Zu Besuch im Tierhotel

Erstellt: 1. Oktober 2014
Zu Besuch im Tierhotel Es ist kurz nach Mittag: Auf geht es zum zweiten Spaziergang an diesem Tag im Tierhotel. Foto: Bögel

Unterriexingen (ub). Gestatten: der „Hundeflüsterer“. Nikolaus Prinz von Ratibor, 46 Jahre alt, braune Cordhose, grüner Jancker, lächelt und nimmt einen Schluck Tee. „Die Tiere werden viel zu oft vermenschlicht“, sagt er. Vielen Hundehaltern fehle das Know-how. Wie zur Bestätigung bellt es aus dem Burggraben. Hier tollen „Qaja“, der Irische Wolfshound, neben „Gina“ der schwarzen Labradorhündin.
Zutritt in das Tier-Schlosshotel in Unterriexingen gibt es nur von 10 bis 12 Uhr. „Sonst werden die Tiere zu sehr gestört“, sagt Prinz Ratibor, Chef des luxuriösen Feriendomizils für den anspruchsvollen Liebling auf vier Pfoten. Im Schloss Unterriexingen, einer Staufer-Burg, die 1180 erstmals erwähnt und im 18. Jahrhundert in seiner jetzigen Form ausgebaut wurde, finden Hunde und Katzen Obdach, derweil Herrchen und Frauchen im Urlaub weilen.
Im Schatten des alten Wehrturms mit Buckelquadern an den Ecken philosophiert der im Hochdorfer Schloss aufgewachsene Prinz über seine Arbeit, seine Passion, die Freiheit. Nach der Grundschule in Hochdorf, dem Internat in St. Blasien und der Bundeswehrzeit in Ingolstadt studierte Ratibor in München Betriebswirtschaft. In der freien Wirtschaft verdiente er als Berater viel Geld, arbeitete für einige Zeit mit dem Rieter Grafen von Reischach zusammen. 1995 dann der Schnitt in der Biographie: Weil er immer nicht wusste, wo er bei seinen geschäftlichen Reisen mit seinen drei Leonberger-Hunden hin sollte, entstand die Idee eines Tier-Hotels. Und die Lösung lag nahe: Entlang der Nordseite des Unterriexinger Schlosses hatte der Prinzen-Vater als Tierarzt und gleichfalls passionierter Hundezüchter eine Zwinger-Anlage bauen lassen. „Ich wollte das Hunde-Hotel nebenher machen. Doch schnell war klar: Es geht nicht ohne mich.“ So wurde der Prinz quasi zum Aussteiger.
Täglich drei Spaziergänge
im 40000 Quadratmeter
großen Schlossgarten
Heute ist die Anlage am Ende der Schlossgarten-Straße in Unterriexingen eine der vornehmsten Hundeherbergen in Deutschland. Der Prinz und vier festangestellte Betreuer sorgen für eine Tierbetreuung der Extraklasse. Die Hunde können täglich an drei Spaziergängen im 40000 Quadratmeter großen Schlosspark mit ausgewählten Artgenossen toben, so dass kein Heimweh aufkommt. Tagsüber haben sie im Bruggraben Auslauf, abends kommen sie ins Hundehaus mit Fußbodenheizung und bei Bedarf klassischer Musik.
20 Euro für den kleinen Hund, 26 Euro für größere Hunde muss der Halter pro Tag zahlen. Katzen kosten 13 Euro am Tag, für das Katzenterrassenzimmer einschließlich Freigang im Außengehege sind 15 Euro fällig. 500 bis 600 Hunde sind jedes Jahr zu Gast. Mehr als 30 bis 35 Hunde können nicht gleichzeitig untergebracht werden. Den großen Reibach macht Prinz Ratibor mit dem Hundehotel nicht. Mit umgerechnet einem Euro pro Betreuungsstunde kann nur ein Teil der Baulasten des historischen Schlosses bewältigt werden. „Wir sind reich, aber nur reich an Steinen“, lacht der 46-jährige Kynologe (griechisch cynos: der Hund; wissenschaftliche Lehre des Hundes von Zucht, Dressur und Krankheiten). Mit dem Vertrieb der schlosseigenen Hundenahrung „Care Royal“ hat sich der dreifache Vater ein weiteres wirtschaftliches Standbein geschaffen.
