Berndt von Staden: Diplomat aus Leidenschaft

Erstellt: 1. Oktober 2014
Berndt von Staden: Diplomat aus Leidenschaft Berndt von Staden feiert am 24. Juni 2009 seinen 90. Geburtstag. Foto: Rücker

Mit Schwung öffnet Wendelgard von Staden die Tür. „Was macht ihr denn so lange?“, fragt sie das Duo in einem Zimmer des Leinfelder Hofs in Enzweihingen. Ganz einfach: Beim Gespräch der VKZ-Mitarbeiterin mit ihrem Gatten Berndt von Staden verfliegt die Zeit. 90 Lebensjahre bieten an und für sich schon eine Fülle von Stoff. Das Leben von Berndt von Staden sprengt überdies den üblichen Rahmen allein durch die Daten seiner beruflichen Laufbahn.
Berndt Robert Alexander Michael von Staden, so der vollständige Name laut Altersjubilarliste der Stadt Vaihingen, ist Diplomat im Ruhestand. Mächtige Politiker hat er hautnah erlebt. Beispielsweise, als Anfang der 70er Jahre die „Tür nach Osten aufgestoßen wurde“. Von Staden war von 1970 bis 1973 Leiter der Politischen Abteilung des Auswärtigen Amtes. Als solcher sei er als „nächster Mitarbeiter des Außenministers bei Verhandlungen dabei gewesen“. In dieser politisch turbulenten Phase mit Kanzler Willy Brandt und Außenminister Walter Scheel wurden die drei großen Ostverträge ausgehandelt und abgeschlossen. „Ein Minister lebt ja nicht im luftleeren Raum“, erläutert Berndt von Staden seine damalige Aufgabe, „man reist zusammen und spricht vor und nach den Verhandlungen miteinander – und gelegentlich steckt man seinem Minister auch während einer Verhandlung einen Zettel zu.“ Eine hoch interessante und sehr dramatische Zeit sei das gewesen. „Walter Scheel, den ich ganz besonders geschätzt habe, ist übrigens genau zwei Wochen jünger als ich“, sagt der Enzweihinger, der morgen seinen 90. Geburtstag feiert.

