KW 12 – Plötzlich da: die Gehörnte Mauerbiene

Erstellt: 22. März 2010
KW 12 – Plötzlich da: die Gehörnte Mauerbiene Lustige Haare im Gesicht: das Männchen der Gehörnten Mauerbiene. Foto: Rücker

Liebe Leser,
immer, wenn ich mein’, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Bienchen her. So geschehen am letzten Donnerstag, als sich die Gehörnte Mauerbiene auf die paar Blümchen am Vaihinger Marktplatz stürzte.

Hin und wieder überfällt mich eine gewisse Panik. Es sind die Momente in meinem Dasein, in denen nicht der Funken einer hübschen Idee für die Phänomene in meinem Kopf entsteht. Denn die Serie kommt ja in der Regel wöchentlich frisch auf den Tisch.
Leicht frustriert wandelte ich folglich am letzten Donnerstag durch die ersten Strahlen der Frühlingssonne. Und da saß mein Retter, gleich in der Mehrzahl: die Gehörnte Mauerbiene. Frisch geschlüpft, unverbraucht und männlich. An den Blümchen vor dem Naturkostladen am Vaihinger Marktplatz legten sie einen bewundernswerten Arbeitseifer an den Tag.
Jedes Blütchen der Traubenhyazinthen wurde emsig abgesucht. Die lustigen Härchen auf dem Gesicht der Bienenmänner geben den pelzigen Insekten ein etwas intellektuell-vergeistigtes Aussehen. Im Gegensatz zur Honigbiene ist dieses Tierchen, wissenschaftlich Osmia cornuta, eine Solitärbiene. Sie hat mit Staatenbildung und Arbeitsteilung, wie sie die Honigbiene betreibt, nichts am Hut.
Doch auch dieser Einzelkämpfer hat nichts gegen Geselligkeit einzuwenden. An den Plätzen der Eiablage, besonders an Nisthilfen, kann es so durchaus zu Ansammlungen von Solitärbienen kommen.
Ab März nagt sich die Gehörnte Mauerbiene aus den Brutzellen des letzten Jahres. Die Mutter dieser frisch geschlüpften Insekten ist dann schon tot. Es gibt hier kein Generationenproblem, da sich die Generationen gar nicht treffen.
Die Männchen mit ihrem lustigen weißen Bart im Gesicht machen sich sodann auf die Suche nach Nahrung und zapfen dankbar und recht wahllos jede Nektarquelle an, die ihnen unter die Flügel kommt. Diese Wildbienenart kann in gewisser Weise als Kulturfolger gelten, denn sie liebt das milde Klima unserer Städte, schreibt Bienenspezialist Dr. Paul Westrich. Selbst in Großstädten wie Stuttgart fliege sie eifrig und stürze sich, wie in Vaihingen auch, auf das Angebot an Frühblühern.
Die etwas größeren Weibchen, die nicht mit einem Damenbart ausgestattet sind und einer Hummel recht ähnlich sehen, erscheinen etwas später auf der Bildfläche. Sie geben der Art den deutschen Namen, da sich etwas versteckt an ihrem Kopf zwei Hörnchen befinden. Die deutsche Bezeichnung animiert die Kollegen zu recht munteren Interpretationsversuchen. Ob die wohl hintergangen wurde, und deshalb gehörnt ist, meint einer. Der andere kontert mit: „Die muss sich wohl erst noch die Hörner abstoßen“. Wenigstens haben sich die zwei leidlich Naturinteressierten auf diese Weise kurz mit der Wildbiene befasst. Anscheinend stürzen sich die Bienenmännchen, sobald die Weibchen geschlüpft sind, gleich auf selbige und schreiten zur Tat. Allerdings, so Bienenexperte Westrich, kommen nur die kräftigsten Männchen zum Zug, die das Weibchen bis zu zwei Stunden festhalten können. Respekt!
Nach der Paarung beginnt das Weibchen mit der „Nistplatzsuche“, das Männchen dagegen genießt seine letzten Lebenswochen unbeschwert und frei von jeglicher Pflicht. Die Bienenweibchen sind im April mit der Suche beschäftigt. Ursprünglich wurden die Eier in natürliche Felsritzen oder Lösswände gelegt. Im urbanen Bereich bieten menschliche Bauwerke ein prima Alternativangebot. Ritzen im Mauerwerk, Löcher an Rollläden oder im Verputz und ähnliches werden von den werdenden Müttern als Kinderwiege ausgespäht. Osmia cornuta gilt aber auch als Art, die künstliche Nisthilfen mit Röhren und hohlen Stöckchen gerne annimmt. So berichtet eine Vaihingerin, dass an ihrem Bienenhotel am Haus jede Menge rotbepelzte Bienen schwirren und ausfliegen.
Die werdende Mutter legt sich sodann ins Zeug, damit der Nachwuchs einen guten Start ins Leben hat. In den auserwählten Hohlraum zieht sie eine Wand, die nun die Rückwand zur ersten Brutzelle bildet. In diesen Brutraum trägt die Biene Pollen und Nektar für die nächste Generation und legt darin ein Ei ab. Danach folgt wieder eine Wand, die aus Lehmmaterial gefertigt wird. Mehr als zehn Brutzellen können so hintereinander entstehen. Vor dem Ausstieg wird ein Stückchen freigelassen und ein Pfropfen platziert.
Zunächst entwickeln sich die Bienen innerhalb weniger Wochen zum erwachsenen Insekt und überdauern den Winter quasi fertig, aber in Ruhe, in ihrer Kinderstube. Die neuen Bienen nagen sich im nächsten Frühjahr ins Freie. Am Schluss schlüpfen die Weibchen in die weite Welt. Der Grund: Ins Innere der Niströhre legt die Bienenmutter in der Regel als erstes befruchtete Eizellen, aus denen sich Weibchen entwickeln. In Richtung Ausgang folgen die unbefruchteten Eier, aus denen Männchen schlüpfen.
Die Weibchen der Gehörnten Mauerbiene sammeln den Pollen auf eine andere Art und Weise wie die Honigbiene. Sie haben am Bauch eine Bürste, mit der der nährstoffreiche Blütenstaub aufgenommen und transportiert wird. Die Flugzeit der Gehörnten Mauerbiene reicht bis in den Mai hinein, dann scheidet die einzige fliegende Generation des Jahres dahin.

