„Ich bin Barista – Spezialist für Kaffeekochen“

Erstellt: 1. Oktober 2014
„Ich bin Barista – Spezialist für Kaffeekochen“ Michael Weber hat sich für das Vaihinger Strandleben einen Wagen eingerichtet, in dem er „Michas Strandcafé“ betreibt. Der Ansturm in diesem Jahr bringt ihn aber an seine Grenzen. Foto: Küppers

Vaihingen (rkü). Espresso, Cappuccino und Latte Macchiato stehen als populärste Sorten weit oben auf seiner Preisliste. Doch Michael Weber liebt Kaffee. Darum lässt er gleich weitere 13 Spezialitäten folgen – jeweils mit einer kurzen Erklärung für all jene, die sich nicht so genau vorstellen können, was Cortado, Cortetto, Gesine spezial oder Obers sind. Weber betreibt auf dem Vaihinger Marktplatz in Zeiten des großen Sandkastens „Michas Strandcafé“. Der 55-Jährige selbst sieht sich als Barista. Das ist in Italien die Bezeichnung für denjenigen, der in einer Bar Getränke zubereitet – vorzugsweise in einer Kaffeebar.

Michael Webers Gesicht kennt jeder, der in Vaihingen das Strandleben besucht. In Zeiten großen Ansturms kommt Weber kaum einmal aus seinem dunkelroten Wagen heraus. Dann bereitet er Cortado (Espresso mit geschäumter Milch), die Variation Cortetto mit Amaretto, Gesine spezial (gehaltvoller Kaffee mit Sahne und Kakao) und Obers (Espresso mit flüssiger Sahne) zu. Und vieles mehr – Crêpes zum Beispiel.

Doch wenn es ruhiger ist, sitzt Weber gerne mit der neun Jahre alten Mischlingshündin Kiara neben dem Wagen und schaut dem bunten Treiben zu. Der Mann mit der markanten grauen Mähne (Weber: „Ich habe Haare, keine Frisur.“) gehört zum Strandleben einfach dazu. Früher mehr als Organisator, der mit dafür sorgte, dass es die beliebte Veranstaltung überhaupt gab. Jetzt mehr als Betreiber des Strandcafés.

Dass er Tag für Tag mit dem liebevoll restaurierten roten Verkaufswagen auf den Vaihinger Marktplatz kommt, war ursprünglich gar nicht geplant. Doch im Frühjahr 2011, als sich geklärt hatte, dass die Organisatoren des Strandlebens vom zweijährlichen Turnus zu einer alljährlichen Veranstaltung wechseln wollten, musste jemand in die Bresche springen und die Bewirtung übernehmen. Weber sagte bei einer Besprechung, dass er das Material dazu schon habe – aber nicht allzu viel Lust, für die Besucher dieses Angebot mit festen Öffnungszeiten zu schaffen, was für ihn selbst zugleich ein schlecht kalkulierbares wirtschaftliches Risiko bedeutete.

Vor allem im vorigen Sommer erlebte Michael Weber den Sandkasten auf dem Vaihinger Marktplatz als einen Ort der Kommunikation. Kommunikation ist ihm wichtig. Soziale Kontakte zu knüpfen und zu pflegen. Viele Jahre lang wohnte er in der Vaihinger Mühlstraße. „1993 sind wir im Hochwasser abgesoffen“, erinnert er sich. „Damals hat die Kommunikation noch nicht funktioniert.“ Doch das habe sich danach geändert. Später gab es auf der Mühlstraße sogar eine Hocketse. Einige der Beteiligten von damals gehören noch heute zu den Menschen, denen Weber besonders nahe steht. Und mit denen er sich gerne im und am Sand auf dem Vaihinger Marktplatz trifft. „Das Vaihinger Strandleben ist ein Alleinstellungsmerkmal“, sagt Weber, der sich darüber freut, dass Vaihingen diese Aktion als eine der ersten Städte in Europa eingeführt hat. Das war im Rahmen des Kulturprojekts „Nigihaven na der Zen“ im Jahr 2001. Als einer der Macher der VAI (Vaihinger Aktion Innenstadt) ist Weber seitdem an den Wiederholungen des Strandlebens beteiligt.

Noch länger ist es her – ungefähr 28 Jahre inzwischen – dass Weber am Rand des Markplatzes einen Naturkostladen eröffnete, den er aber schon nach kurzer Zeit in andere Hände gab. Das Geschäft gibt es unter dem Namen Buntspecht noch heute. Inhaltlich konnte sich Weber mit den Angeboten offenbar besser identifizieren als viele Vaihinger. Das war Mitte der 80er Jahre. „Aber erst nach dem Reaktorunglück von Tschernobyl gab es so viel Zulauf, dass sich so ein Laden lohnen konnte.“

Immerhin hatte Weber schon damals Erfahrungen im professionellen Umgang mit Lebensmitteln gesammelt. Seit einigen Jahren besucht er mit seinem mobilen Café Kunsthandwerkermärkte und andere Veranstaltungen, um dort für ein kulinarisches Angebot zu sorgen. Nicht so umfangreich wie beim Vaihinger Strandleben, aber mit viel Liebe zum Detail. Am liebsten von seinem dunkelroten Wagen aus. „Da hängt Herzblut drin. Darum ist der Wagen ja rot“, sagt Weber. Für 100 Euro im Internet ersteigert, über 350 Kilometer her transportiert, dann zwei Jahre lang in Eigenleistung restauriert, ist der Wagen jetzt das Heiligtum des Barista. Mehr als 500 Arbeitsstunden stecken darin. Darum wird das Vehikel jeden Abend mit heimgenommen nach Kleinglattbach. Sonst könnte ja jemand einen Kratzer reinfahren.

Eigenleistung und handwerkliches Geschick bestimmen auch sonst das Leben von Michael Weber. „Die Berufsbezeichnung für mich ist ,Micha‘. Ich verkaufe mich. Ich verstehe recht viel vom Bau, und am liebsten ist mir, wenn verschiedene Gewerke reinspielen.“ So kommt es auch nicht von ungefähr, dass sein Name auf dem Schild am Strandcafé ebenfalls auftaucht. „Ich gestalte mir mein Umfeld“, sagt Weber. „Das ist für mich ein Stück Lebensqualität.“ Der 55-Jährige wechselt sich mit Tochter Sarah im Strandcafé ab. Auf die Frage nach dem Familienstand lächelt er den Reporter an und sagt: „Schreiben Sie: ,Verliebt‘“.

Dann hält Weber noch einmal ein Plädoyer für guten Kaffee. „Viele Menschen machen Kaffee nicht mit Sorgfalt. Dann schmeckt er nicht“, bedauert er. „Es würde doch kein Mensch auf die Idee kommen, den billigsten Wein zu kaufen, wenn er etwas Besonderes will. Aber beim Kaffee kaufen sie die billigsten Zutaten, um ein wohlschmeckendes Getränk zu bekommen.“ Darum setzt Weber auf handwerklich gerösteten Kaffee von einheimischen Röstern. Und genießt dann jeden Schluck.

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