KW 28 – Blattläuse nerven den Redakteur

Erstellt: 6. Juli 2009

Liebe Leser,
ein wenig klagen musste ich neulich, da mir nichts Gescheites für die Phänomene einfallen wollte. Da schickte der Himmel Leser, die wiederum Themen-Vorschläge schickten. Prima! Allen voran aber pocht Kollege Uwe Bögel auf die Behandlung der Blattlaus, die ihm neulich das Essen im Freien vermiest hat.

„Die blöden Viecher“, schimpft Redakteur Bögel und fuchtelt wild herum. Grün regnen sie in der Gartenwirtschaft vom Baum auf ihn hernieder. Bögel mag weder sich selbst, noch sein Essen durch die geflügelten Tierchen garniert wissen. Lieber Kollege Bögel: Man muss einfach mal loslassen! In diesem Fall vom Ekelgefühl. Mit dem Blick des Biologen stellt sich die Sache mit den Blattläusen gleich ganz anders dar.
Faszinierende Insekten sieht man dann, die in puncto Überlebensstrategie einiges vorweisen können. Die meisten der rund 800 in Mitteleuropa heimischen Blattlausarten überwintern als Eier, was noch überhaupt nicht spektakulär ist. Aus diesen Wintereiern schlüpfen im Frühjahr harmlos scheinende, kleine, ungeflügelte Läuse-Larven. Sie wachsen etwas und häuten sich, alles soweit in Butter. Das denkt sich vielleicht auch der Gartenbesitzer, der die Insekten in der Regel ebenso hasst wie mein Kollege. Dann aber kommt der Knüller – die Vermehrungsstrategie schlechthin. Sobald die Blattlaus ausgewachsen ist und das Wetter nicht allzu schlecht aussieht, explodiert die Population an Bohne, Erbse, Baum und Co.
Bei den Blattläusen, die bis dahin die Pflanzen bevölkern, handelt es sich ausschließlich um Weibchen, die sogenannten Stammmütter. Jede dieser Supermütter kann nun täglich bis zu fünf Klone ihrer selbst aus sich herausquetschen. Stellen Sie sich das mal vor! Nach ein bis zwei Wochen können diese wiederum auf die gleiche Art und Weise für den Familienzuwachs sorgen. Jede Laus kann theoretisch einige Wochen leben. Die Massen von Krabbeltieren, die nach einer solchen Multiplikation Blatt und Zweig bevölkern, hat wohl jeder schon einmal gesehen. Parthenogenese, Jungfernzeugung, nennt man diese ungeschlechtlich Form der Nachkommen-Produktion. Aus einer Laus können so in wenigen Wochen Unmengen von Klone entstehen. Vielleicht landen die sogar als Klonfleisch auf dem Salatteller, wer weiß?
Doch damit nicht genug der Wunder. Die kleinen Tierchen, die zur systematischen Ordnung der Schnabelkerfe gehören und daher mit den Wanzen verwandt sind, können noch mehr. Bei Stress, beispielsweise wenn ein hungriger Marienkäfer sein Unwesen treibt, sondern die Supermamas eine Substanz ab. Diese bewirkt, dass außerplanmäßig geflügelte Nachkommen geboren werden. Diese können flüchten und an anderer Stelle für den Fortbestand der Art sorgen.
Bei geflügelten Tieren die im Hochsommer auftreten handelt es sich in der Regel um Weibchen. Manche Läusearten wechseln nämlich ihre Nahrungspflanze oder flüchten vor Überbevölkerung. Im Herbst fliegende Läuse können dagegen Männchen sein, die dann kurz in Erscheinung treten dürfen und für befruchtete Eier sorgen. Da die Männchen eine so untergeordnete Rolle im Vermehrungsreigen der Blattläuse spielen, können sie sich sogar „genetische Schlampereien“ erlauben. Das fanden Forscher der University of California heraus. In den typischen Männchengenen hätten sich auffällig viele Mutationen angesammelt. Der geringe Selektionsdruck scheint die Ursache für derartige Schlampereien zu sein. Da sind wir doch mal wieder froh, dass bei uns ohne Männchen quasi nichts läuft. Das hält wenigstens die genetische Ausrüstung der selbigen in Schuss.
