Wichtigeres im Leben als das Hamstern

Erfahrungen einer Corona-positiv getesteten Familie aus Vaihingen – „Beste Nachbarschaft, die man sich wünschen kann“

Von Uwe Bögel Erstellt: 27. März 2020
Wichtigeres im Leben als das Hamstern Der am Coronavirus erkrankte Hannes Börgardts zusammen mit einer Krankenschwester aus Vaihingen im Krankenhaus in Bietigheim-Bissingen. Foto: p

Sie möchte Mut machen, keine Angst zu haben, wenn es zum Ernstfall kommt. Sie möchte sich auch bedanken bei den Ärzten und beim Pflegepersonal, bei Freunden und Bekannten. Und sie möchte auch ihre Hilfe anbieten als Betroffene, Krankenschwester und Lebensberaterin für Menschen, die alleine sind, die Fragen haben. Die Erfahrungen einer Corona-positiv getesteten Familie aus Vaihingen.

Vaihingen. Sabine und Hannes Börgardts aus Vaihingen haben sich mit Covid-19 angesteckt. Hannes Börgardts liegt noch im Krankenhaus in Bietigheim-Bissingen, ist aber außer Lebensgefahr. Dank toller Pflege und ärztlicher Betreuung darf er vermutlich bald nach Hause. Sabine Börgardts ist zwar positiv getestet, hat aber keine Symptome. Sie ist zu Hause in Quarantäne, die noch bis 2. April andauert. Auch der 20-jährige Sohn, der im Haus in Vaihingen lebt, gilt als positiv, obwohl er nicht getestet ist.

Die Krankenschwester Sabine Börgardts schildert gegenüber der VKZ, wie es zu der Erkrankung kam, was schief gelaufen ist, was Zeit gekostet hat und welche Konsequenzen gezogen werden.

Der Ursprung der Erkrankung lag wie bei so vielen in Österreich – hier in St. Anton. „Aus Zeitmangel sollte es wenigstens ein schönes Familienwochenende Anfang März in Österreich zum Skifahren werden, wir waren froh, kurzfristig noch zwei Zimmer für uns zu bekommen, und freuten uns auf zwei schöne Tage mit unseren erwachsenen Kindern. Der viele Neuschnee war traumhaft, der zweite Tag war wie im Bilderbuch, blauer Himmel, Sonnenschein“, sagt die Vaihingerin. Dem Ehepaar zum Verhängnis wurde wohl eine kurze Pause in einer Skihütte. Obwohl sich die Beiden nur im Freien aufhielten, waren hier viele Menschen, vor der Getränkeausgabe bildete sich eine lange Schlange.

Montags ging wieder jeder seiner Wege, die Tochter studiert in Heidelberg und fuhr zurück. Hannes Börgardts stieg in den Flieger, er hatte geschäftlich in Schweden zu tun. Sabine Börgardts und ihr Sohn waren die Woche daheim … Alles fühlte sich an wie immer.

Dann überschlugen sich die Meldungen und Sankt Anton wurde Krisengebiet

„Die Nachrichten in der Woche um Covid-19 wurden immer dramatischer, mein Mann hat in Schweden wenig mitbekommen und wunderte sich, dass ich mir doch langsam Sorgen machte. Als mein Mann freitags aus Schweden kam und er sagte, du ich habe leichtes Halskratzen, gingen alle Alarmglocken bei mir los. Da ich selbst Krankenschwester bin, habe ich direkt selbst strenge Maßnahmen für meine Familie ergriffen und meinen Mann umgehend im Haus in einem Zimmer isoliert. Wir haben noch abends beim Gesundheitsamt angerufen, wie wir uns verhalten sollen. Wir sollten abwarten und Montag wieder anrufen. Dann überschlugen sich die Meldungen und Sankt Anton wurde als Krisengebiet an diesem Abend eingestuft.“

Am nächsten Tag lag der Vaihinger mit heftigen Grippesymptomen im Bett – sehr starke Kopf- und Gliederschmerzen, die zehn Tage anhielten, Fieber, Halsschmerzen, Krankheitsgefühl.

Sabine Börgardts Schilderungen: „Ich habe dann Samstag bei der Corona-Teststelle in Ludwigsburg angerufen und mit sehr viel Glück einen freien Termin am Dienstag für ihn zum Testen bekommen. Ich habe ihn mit Mundschutz und Handschuhen im Auto hingefahren. Zu dem Zeitpunkt war er schon so geschwächt, dass er im Parkhaus im Auto sitzenblieb. Netterweise hatten sie ein offenes Ohr und etwas Zeit, sodass eine Ärztin in Schutzkleidung mit zum Auto kam und den Abstrich dort gemacht hat. Ich bat sie noch, ob sie meinen Mann mal die Lunge abhören könnte, weil kein Arzt im Moment zu uns kommen möchte. Zufällig dachten die Helfer bei der Anmeldung, ich hätte auch einen Termin und so bin ich ebenfalls zu meinem Abstrich gekommen. Ich hatte überhaupt kein Symptom und mich vollkommen gesund gefühlt.

