Der Mühlenkundler aus Vaihingen

Erstellt: 1. Oktober 2014
Der Mühlenkundler aus Vaihingen Eine Walkmühle im Wallis, die Jägertonimühle im Schwarzwald und Mühlenfotograf Willem van Bergen daheim in Vaihingen. Foto: Rücker

Von Kindesbeinen an hatte Willem van Bergen in Holland Mühlen im Blick. Im Alter von 17 Jahren hat er sein Diplom zum freiwilligen Müller abgelegt. Heute lebt er in Vaihingen und steht der Internationalen Gesellschaft für Mühlenkunde vor.
 Als sich Willem van Bergen im Jahr 1980 im Schwabenland ansiedelte, ließ der Schreck nicht lange auf sich warten. „Ach Leute, hier gibt’s gar keine Windmühlen“, war die jähe Erkenntnis, an die sich der heute 60-Jährige erinnert. „Das war schon heftig“, sagt er rückblickend.
Zehn Jahre lang hatte der damals 27-jährige Holländer sich zuvor als freiwilliger Müller um eine Mühle bei seinem Heimatort gekümmert. Geboren ist van Bergen, der seit zehn Jahren in der Vaihinger Kernstadt lebt, im holländischen Gouda, „wo der Käse herkommt“. Aufgewachsen ist er im benachbarten Boskoop, „wo die Äpfel herkommen“ und studiert hat er in Delft, „fürs Porzellan berühmt“.
Als kleiner Junge ist er immer an Windmühlen vorbeigelaufen und mit 17 hat er sein Diplom als freiwilliger Müller abgelegt. Mit dem Fahrrad ist er am Wochenende von Boskoop aus zu „seiner“ Mühle geradelt – außer die Wetterverhältnisse ließen das nicht zu. Dann war er sauer.
Diese Poldermühle aus dem 17. Jahrhundert, mit der Wasser gepumpt wird, ist mit 27 Meter Durchmesser von einem der vier Flügelenden zum entgegengesetzten Ende nicht gerade zierlich. „Wenn die Mühle läuft und ein Sturm kommt, muss man innerhalb von drei Minuten alle Segel wegmachen können“, erklärt van Bergen. Abenteuerlich klingt für Mühlenlaien das Prozedere des Ingangsetzens. Erst wird die Mühle von der Kette genommen, die sie in Schach hält. Dann muss die Kappe, der obere Gebäudeteil mit den Flügeln, in den Wind gedreht werden. Dazu wird an einem zwei Meter hohen Speichenrad gedreht. Dann werden die Segel vorgelegt. „Ich hatte schon einige Freunde gehabt, die auch so verrückt waren“, räumt van Bergen ein.
Da schmerzte anfangs das Fehlen der Windmühlen im Schwabenland schon sehr. Nun scheint er mit seiner jetzigen Heimat versöhnt: „Es hat eine Zeit lang gedauert, bis ich mich in Wassermühlen vertieft habe“, so van Bergen. Die Tatsache, dass es „sogar in Baden-Württemberg Hunderte von Wassermühlen gibt“ ist doch tröstlich. „Wenn meine Frau irgendwo hin will, sage ich immer: ‚Sag’ erst mal, wo dort die Mühlen sind‘“, verrät er und schmunzelt. Aber die Gattin geht auch gerne auf Schwarzwaldtouren mit. Zwei bis zehn Mühlen stehen dann pro Tag auf dem Programm.
Immer trägt Willem van Bergen das Mühlenthema im Herzen, selbstverständlich auch im Ausland. So kam er als junger Holländer beim Zivildienst auf Jamaika zum ersten Mal mit Zuckermühlen in Kontakt. Willem van Bergen gehört inzwischen zu einer Handvoll Spezialisten, die sich den Bauwerken zum Pressen des Zuckerrohrs verschrieben haben. Wobei der Vaihinger den Mühlen und ihrer Vielfalt nur als Hobby frönt. Hauptberuflich ist er Diplom-Ingenieur der Elektrotechnik. Natürlich ist es eben auch das Innenleben, das die Bauwerke für den Elektroingenieur so interessant machen. „Mühlen haben eine wunderschöne Technik, die auch richtig ausgereift ist – da kann man heutzutage viel lernen“, schwärmt van Bergen. Historische Mühlen seien die Industriekomplexe von früher.
