KW 19 – Was der Hundertfüßer alles kann

Erstellt: 5. Mai 2008
KW 19 – Was der Hundertfüßer alles kann Keine Augen im Kopf, das Tier. Foto: Rücker

Liebe Leser,
es gibt begnadete Gärtner – ich gehöre nicht dazu. Trotzdem muss auch zwischen meinem Grünzeug hin und wieder die Hacke geschwungen werden. Dabei kam vor wenigen Tagen ein kapitaler Hundertfüßer zum Vorschein. Grund genug, die Tätigkeit sofort einzustellen und über das Tier zu berichten.
Ach, schöne Studentenzeit. Vor einigen Jahren, da rief eine meeresbiologische Exkursion einen Haufen Studenten auf die Isola del Giglio. Auf der kleinen Insel unweit der großen Schwester Elba im Mittelmeer wurde Flora und Fauna inspiziert. Es ist nämlich keinesfalls so, dass Studenten auf Exkursionen nur faulenzen. Ein böses Gerücht ist das…
 Jedenfalls warnte der Dozent bei einem Landgang vor einem Tier, das bei uns daheim eher niedlich ist: einem Hundertfüßer. Mit seinen Giftklauen, so der Experte, könne einem der mediterrane Gliederfüßer namens Scolopender, vermutlich Scolopendra cingulata, zusetzen. Sein Gift sei zwar nicht tödlich, aber durchaus schmerzhaft und ein Biss kann mit Lähmungserscheinungen verbunden sein. Man sollte dem Tier daher immer genügend Platz zur Flucht einräumen.
Diese Worte gingen mir durch den Kopf, als ich den Auricher Krabbler in meinem Vorgarten behutsam fangen wollte. Die Giftklauen des nur rund fünf Zentimeter großen Tieres machten sich heftig an meiner Haut zu schaffen. Die war dann aber glücklicherweise zu dick für die Attacke. Wobei die großen einheimischen Hundertfüßer laut einem Bericht der Universität Kassel durchaus Menschenhaut knacken und mit ihrem Biss die Wirkung eines Bienenstiches herbeiführen können.
Die Hundertfüßer, wissenschaftlich Chilopoda, werden im zoologischen System als Gruppe der Tausendfüßer (Myriapoda) eingestuft, was für den Laien durchaus verwirrend ist. Das ist ungefähr so, als ob der Schwabe einem Nordlicht von seinem Fuß erzählt. Denn der schwäbische Fuß reicht bekanntlich von der Hüfte bis zur Zehe, was medizinisch auch nicht unbedingt korrekt ist. Die Tausendfüßer sind in der Zoologie eine übergeordnete Gruppe, in die sich beispielsweise die Hundertfüßer und die Doppelfüßer einreihen. Die Doppelfüßer ähneln einer gepanzerten Wurst auf Beinen. Im Volksmund werden wohl alle krabbelnden Tiere mit einer beachtlichen Zahl von Beinen als Tausendfüßer bezeichnet, was ja genau genommen nicht falsch ist. Die Tausendfüßer sind eine alte Tiergruppe, die eine große Artenzahl entfaltet hat. Bei den Hundertfüßern, um die es heute geht, werden weltweit rund 3000 Arten unterschieden. In Deutschland kreuchen um die 50 Arten durchs Gelände.
Jedenfalls ließ ich bei der Begegnung mit dem Hundertfüßer selbstverständlich, in einem Anflug von Begeisterung, sofort die Hacke aus der Hand fallen. Das Tier, das heftig vor meinen Füßen herumzappelte, gab einige Rätsel auf. Schon die einfache Frage: „Wo ist vorne und hinten?“ ließ sich bei oberflächlicher Betrachtung nicht beantworten. Denn an beiden Seiten des länglichen Hundertfüßers wippten lange Körperanhänge.