Am 24. Juni 1919 wird der Deutsch-Balte Berndt von Staden in Rostock geboren. Eigentlich lebt die Familie in der Hauptstadt der Republik Estland, doch die Mutter flieht schwanger vor den Wirren militärischer Unruhen. Als der Bub zwei Jahre alt ist, kehrt sie in die Heimatstadt Tallinn nach Estland zurück. Nach dem Abitur beginnt Berndt von Staden ein Jura- und Geschichtsstudium in Bonn, das er eigentlich in seiner Heimat Estland beenden möchte. „Mein Hauptinteresse galt schon während der Schulzeit Politik und Geschichte.“
Doch die Umsiedlung und der Krieg machen dem jungen Mann einen Strich durch die Rechnung. Von Staden: „Ich habe großes Glück gehabt. Die Hälfte meiner Abiturkameraden sind gefallen.“ Nach der Kriegsgefangenschaft beendet er das Jurastudium, fügt eine Ausbildung für den Auswärtigen Dienst an und beginnt im Jahr 1951 in der Personalabteilung des jungen Auswärtigen Amtes in Bonn. In den kommenden Jahrzehnten wird er alle paar Jahre seinen Wohnsitz zwischen Bonn, Brüssel und Washington wechseln. Erst im Juli 1985, als er mit Gattin Wendelgard auf den Leinfelder Hof nach Enzweihingen zieht, kommt ein Hauch von Ruhe in den Lebenslauf.
1953 bis 1955 erlebt Berndt von Staden als Leiter der Konsularabteilung der Deutschen Botschaft in Brüssel „eine sehr schöne Zeit, weil man dort einer Reihe von Menschen helfen konnte“. Haupttätigkeit sind Wiedergutmachungsfälle, in denen Juden, die nach dem Krieg in Brüssel leben, Ansprüche geltend machen. Es sei auch ein sehr wichtiger Lebensabschnitt gewesen, in dem „ich viel darüber gelernt habe, was in der Nazi-Zeit alles passiert war“, so von Staden.
Danach führt der Lebensweg wieder nach Bonn und im Jahr 1958 zur Kommission der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft zurück nach Brüssel. „Das waren für die Entwicklung meines Denkens die wichtigsten Jahre“, so von Staden. Und weiter: „Seitdem bin ich überzeugter Europäer und glaube fest, dass wir die europäische Integration unbedingt nötig haben.“ Denn in der Welt von morgen könne Deutschland seine Interessen alleine nicht vertreten: „Wir sind dazu zu klein.“
Im Jahr 1963 wird er Botschaftsrat an der Deutschen Botschaft in Washington, später arbeitet er als Leiter der Politischen Abteilung des Auswärtigen Amts in Bonn – das war die Zeit der Ostverträge. Von 1973 bis 1979 ist er schließlich Botschafter in Washington. Berndt von Staden: „Der Außenminister ließ mich eines Tages kommen und fragte mich, ob ich mir vorstellen könnte, Botschafter in Washington zu werden.“ Sehr gefreut habe er sich über das ihm entgegengebrachte Vertrauen.
Eine besondere Rolle kommt dort seiner Ehefrau Wendelgard zu. „In Washington haben wir viele Tausend Gäste im Haus gehabt, da ist die Frau die wichtigste Stütze.“ Im Jahr 1961 hatte er die in Kleinglattbach aufgewachsene Wendelgard, geborene Freiin von Neurath, geheiratet. Berndt von Staden: „Wenn Henry Kissinger bei uns zu Abend aß, war nicht ich der Tischnachbar, sondern meine Frau.“
Eine große Hilfe sei gewesen, dass Wendelgard von Staden selbst zehn Jahre lang im Auswärtigen Dienst gewesen war.
Berührungsängste hat der Enzweihinger bei den hochrangigen Politikern nicht gehabt. Kennedy, Johnson, Nixon, Ford und Carter hat von Staden beispielsweise persönlich kennengelernt. „Ich habe immer großen Respekt vor diesen Leuten gehabt. Ich war mir immer der ungeheuren Verantwortung bewusst, die ein amerikanischer Präsident und auch der deutsche Bundeskanzler trägt.“ In besonders guter Erinnerung ist dem Ehepaar von Staden Präsident Gerald Ford, „ein ungemein freundlicher, persönlich sehr anziehender Mann“.
 Welchen deutschen Politiker mochte er besonders gerne? „Da ist die Antwort sehr einfach: Derjenige Bundeskanzler, der mir persönlich am nächsten stand, war Helmut Schmidt“, sagt Berndt von Staden. Und wie steht’s mit aktuellen Politgrößen wie US-Präsident Obama und Bundeskanzlerin Merkel? Von Staden lacht. „Obama ist ein enorm gescheiter Mann mit einer durch und durch anständigen Gesinnung.“ Und zur Bundeskanzlerin: „Ich bin ein Merkel-Fan. Sie ist eine tolle, mutige Frau. Was mir besonders gut gefällt ist, dass sie erst genau überlegt und sich Dinge anschaut, bevor sie sich äußert.“
Früher habe er sehr sorgfältig in Zeitungen geschmökert, doch ein Augenleiden macht das inzwischen unmöglich. „Meine Frau liest mir aus der Zeitung vor“, sagt Berndt von Staden. Aber: „Der Kopf ist noch fit und ich habe kein schmerzhaftes Leiden – da muss man dankbar sein.“ Zahlreiche Auszeichnungen hat von Staden erhalten, darunter das Große Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland und die Verdienstmedaille des Landes Baden-Württemberg: „Da war ich sehr stolz.“
Bis zum Eintritt in den Ruhestand im Jahr 1983 zeigt die Vita weiterhin folgendes: Leiter der Abteilung für Auswärtige Beziehungen und Sicherheit im Bundeskanzleramt, Staatssekretär des Auswärtigen Amts und Koordinator für deutsch-amerikanische Zusammenarbeit.
In Enzweihingen fühlt sich der weitgereiste Ruheständler sehr wohl. Täglich geht der bald 90-Jährige eine Stunde lang mit Collie-Hündin Mucki spazieren. Sachbücher und Romane aus der Deutschen Zentralbücherei für Blinde – „eine fantastische Einrichtung!“ – sorgen bei Berndt von Staden für Hörgenuss.
Würde er im Rückblick auf neun Lebensjahrzehnte etwas anders machen? „Ich habe natürlich Fehler gemacht und würde versuchen, die zu vermeiden“, sagt von Staden. Insgesamt würde er’s aber genau so machen. Im Beruf habe er keinen Tag bereut.
 Auf seine drei Kinder ist er sehr stolz. Und seine Frau sei „mit Abstand die Beste“. Bald 50 wunderschöne Jahre seien sie verheiratet. Berndt von Staden: „Insgesamt glaub’ ich, kann ich sagen, dass ich ein glücklicher Mensch bin.“
 Wendelgard von Staden guckt nochmal zur Tür herein. Dann gibt’s für ihren Gatten erst einmal ein frisch gebackenes Schinkenhörnchen zur Stärkung. (sr)

 

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