Mehrere Quellen haben uns gesagt, das Ergebnis dauert zwei Tage, man wird nur angerufen innerhalb von 48 Stunden, wenn wir positiv sind, ansonsten kommt später ein Brief. Langsam kam ich die nächsten Tage an meine medizinischen Grenzen, ich hatte inzwischen täglich Telefonkontakt mit unserem Hausarzt, dem waren die Hände gebunden und es tat ihm furchtbar leid, dass er meinen Mann nicht untersuchen konnte, da er leider überhaupt keine Schutzkleidung hat. Unvorstellbar, ohne Worte, traurig …. und das in Vaihingen zu einem doch recht frühen Zeitpunkt.“

Nach acht Tagen mit einem sehr geschwächten 55-jährigen, sportlichen und kerngesunden Mann ohne Vorerkrankungen, der noch nie je eine Grippe hatte, wurden die Ängste immer größer, das Fieber kam jeden Abend zurück, hinzu kam jetzt ein trockener Husten und immer noch starke Kopfschmerzen. Börgardts: „Wir haben kaum geschlafen, wir hatten langsam Todesängste und ich wollte ihn am liebsten ins Krankenhaus bringen. Die zwei Tage beziehungsweise 48 Stunden waren um und als am Donnerstag kein Anruf vom Gesundheitsamt kam, hat unser Hausarzt gesagt okay, dann gehen wir jetzt von einer Influenza aus, er kommt morgen zu uns und hört ihn ab. Da hatte er schon eine Lungenentzündung, und ich war so erleichtert, dass endlich ein Arzt bei uns war und ich nicht mehr alleine die Entscheidungen treffen musste.“

Samstags am späten Nachmittag kam ein anonymer Anruf und sagte, hier ist das Gesundheitsamt, um zu sagen, sie sind Corona-positiv getestet, das Ergebnis überrascht sie sicher nicht.

„Nein, das Ergebnis hat mich wirklich nicht mehr überrascht, aber uns erst nach vier Tagen zu informieren, dazu fehlten mir die Worte. Es ging nur darum unsere Symptome abzufragen und ich sollte umgehend eine Mail bekommen mit allen Informationen, wie wir uns jetzt verhalten sollen und was zu tun ist. Diese Mail kam leider nie an. Tausend Dinge gingen mir durch den Kopf und als erstes habe ich mir wirklich überlegt, ach du Schreck, wen haben wir vielleicht angesteckt? Umgehend habe ich als ersten unseren Hausarzt informiert, der sich sofort in häusliche Quarantäne begeben musste, das war wirklich unnötig und hätte nicht sein müssen, wären wir schneller informiert worden. Auch die Firma meines Mannes wurde umgehend informiert.

Diese Gedanken beschäftigen mich heute noch jede Nacht, obwohl jeder inzwischen weiß, keiner macht es mit Absicht, und ich weiß, ich habe absolut richtig gehandelt. Um unsere Familie und weitere zu schützen, sind wir sofort beim ersten Anzeichen freiwillig im Haus geblieben. Leider weiß man inzwischen, dass man schon ein paar Tage vorher als Überträger wirken kann und das darf einem keiner in der eh schon traurigen Zeit zum Vorwurf machen, wenn man zu der Zeit am ganz normalen Leben teilgenommen hat“, so Börgardts.

Und sie schildert weiter: „Für uns als so stark betroffene Familie war diese Erfahrung schon hart genug und keiner hat damit gerechnet und alle sind überfordert und am Limit. Ich bin selbst am Ende meiner Kräfte, die vielen Telefonate, alle Informationen habe ich mir selbst suchen müssen, alle Freunde und die Familie zu informieren, haben viel Kraft gekostet. Meine Nerven lagen blank, es ist so viel passiert jeden Tag Neues, die vielen Sorgen und Ängste werden noch eine Weile an mir zehren. Ich habe mich, als ich meine Kontaktpersonen informieren musste, wie eine Schuldige gefühlt, ich bin auch Corona-positiv getestet und habe bis jetzt keinerlei Symptome.

