Zwei Sandkörner stecken noch im Bein

Bernd Sautter erinnert sich an seinen geliebten Auricher Dorfklub und stellt demnächst sein Buch „Heimspiele Baden-Württemberg“ vor

Erstellt: 2. April 2016
Zwei Sandkörner stecken noch im Bein Beim TSV Aurich konnte Bernd Sautter kurze Zeit „als früher Klinsmann auf E-Jugend-Niveau gelten“ – dann ging’s bergab. Foto: p

„Fußball ist Kulturgut“, behauptet Bernd Sautter. Zum Beweis hat er ein umfangreiches Buch über die Fußballkultur in Baden-Württemberg vorgelegt. Erschienen ist es im vergangenen Herbst im Silberburg Verlag. Am Donnerstag (7. April) stellt er sein Werk im Rahmen einer öffentlichen Wohnzimmerlesung vor. Die Lesung ist sein einzig echtes Heimspiel. Für die VKZ erinnert er sich an seine Jugend, als hoffnungsvoller Mittelstürmer des TSV Aurich.

Vaihingen/Aurich. „Der ko saua“, sagt man im Schwäbischen, wenn Experten von hoher Grundschnelligkeit sprechen. Das konnte ich schon immer. Saua. Und das, zur Freude meines E-Jugend-Trainers Walter Gottwald, meist schneller als die gegnerische Abwehr.

Damals in der Auricher E-Jugend, als die taktische Grundordnung sehr viel mit läuferischem Enthusiasmus zu tun hatte. Heute bezeichnet man diese Taktik als ballorientiertes Spiel. Gottwald hatte bereits Mitte der 70er-Jahre geahnt, dass sich das gesamte Spiel an der Position des Balles orientiert. So haben wir nämlich gespielt: alle elf Hosenscheißer immer hinter der Kugel her. Ballorientierung der Steinzeit.

Doch genau das runde Ding war es dann, das mir Probleme bereitete, wenn es in meine Nähe kullerte. Ich sollte es annehmen, im günstigsten Fall sogar mitnehmen. Spätestens jetzt wurde es kompliziert mit mir und meinen flinken Beinen.

Natürlich erreichte ich die Kugel. Doch selbst angesichts wohltemperierter Pässe neigte ich dazu, die Murmel gradlinig zu versemmeln. Ballannahme, Ballmitnahme – das Multitasking des modernen Fußballs. Ich war überfordert.

Also versuchte ich so lange rumzustolpern, dabei die gegnerische Abwehr mit meinen dilettantischen Bewegungen anzustecken, sie in Sicherheit zu wiegen – und dann, wenn sie mit nichts mehr rechneten, erbarmungslos zuzuschlagen. Ein bisschen wie Jürgen Klinsmann. Was Frisur und Statur betrifft, waren wir durchaus ähnlich. Und auch in der Ballmitnahme hatten wir artverwandte Schwächen. Als ich vor Kurzem las, dass sich Bundestrainer Vogts über seinen Nationalmittelstürmer beschwerte, dieser hätte bitte nochmals intensiv an seiner Ballmitnahme zu arbeiten, konnte ich mir eine leichte Erheiterung nicht verkneifen. Insofern darf ich als früher Klinsmann auf E-Jugend-Niveau gelten. Allerdings war’s das auch schon mit den Parallelen zwischen Sautter und Klinsmann. Mit Sautter ging’s danach bergab.

Mag sein, dass es in den späten 70er- Jahren nicht unbedingt ein Vorteil war, wenn man aus der Jugend des TSV Aurich stammte. Mein geliebter Dorfklub galt damals eher als untaugliches Sprungbrett für eine hoffnungsvolle Kickerkarriere. Und das lang nicht nur am legendären Sandplatz. Die alten Kämpen können sich sicher noch an den brettharten Paradeplatz mit seinen drei Sandkörnern obendrauf erinnern. Zwei dieser drei Sandkörner trage ich heute noch im Oberschenkel herum. Aber ich will mich nicht mit Platzfehlern oder tiefstehender Sonne rausreden. Es gab auch starke Auricher Spieler: den Hansi, den Jogi oder den Elmar zum Beispiel. Ich gehörte nicht dazu.

Hat es eigentlich jemand aus der Gegend in den großen Fußball geschafft? Kevin Kuranyi soll in Enzweihingen auf die Schule gegangen sein, entnehme ich dem einzigen fußballkulturellen Beitrag, den unsere schöne Heimat geliefert hat. „Zeitungsbier am Maulwurfshügel“ war der Bericht über den Kreisliga-Fußball aus dem „beschaulichen Vaihingen“ überschrieben. Er erschien vor runden zehn Jahren in 11Freunde, der führenden Zeitschrift für Fußballkultur des Landes.

