Andreas Cichowicz: Vom VKZ-Volo zum NDR Chefredakteur

Erstellt: 1. Oktober 2014
Andreas Cichowicz: Vom VKZ-Volo zum NDR Chefredakteur Andreas Cichowicz

Er ist ein gefragter Mann, der Andreas Cichowicz. Schon vor rund einem Jahr hat das Deutsche Rote Kreuz bei ihm angefragt, ob er nicht die Festrede zum 125-jährigen Bestehen des Kreisverbandes Ludwigsburg halten wolle. Es gibt Leute, die sich noch gut an seine Zivildienstzeit beim DRK in Vaihingen erinnern und sich nicht genieren, den Chefredakteur des NDR Fernsehens um einen Gefallen zu bitten. So kam es, dass vor einer Woche ein Ex-Zivi die Ehre hatte, ein Loblied auf das Rote Kreuz anzustimmen. Und da hörte natürlich auch der ehemalige Kollege der Vaihinger Kreiszeitung aufmerksam zu.
Von Hamburg nach Stuttgart zu fliegen ist eigentlich ein Klacks von knapp einer Stunde. Doch an diesem Samstag bleibt der gebuchte Flieger am Boden – ein erkranktes Besatzungsmitglied kann nicht ersetzt werden. Cichowicz muss sich einen anderen Flug suchen – und landet in Frankfurt, wo ihn der Notarztzubringer des DRK abholt. Den hat man schnell aus der Jubiläumsausstellung vor dem Ludwigsburger Forum gezogen. „Es wäre doch gelacht, wenn wir das nicht hinbekommen“, sagt Vorsitzender Michael Vögele. Der Festredner landet um halb sieben in Frankfurt und ist um acht in Ludwigsburg. Problem gelöst.
Ohne DRK-Erfahrung
nicht überlebt
Derartige Extremsituationen können Cichowicz nicht groß schocken. Er erzählt unter anderem aus seiner Zeit als Auslandskorrespondent in Südafrika und Ägypten. „Ohne die Rettungssanitäterausbildung beim DRK Ludwigsburg und die Erfahrungen in Notfällen hätte ich nicht überlebt“, meint er. Ohne die Grenzerfahrungen wäre er wohl verzweifelt an dem Elend und der Brutalität. Er berichtet von einem Absturz in Angola. Die Piloten hat er damals aus dem brennenden Wrack geborgen: „Ich wusste, was man tun muss, wenn die Verletzten eine Chance haben sollten zu überleben.“ Beide sind dennoch gestorben, „man kann nicht viel tun ohne Hilfsmittel, 1000 Kilometer von der nächsten Siedlung entfernt“. In Südafrika seien Menschen bei Demonstrationen von den Sicherheitskräften „neben mir und auf mir liegend erschossen worden“, erzählt er. „Es waren meine menschlichen Schutzschilde.“
Der Chefredakteur ruft die Festgäste auf, die Berichterstattung kritisch zu hinterfragen: „Aus Israel darf zum Beispiel kein Film unzensiert gesendet werden, in Kriegsgebieten sind die Kollegen im Schutz der Armee eingebettet.“ Er führt einen kurzen Film vor, in dem angeblich die Schlacht um Basra gezeigt wird. Wie die Panorama-Redaktion recherchiert hat, waren es allesamt gestellte Bilder. Fazit: „Es sind im Krieg oft nicht die Journalisten, die die Wahrheit ans Licht bringen, sondern die Hilfsorganisationen wie das Rote Kreuz. Die wahren Unabhängigen.“ Man müsse den Erzählungen der Rotkreuzhelfer mehr Glauben schenken. Er sei zutiefst von der herausragenden Bedeutung und Rolle vor allem des Roten Kreuzes überzeugt, habe im Ausland viel Respekt vor dem Leben und den Lebensrettern bekommen.
Cichowicz schlägt einen Bogen von der großen Weltpolitik zum DRK-Kreisverband. Anekdoten aus der Zivi-Zeit dürfen nicht fehlen. Mit dem Josef Glaser, dem Franz Thiel, dem Arnim Bauer oder dem Günter Herter ist er einst die Einsätze gefahren. Herter hat es sich nicht nehmen lassen, extra nach Ludwigsburg zu kommen. Man erfährt etwas vom lahmen Notfalldiesel, den die Vaihinger Rettungswache 1984 bekommen hatte, von den „Wettrennen“ mit den Kollegen aus Bietigheim, wenn es ins Kirbachtal ging. „Wenn wir da zwischen Horrheim und Haslich rechts die Blaulichter von Sachsenheim anrücken sahen, haben wir die Abkürzung genommen, wir wollten ja nicht nur den verstauchten Finger behandeln dürfen.“ Dann die Begegnungen mit den Großen der Politik. Wiederholt hat Cichowicz den verstorbenen Palästinenserführer Arafat interviewt, viele Tage (und unzählige Tassen Tee) mit Warten im Vorzimmer verbracht, bis er zufällig mit den Lieblingskeksen des Präsidenten aufgetaucht ist. „Dann ging alles sehr schnell.“ Viel Geduld und Gelassenheit sei in der arabischen Welt angesagt.
