Der letzte Wellendinger

Erstellt: 1. Oktober 2014
Der letzte Wellendinger Fridolin Bernhart. Foto: Bögel

Vaihingen (ub). Zum Abschied könnte er leise, versöhnliche Töne anstimmen. Das ist aber nicht die Sache von Fridolin Bernhart. Ihm ist wichtig, dass die Menschen mit Behinderung in die Gesellschaft begleitet werden. Und da muss Klartext geredet werden. Beispielsweise sagt Bernhart: „Es wäre schön, wenn sich die Stadt Vaihingen etwas mehr bewegen würde.“
 Seit 30 Jahren ist der 63-Jährige im Vorstand der Lebenshilfe für Menschen mit Behinderung Vaihingen-Mühlacker. 23 Jahre ist er an der Spitze des 300 Mitglieder zählenden Vereins mit über 60 Mitarbeitern und der als Träger verschiedener Einrichtungen eine Bilanzsumme von fünf Millionen Euro bewegt. Darunter ist auch der Kooperationskindergarten Villa Emrich in Mühlacker, wo es seit diesem Jahr gemischte Gruppe von behinderten und nicht behinderten Kindern gibt. Schön wäre es, so Bernhart, wenn dies auch beim Schulkindergarten Regenbogen im Tannenweg in Vaihingen gelingen würde. Zwar gibt es mit dem benachbarten städtischen Kindergarten eine Kooperation, aber Bernhardt spricht hier von einem „zarten Pflänzchen“. Da tue sich die Stadt Vaihingen noch schwer.
Am Freitag hört Fridolin Bernhart als Vorsitzender der Lebenshilfe auf. Das hat er bereits 2011 angekündigt. „Mich hat zwar keiner so richtig ernst genommen, aber jetzt ist es soweit“, sagt der in Vaihingen lebende Vereinsboss. Bei der Mitgliederversammlung im Gemeindesaal der katholischen Kirchengemeinde in der Heiligkreuzstraße in Vaihingen wird die Nachfolgerin von Bernhart gewählt. Vorgeschlagen wird Gabriele Higer, 64 Jahre alt, pensionierte Lehrerin aus Mühlacker. „Frido“, wie ihn seine Freunde nennen, wird an diesem Abend zum Ehrenvorsitzenden der Lebenshilfe ernannt. Dieser Titel wird erstmals in der Vereinsgeschichte – die Lebenshilfe wurde 1968 auf Initiative von Pfarrer Adolf Greinert gegründet – verliehen. „Wenn es sein muss, dann sollen sie machen“, honoriert Bernhart die Auszeichnung.
Der letzte Wellendinger
macht auf dem zweiten
Bildungsweg Karriere
Bernhart stammt aus dem Südschwarzwald, ist in Wellendingen, das heute zu Bonndorf gehört, geboren. „Ich bin der letzte Wellendinger“, lacht er – nach ihm habe es in dem damals noch selbstständigen Ort keine Geburten mehr gegeben. Nachfolgende seien eben Bonndorfer. Sein Vater war Landwirt und ehrenamtlicher Bürgermeister – „vielleicht steckt mir deshalb das Ehrenamt im Blut“, mutmaßt Bernhardt, der im Laufe des Gesprächs immer mehr in den südbadischen Dialekt verfällt. Sechs Buben sind sie zuhause gewesen, nur einer konnte aufs Gymnasium nach Freiburg. Fridolin Bernhardt machte auf dem zweiten Bildungsweg Karriere, war Vermessungsingenieur und arbeitete zum Schluss beim Landesamt für Geoinformation und Landentwicklung in Stuttgart.
1978 kam Bernhart mit seiner damaligen Frau von Karlsruhe nach Kleinglattbach. „Wir haben da zuerst auf der Landkarte suchen müssen.“ Bei einem Fest wurde Bernhart auf die Lebenshilfe aufmerksam und dachte, dass dies eine sinnvolle Freizeitbeschäftigung sei. „Ich bin da reingerutscht und hängen geblieben.“ Und schon damals trieb Adolf Greinert die Fragen um, was machen behinderte Menschen in ihrer Freizeit, was passiert, wenn die Eltern nicht mehr können?
