KW 28 – Der Moschusbock, der aus der Weide kam

Erstellt: 7. Juli 2008
KW 28 – Der Moschusbock, der aus der Weide kam Großer Kerl: der Moschusbock. Foto: Rücker

Liebe Leser,
 wie versprochen, endlich mehr zum Thema Käfer-Alarm in Enzweihingen. Dort hatten in der letzten Woche außergewöhnliche Insekten für Aufsehen gesorgt. Leser Günter Kögel machte zwei der Prachtexemplare dingfest und überließ sie zur Begutachtung der VKZ.

Es gibt Meldungen, die meine Kollegen relativ kalt lassen und mich aus der Fassung bringen. Zum Beispiel diese: Käfer, drei bis vier Zentimeter groß, mit gaaaanz langen Fühlern gefunden! Super! Da muss ich hin, das will ich sehen! Die Kollegen rollen mit den Augen. Günter Kögel aus Enzweihingen hatte die Nachricht in der Redaktion verkündet. Aufregend, denn bei dieser Beschreibung konnte es sich nur um große Bockkäfer handeln. Und tatsächlich, in einer kleinen Kiste, die mit Luftlöchern versehen war, harrten zwei beachtliche Exemplare der Käferfamilie Cerambycidae, Bockkäfer, auf ihr Schicksal. Im Wohngebiet Steine waren die Kaventsmänner wenige Tage zuvor aufgetaucht und brachten einige Fragen mit sich. Denn dass es sich bei den Tieren nicht um Null-Acht-Fünfzehn-Krabbler handelt, war auch den Anwohnern auf Anhieb klar. Typisch für diese Käferfamilie sind die, den Hörnern eines Steinbocks ähnlichen, langen, gebogenen Fühler. Zu dieser Zunft sollen die prächtigsten sowie der größte Käfer der Welt gehören: der Riesenbockkäfer mit einer Körperlänge von bis zu 20 (!) Zentimetern. Gute Güte! Wenn sich der mal aus Versehen in der menschlichen Haarpracht verfängt, dann ist ja der Skalp ab. Glücklicherweise lebt das Rieseninsekt in Südamerika.
Nur ein kleiner Teil, nämlich 200 Arten dieser Käferfamilie, kreucht und fleucht durch Mitteleuropa. So – und nun sitzen zwei der Viecher in einer Plastikbox und das triviale Insektenbestimmungsbuch gibt nichts Brauchbares her. Es werden doch nicht diese invasiven Schadorganismen sein, die asiatischen Eindringlinge aus der Bockkäfer-Familie? Dieser gefürchtete Asiatische Laubholzbockkäfer hatte aber eine helle Zeichnung auf den Flügeldecken gehabt. Das passt nicht. Denn die Enzweihinger schimmern atemberaubend. Je nach Einfall der Sonnenstrahlen reflektiert der Panzer des Gliederfüßers rotes Licht, strahlt grün und gold oder mit allen Farben auf einmal. Wie ein Juwel aus einer anderen Welt. Also folgende Taktik: Zuallererst Bilder schießen, dann die Tiere am Enzufer in die Freiheit entlassen.
Dem Internet sei Dank konnte der etwas plumpe Flieger als Moschusbock, wissenschaftlich Aromia moschata, identifiziert werden. Wichtig war dabei nicht nur das Aussehen, sondern auch der Hinweis von Günter Kögel: Die Käfer seien plötzlich an einer Weide aufgetaucht, an deren Stamm sich große Löcher im Holz zeigten. Das passt prima zur Diagnose Moschusbock, denn die Kinderstube der bunten Gesellen befindet sich im Holz. Vorzugsweise im Totholz von Weiden. Das unterscheidet sie signifikant vom verpönten Asiatischen Laubholzkäfer. Dieser kann „völlig gesunde Bäume befallen und sie binnen weniger Jahre zum Absterben bringen“, wie die Biologische Bundesanstalt für Land- und Forstwirtschaft (BBA) schreibt. Bei Befall mit dem Asiatischen Laubbockkäfer helfe in der Regel nur nur eines: Das Fällen der Bäume und die Vernichtung des Holzes.
Beim Moschusbock ist dagegen keine Panik angesagt. Wobei auch er mitunter als Primärschädling gilt, jedoch können die Bäume einen Befall lange ertragen, so die BBA. Der Moschusbock ist selten geworden, da seine Lieblingsbäume, die Kopfweiden, nicht mehr allzu dicht gesät sind. Ersatzweise besiedelt er auch mal Erlen oder Pappeln. Bevorzugt wird von der Larve allem Anschein nach vornehmlich krankes und totes Holz. Und dort verbringt das Tier, wie nicht unüblich bei Insekten, den Großteil seines Lebens: Als bleiche Larve im Dunkel der Fraßgänge. Erst der fertige Käfer entfaltet – nach zwei bis drei Jahren Larvalzeit und dem Puppenstadium – die volle Schönheit. Die Adulten naschen Baumsäfte, Pollen und sterben nur wenige Wochen nach ihrer wundersamen Metamorphose. Von Juni bis August können die großen Käfer daher unter anderem an leckeren Blüten wie dem des Schwarzen Holunders beobachtet werden. Bevor sie das Zeitliche segnen, müssen die ausgewachsenen Moschusbockkäfer allerdings noch für den Fortbestand der Art sorgen.
Generell scheinen Bockkäfer keinen Sinn für Romantik zu haben. Die Geschlechter treffen sich zufällig. Das Weibchen schmeißt das Männchen nach der Paarung ab und hilft dabei mit den Beinen nach. Das klingt ja geradezu herzlos. Doch die Dame hat nun eine andere Aufgabe im Visier: die Eiablage. Mit einem speziellen Legeapparat legt das Käferweibchen, dessen Fühler nicht ganz so lang geraten wie beim Männchen, die Eier in das Totholz. Manche Bockkäfer-Mütter geben ihrem Nachwuchs gleich noch Symbionten mit auf den Lebensweg, die bei der Holzverdauung helfen. Nun geht der Zyklus von Werden und Vergehen aufs Neue los. Der Moschusbock ist in Deutschland selten und besonders geschützt. Manchmal werden trotzdem mehrere Käfer „auf einem Haufen“ gesichtet. Der Name Moschusbock bezieht sich auf ein Duft-Sekret, das der Käfer aus seiner pflanzlichen Nahrung bildet. Aus Drüsen kann er diesen Duftstoff auspressen. Die Substanz wurde früher zum Parfümieren von Pfeifentabak benutzt.
 Komisch. Nachdem ich mit den Moschusböcken auf Tuchfühlung war, duftete nichts nach dem aphrodisierend wirkenden Moschus. Aber neulich, nach der Rettung eines Laufkäfers, da stank ich wie eine Bestie. Merke: Das Leben ist hart, aber ungerecht.
Sabine Rücker
Fragen und Anregungen per E-Mail an info@vkz.de oder per Fax: (07042) 91999

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