In Nordrhein-Westfalen tobt derzeit sogar eine Blattläuse-Plage. „Sie fliegen ins Gesicht, auf Gläser, Teller und auf T-Shirts“, schreibt die „Münsterländer Zeitung“. VKZ-Redakteur Bögel kann mitfühlen. „So etwas erleben wir nur alle zehn Jahre“, zitiert die Zeitung einen Experten. Im Gegensatz zu den Pflanzen leidet beim Menschen höchstens das ästhetische Empfinden durch die nur wenige Millimeter große Insekten. Die Tiere stellen keine Gefahr für uns dar.
 In Sachen Pflanzengesundheit sieht’s dagegen anders aus. Die Pflanzen tragen deutliche Spuren vom Befall der Saftsauger wie beispielsweise Verfärbungen oder eingerollte Blätter davon. Einige Blattläusearten können ihr Gewächs dazu bringen, ihnen Behausungen zu schaffen. In diesen gut sichtbaren Gallen leben ganze Läusefamilien.
 Die große Gruppe der Blattläuse, wissenschaftlich Aphidina, gehört „zu den wichtigsten Schadinsekten landwirtschaftlicher Kulturen, vorzugsweise in Klimaten mit ausgeprägten Jahreszeiten“, steht im Lehrbuch „Systematische Zoologie“. Besonders zu schaffen macht den Gewächsen, dass sie von den Blattläusen angezapft werden. Die zarte Laus schafft es, mit ihrem Stechrüssel vom Saftfluss der Pflanze zu saugen. Der Phloemsaft, in dem Nährstoffe in der Pflanze verteilt werden, ist der Krafttrunk der Tierchen. Die Flüssigkeit ist derart gehaltvoll, dass die Läuse überschüssigen Zucker als Honigtau wieder ausscheidet. Die süße Substanz lockt wiederum andere Tiere, ist aber auch ein optimaler Nährboden für Pilze. Diese wiederum bereiten häufig den Pflanzen den Garaus. Doch auch die Läuse selbst übertragen jede Menge Viren, was nicht unbedingt zur Steigerung ihrer Beliebtheit führt.
Das „Läuspippi“ Honigtau kam schon in der letzten Folge der Phänomene über Linden zur Sprache. „Wichtig ist, was hinten rauskommt, wusste schon Altkanzler Helmut Kohl“, lautet hierzu ein Zitat des Naturschutzbundes Deutschland. Denn der süße Saft steht beispielsweise bei Bienen hoch im Kurs, die davon einen aromatischen Honig bereiten. Ameisen sind ebenfalls ganz wild auf das klebrige Zeug und halten sich die Läuse wie Nutztiere. Oder, wie der Spiegel titelte: „Ameisen knechten Blattläuse mit Chemie.“ Zunächst bezirzt die Ameise ihre Laus mit den Fühlern, damit diese noch mehr Honigtau produziert. Dummerweise fördert dieses Verhalten der Ameisen insgesamt das Wachstum der Population der kleinen Sauger.
Ameisen betreiben Sklavenhaltung im Blumenbeet
Diverse Forscher haben bei Experimenten festgestellt, dass die Ameisen die Läuse außerdem mit einer chemischen Keule in Schach halten. Eine von den Ameisen abgesonderte Substanz bewirkt, dass sich die Blattlaus wie in Zeitlupe bewegt. Dass Ameisen Läusen die Flügel abbeissen, um sie an der Flucht zu hindern, sei schon seit längerem bekannt. Allerdings profitiere die Laus ja auch von der Präsenz der Ameisen, die ihnen Fressfeinde vom Leib halten.
Derer gibt es glücklicherweise genug, was auch den naturfreundlichen Gärtner begeistern dürfte. So gelten Marienkäfer, Florfliegen, Schwebfliegen und eine Reihe weiterer Insekten beziehungsweise deren Larven als wahre Läusevertilger. Einige dieser Nützlinge können sogar im Handel bestellt werden. Im Kampf gegen die Läuseplage haben sich unter anderem vielerlei Hausmittel, darunter ein deftiger Wasserstrahl, bewährt.
Den Saugapparat der Läuse machen sich auch Wissenschaftler zu nütze. Forscher, die den Phloemsaft einer Pflanze unter die Lupe nehmen möchten, lassen Blattläuse stechen. Bei der sogenannten Aphidentechnik werden die Tierchen mittels Hochfrequenzimpulsen von ihrem Stechrüssel getrennt. Der aus dem Stumpf austretende Saft kann gesammelt und schließlich untersucht werden.
Das dürfte auch Kollege Bögel begeistern, der weiterhin der Meinung ist: „Nur eine tote Laus ist eine gute Laus.“
Sabine Rücker
Anregungen zur Serie per E-Mail an s.ruecker@vkz.de

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