Ein Journalist hatte sich an die Fersen seines Vaihinger Kollegen Michael Bofinger geheftet, um wahre Kreisklasse zu erleben. Da war er genau richtig zwischen Stromberg und Strohgäu. Über Aurich notierte der Reporter eine Szene, die sich im Spitzenspiel Aurich gegen Roßwag II zugetragen hatte. Unser TSV-Torhüter muss wohl bei einem langen Ball auf sein Tor höflich zur Seite gegangen sein, um ihn ins Tor passieren zu lassen. Er dachte anscheinend, dass Weitschüsse, die von hinter der Mittellinie aus angetragen werden, nicht als Tor gewertet würden. Aber das hatte er mit Hallenfußball verwechselt.

Natürlich zählte das Tor für Roßwag II. Der Reporter freute sich diebisch über die schöne Anekdote. Diese Petitessen erwähne ich keineswegs spöttisch. Ich will damit nur erklären, wie es sein kann, dass ausgerechnet ein Auricher dazu kommt, ein Buch über Fußballkultur zu schreiben.

Tatsächlich habe ich während meiner zweijährigen Arbeit am dreipfundschweren Wälzer festgestellt, dass die Storys über die zweiten Sieger meist bemerkenswerter ausfielen als die altbekannten Heldengeschichten der großen Meister. Möglicherweise könnte das an meiner Auricher Abstammung liegen. In vielen meiner 94 Geschichten, die ich im Buch versammelt habe, spielen die tragischen Momente eine große Rolle.

So ist es halt – in der Fußballkultur, wie in der Literatur. Nur wenige mögen lesen: „Sie spielten auch heute wieder wie die Weltmeister. Sie trafen am Fließband. Sie stiegen auf. Und danach haben sie einen super Abend verbracht.“ Das möchte man zwar liebend gerne mit dem eigenen Verein erleben. Aber als Geschichte hinterlässt das eher einen faden Eindruck. Gute Fußball-Literatur braucht Dramen. In Heimspiele Baden-Württemberg habe ich einige aufgeschrieben.

Beispiele gefällig? Gerne. Nehmen wir den FC Emmendingen 03. Der spielte in den 60er-Jahren die schlechteste Regionalliga-Saison, die man sich nur vorstellen konnte. Damit brachten es die Südbadener sogar ins aktuelle Sportstudio – und natürlich in mein Buch. Auch der Hamburger SV taucht in Heimspiele Baden-Württemberg auf. Die Überheblichkeit, mit der sie 1974 dem VfB Eppingen die erste legendäre Pokal-Sensation ermöglichten, ist in vielen Details wirklich lustig und überaus lesenswert.

Und schließlich fand ich eine Mannschaft, die in den Siebzigern weitaus schlechter spielte als alles, was je an den Ufern der Enz über die Kartoffeläcker rumpelte: Es handelt sich um den FC Auwald, einen Fußballklub aus einer Arbeitersiedlung der Stadt Dietenheim, im Illertal bei Ulm gelegen.

Deren Kicker gewannen im Jahre 1970 einen Wettbewerb der „Bild“-Zeitung, die damals die schlechteste Mannschaft Deutschlands suchte. Fast überflüssig zu erwähnen, dass auch die Auwälder Stürmer Probleme mit der Ballannahme hatten. Allerdings, so berichten Augenzeugen, nicht unbedingt aufgrund mangelnder Technik, sondern eher aufgrund anatomischer Probleme. Die Figuren der Spieler machten es meist unmöglich, den Ball während der Annahme zu sehen. In Auwald wäre der sprichwörtliche „Knick in der Optik“ sogar hilfreich gewesen.

Womit ich nebenbei beweisen wollte: Im „beschaulichen Vaihingen“ und auf den Sportplätzen werden heute durchweg ansehnliche Spiele geboten. Ballmitnahme inklusive. Support your local football club, sagen die Engländer, und diese Losung gilt natürlich auch links und rechts der Enz. Zumal es um mehr als nur Fußball geht. Die Sportplätze der Region liegen landschaftlich überaus reizvoll. Die Stadionwürste (ja, so darf man sie auch auf dem Dorfplatz nennen) sind knackig und über die Qualität der Vereinsgaststätten kann sich niemand beschweren.

Die Kreisklasse der Region ist also immer einen Besuch wert – mit oder ohne Fanschal. Dort kann man einen schönen Nachmittag verbringen und manche fußball-kulturell wertvolle Erkenntnis gewinnen. Nur über eine Kleinigkeit, über die rätsle ich bis heute: Zwischen Auwald und Aurich besteht ja durchaus eine phonetische Ähnlichkeit. Wie die wohl zustande kommt?

Bernd Sautter bei seiner Wohnzimmerlesung „Heimspiel in Vaihingen/Enz“, bereichert durch Bilder von Renate Leidner, zu erleben am Donnerstag (7. April) um 19.30 Uhr in der Franckstraße 24 in Vaihingen. Eintritt frei. Um Spenden wird gebeten. Das Buch von Bernd Sautter mit dem Titel „Heimspiele Baden-Württemberg“, 280 Seiten ist für 29,90 Euro, ISBN 978-3-8425-1409-6, beim Silberburg Verlag Tübingen/Karlsruhe zu haben.

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