„Wie blöd“, mögen Sie jetzt denken, „der Kopf ist da, wo die Augen sind.“ Die fehlten aber komplett. Erst ein Blick in den guten alten „Brohmer: Fauna von Deutschland“ brachte Licht ins Dunkel: Bei dem Augenlosen mit den 21 Beinpaaren und den 17-gliedrigen Fühler konnte es sich eigentlich nur um Cryptops hortensis, den Rotgelben Zwergscolopender, handeln. Er gehört, wie sein mediterraner, größerer Kollege, zu den Riesenläufern. Die Tatsache, dass der Bursche ohne Augen unterwegs ist, lässt darauf schließen, dass er sie als Kreatur der Dunkelheit nicht unbedingt braucht. Üblicherweise geht er nachts auf die Jagd und verkriecht sich bei Tageslicht.
Bei dem Kerl mit den vielen Beinen hat sich also ein Beinpaar zu Giftklauen umgewandelt, mit deren Hilfe er seine Beute lähmt. Verdauungssäfte zersetzen das Opfer in seine Bestandteile und der Räuber saugt oder schabt die Hülle des Unglücklichen aus. Die Antennen sowie verschiedene Sinneszellen an der Antennenbasis helfen dem Jäger bei der Orientierung in der Erde. Insgesamt gesehen handelt es sich bei den Hundertfüßern um feuchtigkeitsliebende, lichtscheue Wesen. Tagsüber verkriechen sie sich unter Steinen, in Kompost- oder Laubhaufen. Meist treten sie tagsüber nur in Erscheinung, wenn sie durch arbeitende oder spielende Zweibeiner gestört werden.
Obwohl die Tiere nicht unbedingt sehr erotisch wirken, haben sie ein interessantes Ritual zum Austausch gewisser Körperzellen entwickelt. Bei den Riesenläufern lässt sich das Männchen nicht lumpen. Es verpackt seine Spermien in ein eigens gebildetes Spermapaket, eine Spermatophore. Im Beisein des Weibchens – wie prickelnd! – wird dieses Behältnis auf ein selbstgesponnenes Gespinst geklebt. Die Riesenläufer-Dame holt sich anschließend die gebündelten Spermazellen, womit sie ihre Eizellen befruchtet, ab. Offensichtlich sind die Weibchen der Riesenläufer liebevolle Mütter, die ihr Eigelege hüten. Die geschlüpften Kleinen werden anschließend bis zur dritten Häutung von der vielbeinigen Mama gefüttert.
Die langen Anhänge am Körperende bei unserer Hundertfüßerart dienen vermutlich der Verwirrung potenzieller Angreifer. Die Vertreter der Tausendfüßer in unseren Breiten können dem Menschen normalerweise nicht gefährlich werden. Ganz anders sieht es da mit den Krabblern aus südlichen Gefilden aus. Die Tatsache, dass einige Zwei- die Vielbeiner als Haustier im Terrarium halten, kann darüber nicht hinweg täuschen. Immerhin können Riesenläufer aus Südamerika bis zu 27 Zentimeter messen, entsprechend groß ist die Beißkraft der Klauen und die Giftmenge ist auch nicht zu verachten.
In unseren Breiten dagegen kann der Hundertfüßer ausnahmslos begrüßt werden: Vom Hobby-Gärtner als ein Indikator für eine intakte Bodenlebewelt sowie für die Lockerung der Erdkrume. Von Kindern als spannendes Krabbeltier. Schlechten Gärtnern wie mir dient er als willkommene Ablenkung. Wer übrigens behauptet, einen Hundertfüßer mit hundert Füßen zu kennen, der schwindelt – oder hat einen Invaliden vor sich. Denn wenn sich der Hundertfüßer-Embryo entwickelt, so teilt er sich zunächst noch nicht in die Segmente, die man später deutlich als Ringe erkennt, sondern in Blöcke, aus denen je zwei Beinpaare entstehen. Beim allerersten Block allerdings entwickeln sich nur zwei Beine und die Giftklaue, fanden Forscher der Cambridge Universität heraus. Die Anzahl an Beinpaaren ist somit ungerade. 1000 Beine hat ebenfalls keiner: Die höchste Beinzahl erreichen Exemplare der Doppelfüßer mit rund 700.
Sabine Rücker
Fragen und Anregungen per E-Mail an info@vkz.de oder per Fax: (07042) 91999

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