Eine Stunde spricht der Fernsehmann im Forum. Er macht es gerne für sein DRK. „Mit 17 bin ich das erste Mal mit dem Roten Kreuz auf Ferienfreizeit gegangen. Da ist was haften geblieben.“ Den Vortrag in Ludwigsburg hat er zunächst zwar abgesagt, doch als es der Terminplan der Fußball-Europameisterschaft ergab, dass der „Weltspiegel“ am Endspieltag ausfallen würde, hat er seinen alten Gefährten gleich grünes Licht gegeben. Cichowicz könnte ewig weiterreden – das macht er bis tief in die Nacht hinein beim Ex-Kollegen von der VKZ, der ihm „Asyl“ angeboten hat.
Die Großen der Politik
vor dem Mikrofon
Der 47-Jährige hat zahlreiche Politikgrößen vor dem Mikrofon gehabt. Jimmy Carter oder Gerhard Schröder, Angela Merkel oder Nelson Mandela. Ein Interviewtermin mit dem möglichen künftigen US-Präsidenten Obama ist angefragt. Gibt es einen Gesprächspartner, mit dem er überhaupt nicht zurecht kam? Aus der Politiker-Riege fällt ihm da auf Anhieb niemand ein. Aber aus dem Umfeld der Kanzlerin würden oft etwas merkwürdige Vorschläge kommen, meint er. Doch die Frau Merkel sei im Gespräch okay. Der Ex-Kanzler Schröder sei ab und an mal launisch gewesen. Ganz und gar daneben sei aber eine geplante Geschichte für den Kultur-Weltspiegel mit dem Jazzmusiker Abdullah Ibrahim gegangen. „Der hat nur rumgetobt, wir konnten absolut nichts senden. Der Ersatz war Miriam Makeba, eine tolle Frau.“
Was ist das Stressigste am Job? Andreas Cichowicz muss nicht lange überlegen. „Die Wahlsendungen.“ Da könne man nichts proben, es gehe Schlag auf Schlag, Interviewpartner um Interviewpartner. Zuletzt bei den Wahlen in Hamburg, da lag das Päckchen mit den vorbereiteten Fragen unterm Tisch, blieb unangerührt.
Auch der Weltspiegel wird live gesendet. Seit 2001 moderiert er ihn im Wechsel mit den Kollegen aus anderen Sendeanstalten. „Er ist praktisch mein Hobby. Und ich darf inzwischen sogar ohne Krawatte ran“, lacht ac bei einem Glas Roßwager Lemberger, den er mittlerweile auch in Hamburg beziehen kann. Damit gehen die Heimatgefühle nicht ganz verloren. Zudem schickt auch die in Stuttgart wohnende Mama regelmäßig Maultaschen in den Norden, „denn die in Hamburg hergestellten Maultaschen sind praktisch mit Sägmehl gefüllt“. Auch seiner Bank, auf die ihm einst der VKZ-Zahltag überwiesen wurde, ist er treu geblieben, der Volksbank Ludwigsburg, mit ihrer Zweigstelle in Hemmingen.
Erinnerungen an die VKZ-Zeit beim Frühstück. Wie geht’s denn dem Joachim Fiebig? Schöne Grüße – auch an den Herrn Kälberer („Ich habe ihn mal in El Alamein getroffen“) und die Frau Wohlmacher, die in der Redaktion immer geputzt hat. Was, der Willi Baur ist immer noch Schultes in Oberriexingen? Und wo spielt der VfB Vaihingen inzwischen? Erinnerungen an das Kulturado (eine Kleinkunstreihe der VKZ in den 80er-Jahren), das seine Idee war. „Die Erika Pluhar hat mich mal aus der Garderobe geworfen, weil ich zu freche Fragen gestellt habe“, lacht er.
Nicht unbedingt heiter sieht indessen die familiäre Situation aus. Die Scheidung von der zweiten Frau steht an; die beiden Kinder, der Junge acht, die Tochter elf Jahre alt, leben in Kairo, besuchen dort eine deutsche Schule. Die letzten Wochen hat er mit ihnen in Südfrankreich die Ferien verbracht. Während er in Ludwigsburg und Vaihingen ist, passen die Mutter und die Lebensgefährtin auf sie auf.
Normales Familienleben
ist ein Fremdwort
„Ich komme halt nicht wie viele Väter abends um sechs nach Hause“, zuckt Cichowicz die Schultern. Zum Beispiel in dieser Woche: Montag und Dienstag ist Führungstagung irgendwo in Mecklenburg, am Mittwoch und Donnerstag geht es nach London, die neue Studioleiterin einsetzen. Im August muss er in die USA, denn der Norddeutsche Rundfunk ist für die Vereinigten Staaten (und auch für Asien) zuständig. Und immer wieder Diskussionen um die umstrittene Anne Will und ihren Talk am Sonntagabend: „Wenn ich mit allen so viel Arbeit hätte…“ Dazu sind enorm viele Verwaltungsgeschäfte zu erledigen. Gut 80 Prozent, schätzt er. Chef-Schicksal.
Heimflug am Sonntagmorgen ab Echterdingen. „Bis dann! Es hat Spaß gemacht, wieder einmal in der Heimat gewesen zu sein.“ Die Bodenhaftung hat Cichowicz nicht verloren.       Albert Arning

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