh’ ich eine Nachtkerze, seh’ ich ganz viel Falten. Die Königskerze nebenan, tut ihre Form behalten.
Sabine Rücker
Anregungen zur Serie per E-Mail an
s.ruecker@vkz.de

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