Am Wochenende bekam Sabine Börgradts von einer Freundin, auch Krankenschwester, ein Pulsoxymeter vor die Tür gelegt, um die Sauerstoffsättigung des Mannes selbst zu messen. „Das Ergebnis war erschreckend und ab da war klar, es wird jetzt höchste Zeit und ich kann die Verantwortung für das Leben meines Mannes nicht mehr übernehmen und brauche jetzt schnelle Hilfe. Ich habe die 116 117 angerufen wie empfohlen, dann ging alles sehr schnell. Der Notarzt kam, natürlich mit der wichtigen Information wir sind Corona-positiv. Vor der Tür musste der Arzt sich in komplette Schutzkleidung hüllen, seine Vitalwerte und die Lungenentzündung ergab, er muss ins Krankenhaus. Für meinen Sohn, der bei uns lebt und damit auch als positiv gilt, aber nicht getestet wird, und mich waren es die schlimmsten Momente, wir mussten zuschauen wie mein Mann/Papa ins Ungewisse gebracht wurde, wir durften nicht mit, da wir inzwischen in der angeordneten Quarantäne waren.“

Die erste Nacht hatte Hannes Börgardts gut überstanden, er war isoliert, bekam Sauerstoff über die Nase, Antibiotika, Blutabnahme und ein Röntgenbild. „Ich konnte langsam meine Gedanken ordnen und habe mir selbst eine Liste gemacht, was ich jetzt zuerst mache. Ich musste das Gesundheitsamt erreichen, um an die wichtigen Unterlagen zu kommen, die mir ja nicht zugeschickt wurden. Aber keine Chance. Unter der Telefonnummer kam sofort ein Besetzzeichen. Ich habe dann eine ausführliche Mail geschrieben und ein Fax in der Hoffnung eins wird ja ankommen. An diesem Tag war ich von 7 bis 21 Uhr ununterbrochen am Telefon, am PC oder am Handy, ich habe alles selbst unternommen, um an richtige Informationen zu kommen. Ich habe bei unserer Stadtverwaltung angerufen, um herauszubekommen, ob wir inzwischen wirklich als positiv getestet in Vaihingen in der Statistik geführt werden. Ja, das wurden wir und so hatte ich endlich die Gewissheit nach fast einer Woche nach unserem Abstrich.“

Montagnachmittag, 23. März, rief dann endlich auf die Mail hin eine Ärztin vom Gesundheitsamt an, sie entschuldigte sich, dass alles so lange dauert. „Ich habe bestimmt viel Verständnis in der für uns neuen Situation, die schwere Lage, aber Zeit ist das, was wir nicht mehr haben. Es ist zu ernst und oberstes Gebot sollte sein, alle positiven Personen sofort zu informieren, nur so kann man schlimmere Ausbreitungen noch verhindern. Mit der Hilfe der Ärztin haben wir ein paar Daten festgelegt, die in etwa die Zeit unserer Ansteckung sein könnte, die Zeit, in der wir als eventueller Überträger unterwegs waren, ohne es auch nur zu erahnen, bis zur Festlegung von wann bis wann unsere Quarantäne jetzt noch geht.“

Hilfe anbieten als Betroffene, Krankenschwester und Lebensberaterin

In ihrem Bericht schreibt die Vaihingerin abschließend: „Mein Mann ist außer Lebensgefahr, fünf Tage Krankenhaus mit toller Pflege und ärztlicher Betreuung. Hoffen wir, dass er bald nach Hause darf in unsere noch bis 2. April dauernde häusliche Quarantäne. Ich möchte meine Hilfe anbieten als Betroffene, Krankenschwester und Lebensberaterin für Menschen, die alleine sind, Fragen haben, überfordert sind, ein offenes Ohr brauchen oder unsicher sind, was sie tun sollen. Schreiben sie mir gerne per E-Mail (s-boergardts@web.de). Ich möchte Mut machen, keine Angst zu haben, wenn es zum Ernstfall kommt und das passiert zum Glück wirklich selten. Wir können dankbar sein, dass wir in Deutschland leben. Wir möchten uns bei den Ärzten und beim Pflegepersonal bedanken. Wir möchten uns bei allen Freunden und Bekannten bedanken, die uns so toll unterstützt haben, uns geholfen haben mit lieben Worten, Telefonaten, Gesten und Gedanken. Wir haben die beste Nachbarschaft, die man sich wünschen kann, jeder Tag ist wie Weihnachten, immer wenn ich meine Haustür öffne, liegt etwas vor unserer Tür.

Es fehlt uns an nichts, und am wenigsten an Klopapier, wir haben gelernt, es gibt Wichtigeres im Leben, das kann man sich nicht kaufen und auch nicht hamstern.“

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