Die Wildbienenart und ihre nahe Verwandte, die Rote Mauerbiene, leistet im Stillen eine ganze Menge an Blütenbestäubungsarbeit. Menschen profitieren davon, wenn sich die Bienchen in Obstplantagen ans Werk machen und so das Gedeihen der Früchte ermöglichen.
Im Gegensatz zur Honigbiene fliegt die kleine, wilde Schwester schon bei wenigen Plusgraden herum. Mauerbienen gelten, wie alle Solitärbienen, als ausgesprochen friedfertig, scheinen recht robust und die beiden Arten sind in ihrem Bestand nicht gefährdet. Durch den ständigen Rückgang der Honigbienenvölker sei es nötig, neue Wege zu beschreiten, schreibt die Lehr- und Versuchsanstalt Gartenbau Erfurt. Und so kamen die Gehörnte und die etwas später fliegende Rote Mauerbiene zum Einsatz auf Süßkirschen- und Apfelplantagen. Die Wildbienen können sogar beim Züchter bestellt werden.
In Mitteleuropa schwirren rund 50 Arten von Mauerbienen herum. Manch eine baut ihr Nest sogar in leeren Schneckenhäuschen. Die allein gelassene Brut der Mauerbienen lockt dummerweise Parasiten, die ihren eigenen Nachwuchs in das Nest platzieren. Dort ernähren sich die Schmarotzerjungen von den Mauerbienen-Larven und deren Proviant. Ein mieser, aber pfiffiger Trick, den beispielsweise kleine Goldwespen anwenden. Ihr mögliches Motto: Lass’ die anderen schuften, Hauptsache ich seh’ gut aus. Es ist eben nicht alles Gold, was glänzt.
Sabine Rücker
Anregungen zur Serie per E-Mail an s.ruecker@vkz.de

Weiterlesen
Phänomene der Natur

Phänomene der Natur

Drucken Liebe Leser, wir begeben uns aus aktuellem Anlass auf eine Reise in die Geschichte der Schutzimpfung, vom Krengelfest bis zur Brutalimpfung. Seit wann gibt es eigentlich Schutzimpfungen? Diese Frage stellte neulich eine Freundin und mein Tipp war... »