Schnüffeln bei der Pilzbestimmung

Erstellt: 1. Oktober 2014
Schnüffeln bei der Pilzbestimmung Angerer mit einem Sträußchen Pilze. Foto: Rücker

Die Nasenflügel beben als der Duft ins Riechorgan steigt. Die Augen von Helmut Klotz schließen sich, seine Gesichtszüge verraten Genuss. Der Pilzsammler aus Poppenweiler schnüffelt an seiner Beute, einem Langstieligen Knoblauchschwindling. „Wenn man den kocht, ist der besser als Knoblauch“, schwärmt der Schwammerlsucher im Foyer des Ludwigsburger Rathauses. Seit zehn Jahren breitet er seine Schätze montagabends vor den Augen und der Nase von Johann Angerer aus. Man kennt sich inzwischen gut. Klotz hat im Laufe der Zeit eine Menge über die Objekte seiner Begierde, die Pilze, gelernt. Denn Johann Angerer ist Pilzsachverständiger der Deutschen Gesellschaft für Mykologie und sortiert seit mehr als 20 Jahren die Beute der Pilzsucher während der Pilzberatung im Rathaus.
Der Langstielige Knoblauchschwindling wandert von Hand zu Hand, von Nase zu Nase. Oh ja, der durchdringende Duft lässt sich nicht leugnen. Rein äußerlich macht der Gewürzpilz nicht allzu viel her, sorgt in der kleinen Expertenrunde aber doch für Freude. Mit Bedacht kommt der zarte Schwindling wieder ins Körbchen, um einem neuen Kandidaten auf dem Tisch vor Pilz-Guru Angerer Platz zu machen. Sammler Klotz: „Auf den ersten Blick dachte ich an den Nebelgrauen Trichterling, aber die sind alle auf der Wiese gewachsen, das passt nicht…“ Der bleiche Fruchtkörper verströmt einen überraschend widerlichen Chlorgeruch. Angerer: „Das ist ein anderer Trichterling, der kommt weg.“ Spricht’s und lässt ihn in den Papierkorb fallen.
Pilzsucher Klotz ist darüber nicht unglücklich. Die Wildpilze, die für ein Gericht ohne Reue taugen, hat er schon im Vorfeld aussortiert und daheim gelassen. Zur Pilzberatung bringt er nur die Kandidaten mit, die er nicht sicher zuordnen kann. So hält es auch der Ludwigsburger Hans Sauter, ebenfalls seit Jahren Stammkunde in der Pilzberatung. In den Löwensteiner Bergen war er am Vortag auf die Pirsch gegangen. Angerer: „Die Guten lässt er daheim, die Unsicheren bringt er mit.“ Die Farben- und Formenfülle stapelt sich auf dem Tisch. Angerer greift einen der Kandidaten heraus und hält ihn mir vor die Nase: „Riechen’s amol!“, fordert der aus Bayern stammende Pilzkundige auf. Tatsächlich. Ein Hauch von Weihnachten dringt in die Nase. „Ein Anis-Zähling“, erklärt Angerer. In kleinen Mengen verfeinert er Saucen und Pilzgerichte.
Da! Endlich erkenne ich auch mal etwas. „Ein Reizker“, rufe ich stolz und fische den orangefarbenen Milchling vom Tisch. Nicht schlecht. Allerdings ist zu beachten, „dass es bei uns fünf Arten von Reizkern gibt“, klärt Angerer auf. Wichtig dabei: „Alle, bei denen nach dem Anschneiden orangefarbener Milchsaft austritt, sind essbar.“
 Die Tür zum Sitzungssaal neben der illustren Runde öffnet sich. Dr. Thomas Lang, Teilnehmer der dort tagenden Haushaltsstrukturkommissionssitzung – was für ein Wort! – tritt heraus und wird vom schwammerlbedeckten Tisch magisch angezogen. „Das ist ein Parasol“, lässt er verlauten und angelt sich einen der Pilze, „die wachsen bei mir in der Wiese.“ Im Geiste stimme ich ihm voll und ganz zu. Hm, Parasol, lecker! Paniert lässt er jedes Schnitzel verblassen. „Das ist ein Safranschirmling“, berichtigt Angerer zu unserem Entsetzen und fährt fort: „Schirmlinge gibt es viele.“ Darunter nicht nur schmackhafte Speisepilze sondern auch giftige Exemplare. „Der große Pilzatlas“ dazu: „Einige der braunen und rötlichen Schirmlinge haben bereits tödliche Vergiftungen verursacht.“ Au Backe!