„Pünktchen“, der Berner Sennerhund, der gerade von seiner Besitzerin abgegeben wurde, wartet noch bis er zu seinen Hundekumpels darf. Die tierischen Gäste im historischen Schlosshotel wissen, was sie wollen: Bewegung, rennen (nicht der langweilige Trott an der Leine), neugierig sein, mit ihren Spielpartnern herumtollen – und natürlich fressen. Der „Hundeflüsterer“ hat die Meute im Griff: eingeteilt in bestimmten Gruppen, verbringen die Tiere zusammen den Tag. „Seit 15 Jahren hat es keinen Unfall, keine größere Beißerei gegeben“, sagt der Prinz stolz. Unter dem schattigen Pavillon im Schlosshof, der nur über die steinerne Brücke zu erreichen ist, erzählt er von den Bedürfnissen der Hunde, von den Bedürfnissen der Besitzer. „Im Urlaub wollen Herrchen oder Frauchen ausspannen, abends weggehen, am Strand relaxen. Das ist nichts für einen Hund. Der will rennen, toben, mit Artgenossen spielen.“ Die Urlaubsinteressen von Hund und Mensch seien komplett unterschiedlich.
Und mit dieser Erkenntnis bietet der adlige Unternehmer sein Geschäftsmodell im Tierhotel an. Eine Hürde muss der Prinz noch überwinden, bis die Halter ihren Liebling bei ihm für einige Tage oder Wochen abgeben: das schlechte Gewissen. Prinz Ratibor greift zu den Salzstengele, die neben der Teekanne auf dem Tablett stehen: „Vergessen Sie es. Die Hunde, die schon einmal da waren, ziehen regelrecht hier rein.“ Und beim Abschied gibt es noch ein Schwanzwedeln für die Betreuer. Ein Zeitgefühl kennt der Vierbeiner nicht. Ihm ist es letztendlich egal, ob er zwei Tage oder zwei Wochen in Unterriexingen eine neue Heimat findet. „Die Hauptsache ist, er fühlt sich wohl. Und das merkt man schnell“, so der Hotel-Manager.
Es ist kurz nach Mittag: die erste Hundegruppe darf raus zum Spaziergang. Gute Gelegenheit für Fotos. Eine Betreuerin öffnet das Tor – und die Freude ist überwältigend. Der Prinz wird ebenso begrüßt wie der VKZ-Mann. Auge in Auge mit dem Wolfshound, ein Jagdhund versucht, die Fototasche zu entern, ein Labrador belegt mit einem Sprung die andere Seite. Doch dann dreht die Meute ab und rast Richtung Park davon. Mit den Artgenossen macht das Spielen doch mehr Spaß.
Statt dem Bad in
der Enz geht es in den
neuen Hundepool
Wir gehen über das weitläufige Anwesen. Auf einer Wiese wurde im Juli eigens ein Pool für die Hunde gebaut. Er ersetzt den Badeausflug in die nahe Enz. Bei Prinz Ratibor kommt jetzt der Kommunalpolitiker durch. Für die CDU – „ich bezeichne mich als konservativer Grüner“ – sitzt er im Markgröninger Gemeinderat. Die jahrhundertealte Badestelle an der Enz in Unterriexingen sei von der Unteren Naturschutzbehörde geschlossen worden. „Das hat mich richtig geärgert.“
Nun gibt es eben den hoteleigenen Hundepool. Als „Club Mediterrane für Hunde“ ist die vornehme Herberge schon bezeichnet worden. „So falsch ist das nicht“, schmunzelt Prinz Ratibor. „Wir bieten hier viel Animation.“ Wer sich im Schlosspark als Vierbeiner auf die faule Hundehaut legen will, muss vorher aber ein dreitägiges Schnuppertraining bestehen. Großen Wert legt der Hundehotelier dabei auf die soziale Verträglichkeit und auf ein Grundmaß von Erziehung. Dann ist der Weg frei fürs Hundeparadies auf Zeit.

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