Die Lebenshilfe Vaihingen-Mühlacker gab die Antworten und wuchs mittlerweile zu einem mittelständischen Unternehmen heran. Den Kindergarten gab es bereits 1972; diese Einrichtung siedelte 1980 in den Vaihinger Tannenweg um. 1986 wurde das Wohnheim in Kleinglattbach eingeweiht – damals noch unter der Ägide des Lebenshilfe-Vorsitzenden Alfred Bauer. 1990 übernahm Bernhart das Kommando. Im Lomersheim gibt es ein Wohnheim und ambulantes Wohnen; hier hat auch die hauptamtliche Geschäftsführerin Sandra Sailer ihren Sitz. In der Goethestraße in Mühlacker betreibt die Lebenshilfe eine Außenwohngruppe für 20 Personen. Im Spitalhof in Vaihingen sind die Offenen Hilfen angesiedelt und ambulantes Wohnen möglich. Im Schulerweg in Mühlacker arbeitet der Kooperationskindergarten Villa Emrich. Dazu kommen noch der Schulkindergarten im Vaihinger Tannenweg und das Kleinglattbacher Wohnheim in der Bahnhofstraße.
„In den letzten Jahren haben wir gebaut, gebaut und gebaut. Diese Aufgabe haben wir jetzt erledigt“, sagt Fridolin Bernhart, dem zusehends eine Sehbehinderung zu schaffen macht. Die Vaihinger Kreiszeitung muss er sich vorlesen lassen. Die erblich bedingte Sehschwäche ist auch ein Grund, den Vorsitz bei der Lebenshilfe abzugeben. Denn amtsmüde ist Bernhart nicht. Im Gegenteil: Nach der Bauphase gelte es nun, die behinderten Menschen in die Gesellschaft zu begleiten. „Es muss mehr Kontakte nach außen geben. Und diese Kontakte müssen sich nachhaltig gestalten.“
Bernhart will weiter im Vorstand mitarbeiten, eine konkrete Aufgabe bekommen. 150 Menschen betreut die Lebenshilfe Vaihingen-Mühlacker – und da gibt es noch genug zu tun. „Wir müssen jetzt mehr nach den Menschen gucken“, sagt Bernhardt. Es muss mehr Bürger geben, die einen Behinderten abholen, ihn mit zum Gottesdienst nehmen. Es muss normal werden, wenn behinderte und nichtbehinderte Kinder zusammen im Kindergarten spielen. Es muss normal sein, wenn behinderte Menschen in den Urlaub fliegen. Denn Bernhart beobachtet, dass sich immer noch Menschen abwenden, wenn sie einen Behinderten auf der Straße sehen. Oder dass sie im Restaurant einen weiter entfernteren Tisch suchen, wenn bereits eine Gruppe von Menschen mit Handicap Platz genommen hat.
Bernhart spricht von vielen kleinen Schritten, die nötig sind, würde sich freuen, wenn sich mehr gesellschaftliche Gruppierungen den Menschen mit Behinderung annehmen würden. Bernhart sieht sich als Lebenshilfeboss nicht als der große Oberguru, will nicht der „honorige Vorsitzende“ sein, wie er selber sagt. Für ihn ist es wichtig, wenn die Menschen mit Behinderung im Mittelpunkt stehen.
Die Arbeit der Lebenshilfe ist ein fester Bestandteil des Lebens von Fridolin und Rosemarie Bernhart, die für die Offenen Hilfen zuständig ist. „In der Summe kommen wir beide gut auf 60 Jahre Lebenshilfe“, rechnet der scheidende Vorsitzende vor. Das Thema Lebenshilfe sei immer latent vorhanden. Bernhart gibt jetzt Verantwortung ab, seine Frau hört im nächsten Jahr bei den Offenen Hilfen auf.
Fridolin Bernhart lehnt sich zurück, atmet tief durch. „Das Amt geht schon an die Substanz, wenn man es ernst nimmt.“

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