Seit sieben Jahren ist der Vaihinger nun Präsident der Internationalen Gesellschaft für Mühlenkunde, The International Molinological Society, kurz Tims. Die rund 500 Mitglieder aus 35 Nationen haben „einen Klaps von der Mühle gekriegt“, wie es in Holland heißt, sie sind der Mühlenfaszination verfallen.
Und deren Geschichte und Vielfalt ist in der Tat beeindruckend. „Mühlen sind und waren immer ein fundamentaler Bestandteil unserer Entwicklungs- und Technikgeschichte“, schreibt Tims. Die Einsatzmöglichkeiten reichen vom Getreidemahlen zur Wasserregulierung durch Pumpen übers Eisenhämmern und bis zum Pressen. Nicht zu vergessen die Farb-, Walk- und Sägemühlen. Sogar Kugeln und Murmeln werden mit Mühlenkraft gefertigt, in Neidlingen zum Beispiel aus württemberger Marmor. Die Gesellschaft Tims fördert „den Austausch und das Verständnis von Wind-, Wasser- und Muskelkraft getriebenen Mühlen und vermittelt den Wissenstransfer zur Erhaltung und Restaurierung von Mühlen“.
Zweimal jährlich erhalten die Mitglieder unter anderem das Journal „International Molinology“ und alle vier Jahre wird in unterschiedlichen Ländern ein Symposium veranstaltet „um Forschungsergebnisse zu präsentieren oder Fachwissen auszutauschen“. Im kommenden Jahr ist Rumänien das Gastland. Mühlenexkursionen gehören dort dann selbstredend auch zum Programm.
Willem van Bergen wird es nicht langweilig werden. Viele Mühlen im Schwarzwald, in Dänemark, Holland, gerne auch Brasilien und weiteren Nationen stehen auf seiner Wunschliste. In vielen Länder hat er schon die Mühlen inspiziert. In der Ukraine bescherte ihm dies vor wenigen Jahren sogar einen unverhofften Fernsehauftritt. Manch ein Mühlenbesuch ist nichts für schwache Nerven, denn wenn der Holzwurm und das Wetter lange genug gewirkt haben, sei es schon fast Standard, dass einer „durch die Treppe rutscht“. Aber: „Wir wissen genau, wo’s gefährlich ist“, betont van Bergen.
Mehr Einsatz von der öffentlichen Hand für den Erhalt der Mühlen würde sich van Bergen wünschen. Manchmal helfe schon ein einfacher Schutz vor Regen, um Aufschub für eine richtige Restaurierung zu erhalten.
Die deutsche Lieblingsmühle des Vaihingers ist die Meuschenmühle im Tal des Eisenbachs bei Welzheim. Ihr Charme erschließt sich dem Laien nicht unbedingt auf Anhieb.„Diese Wassermühle ist so fantastisch in die Landschaft integriert“, sagt van Bergen mit dem Kennerblick. Auf der Internetseite www.welzheim.de ist sie ein Teil der dort vorgestellten Mühlenwanderung.
Willem van Bergen freut sich indessen schon auf das Symposium 2015: „Acht Tage lang nur über Mühlen reden!“ Der Klaps, den er von der Mühle gekriegt hat, hat offensichtlich gesessen. Die Klapsmühle dagegen ist etwas anderes, nämlich eine saloppe Bezeichnung für psychiatrische Klinik. Diese Redewendung nahm wohl in der Soldatensprache des frühen 20. Jahrhunderts ihren Anfang.
Mehr Informationen zur 1965 gegründeten Internationalen Gesellschaft für Mühlenkunde (The International Molinological Society, kurz Tims) gibt’s im Internet unter www.molinology.org. (sr/18. Juni 2014)

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