Trotzdem ist die kleine Pilzkunde am Rande „das Schönste vom ganzen Abend“ für den Kommunalpolitiker, der zur nächsten Sitzung weiterhetzt. Das Pilz-Gremium unter dem Vorsitz von Johann Angerer ist wieder unter sich. Ein hübscher, knackig-weißer Bursche kommt in den Fokus. Bei mir läuten alle Alarmglocken: Knollenblätterpilz. Damit habe ich mich als Dilettant entlarvt. Angerer: „Beim Knollenblätterpilz sind die Lamellen schneeweiß.“ Bei unserem Vertreter sind die Lamellen leicht rosa gefärbt. „Ein Karbol-Champignon“, identifiziert Angerer. Champignon – das klingt nach kulinarischem Genuss. Nicht unbedingt, denn unter den Egerlingen, wie die Champignons auch genannt werden, tummeln sich Tunichtgute, wie beispielsweise der Karbol-Egerling. Er gilt als leicht giftig. Außerdem besteht bei den beliebten Champignons Verwechslungsgefahr mit äußerst gefährlichen Giftpilzen.
Die Zeit verfliegt mit den Pilzfreunden wie im Flug. „Eine Totentrompete?“, fragt sich Sammler Helmut Klotz. Nein, ein „Grauer Leistling“, klärt Angerer auf. Eine Verwechslung wäre in diesem Fall nicht so schlimm: „Die sind beide essbar.“ Die Totentrompete kenne ich sogar von früher. Der trompetenförmige, dunkle Fruchtkörper wurde bei uns an Schnüren aufgereiht und zum Trocknen aufgehängt. Der Violette Rötelritterling, ein Semmelstoppelpilz, die Herbstlorchel und Hexenröhrlinge erhalten Aufmerksamkeit. Im spektakulären Kleid kommt der Violette Schleierling daher, der mit seiner grauvioletten Farbe Eindruck schindet. Letzte Besonderheiten für die Riechsinneszellen runden den Abend ab: der Rettichhelmling. „Der Stinker da“, sagt Hans Sauter. Der Pilz müffelt wie alte Rettiche, die in einem feuchten Keller lagern. Weg damit, der ist giftig. Ungleich angenehmer dagegen der Wohlriechende Schneckling. Mit einem Marzipanduft betört er die Sinne. Ein Würzpilz, der seinesgleichen oder weißem Fleisch eine besondere Note verleihen kann.
Johann Angerer schaut auf die Uhr: die Beratungszeit ist vorüber. Der Tisch wird geräumt, die essbare Beute verstaut, das Beratungsprotokoll ist ausgefüllt. Wie viele Leben hat der Pilzsachverständige eigentlich gerettet? „Schon etliche“, sagt der 78-Jährige bescheiden.
Ein Schreiben der Vergiftungs-Informations-Zentrale in Freiburg wird da deutlicher: „… auch in diesem Jahr wollen wir Ihnen für Ihre stete Bereitschaft, als Pilzsachverständiger für unseren Giftnotruf tätig zu sein, danken.“ Verängstigte Eltern und Patienten konnten beruhigt werden, beziehungsweise Ärzte konnten zeitnah Therapien einleiten, heißt es in dem Schreiben aus Freiburg weiter. Denn das Wissen von Angerer ist auch bei Ärzten gefragt, wenn der Verdacht auf eine Pilzvergiftung besteht. Dann kommt mitunter das heimische Labor zum Einsatz, wenn es gilt, Pilzreste zu identifizieren. Wie lange der Senior, der hauptberuflich in der Datenverarbeitung tätig war, die Pilzberatung noch anbietet? „Solange es geht“, sagt Angerer. Pilze, die sind seine Leidenschaft: „Ich bin immer im Wald.“ Es sei spannend, wie sich manchmal, nach vielen Jahren Abstinenz sozusagen, wieder andere Arten aus dem Boden drücken.
Ein Nachfolger für seine Arbeit sei leider noch nicht in Sicht. Wer sich dazu berufen fühlt, kann sich bei der Deutschen Gesellschaft für Mykologie zum Pilzsachverständigen ausbilden lassen.
Sabine Rücker
In der Saison 2008  berät Johann Angerer noch an zwei Montagen von 16.30 bis 18 Uhr die Schwammerlsucher im Ludwigsburger Rathaus. Die Pilze sollten nicht älter als einen Tag und im Kühlschrank gelagert worden sein. WICHTIGER HINWEIS vom September 2013: Die Pilzberatung in Ludwigsburg besteht unseres Wissens nach nicht mehr. Eine Liste der Pilzsachverständigen der Deutschen Gesellschaft für Mykologie unter www.dgfm-ev.de/taxonomy/term/25

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