Phänomene der Natur

Von Sabine Rücker Erstellt: 7. September 2019
Phänomene der Natur Kleinglattbacher Gottesanbeterin.Fotos: Rücker

Liebe Leser,
ich habe das Paradies gefunden, das Biologen-Paradies! Es ist in Kleinglattbach und „schuld“ an der Entdeckung ist ein Mitarbeiter der Firma Fakir.

Mit den einfachen Worten: „Hallo Fr. Rücker, mal wieder was für die Sammlung“, kündigte sich das Spektakel an. An seine E-Mail drangehängt hatte Albert Saggau zwei Fotos. Klick, das Bild öffnet sich und was guckt mir entgegen: eine Gottesanbeterin! Ja, ich werd’ verrückt. Noch unglaublicher wird die Sache, als ich kurz danach mit dem Fotografen telefoniere. Bei dem Tier auf dem Foto handle sich demnach um ein Exemplar, das am 30. August um kurz nach sechs Uhr morgens auf dem Betriebsgelände der Firma Fakir in Kleinglattbach entdeckt wurde. Seine Kollegen und er hätten erst gedacht, es handle sich um einen, hellen großen Falter, berichtet Saggau. Aber nach der Landung war klar: Es ist Mantis religiosa, die Europäische Gottesanbeterin, mitten in Kleinglattbach in Freiheit. Jetzt raten Sie mal, was ich an diesem Abend gemacht habe?

Na klar musste ich hinfahren und die Lage sondieren. Zwar konnte ich nicht aufs Firmengelände, aber die stillgelegte Bahnstrecke führt in der Industriestraße vorbei. Ehrlich gesagt habe ich mich mehrfach vergewissert, dass auch die Birken mitten im Gleisfeld wachsen. Ich wollte den Kollegen schließlich keine Sommerloch-Geschichte mit der Überschrift: „Dumme Redakteurin bei Recherche von Zug erfasst“, oder so liefern. Jedenfalls rechnete ich mir meine Chancen als nicht besonders hoch aus. Denn schon vergangene Woche hatte ich bei der Suche nach der Blauflügeligen Ödlandschrecke Glück und diese auf Anhieb auf dem Baresel-Gelände entdeckt.

Also die Gleise überquert und den Randstreifen als möglichen Lebensraum der gesuchten Fangschreckenart eingeschätzt. Und was soll ich sagen? Beim dritten Schritt hangelt sich eine knallgrüne Gottesanbeterin schwerfällig aus der Trittrichtung. So viel Dummenglück kann man ja gar nicht haben. „Hallo Mantis!“, sage ich, denn sie guckt mich an. „Ich dachte immer, ich muss irgendwann mal an den Kaiserstuhl, um dich persönlich kennenzulernen“, füge ich im Gedanken hinzu. Nun findet unser erstes Rendezvous auf der Brache in Kleinglattbach statt.

Experten dürfte der Fundort nicht in Verwunderung stürzen, denn die Gottesanbeterin profitiert als wärmeliebende Art vom Klimawandel und breitetet sich zunehmend aus. 2017 hatte sie den Titel Insekt des Jahres inne. „Wir wollen mit unserer Wahl diese faszinierende Vertreterin der Fangschrecken ehren und mit Vorurteilen aufräumen“, begründete Prof. Dr. Thomas Schmitt, Direktor des Senckenberg Deutschen Entomologischen Instituts in Müncheberg und Vorsitzender des Auswahl-Kuratoriums, die Entscheidung.

In Deutschland kam diese heimische Tierart tatsächlich lange Zeit nur in Wärmeinseln wie dem Kaiserstuhl bei Freiburg vor. „„Mit Ausnahme von Niedersachsen und Schleswig-Holstein wurde die Gottesanbeterin mittlerweile in allen deutschen Bundesländern gefunden“, wird Schmitt im November 2016 zitiert.

Der wissenschaftliche Name des Insekts leitet sich aus dem Altgriechischen Mantis für Seherin ab, der Artzusatz religiosa bezieht sich auf die gefalteten Fangarme, die an ein betendes Wesen erinnern könnten.

Mantis religosa ist die einzige Fangschreckenart nördlich der Alpen. Die zoologische Ordnung der Fangschrecken, Mantodea oder auch Mantiden, kommt mit mehr als 2400 Arten weltweit und mit 36 Arten in Europa vor. Typisch für ihre Vertreter sind die Fangbeine, die aus dornenbewehrtem Unterschenkel und Oberschenkel gebildet werden und die als furchterregendes Jagdwerkzeug für Kleingetier dienen.

Besonders wohl fühlen sich die Insekten in sonnigen, trockenwarmen, meist in Südlage gelegenen Gras- und Buschlandschaften sowie Halbtrockenrasen und Ruderalflächen mit lockerer Vegetation. Von dort gehen sie in ihrer namensgebenden Pose, mit ihren angewinkelten „betenden“ Vorderbeinen, auf die Nahrungssuche.

Durch langsames Gehen oder Klettern pirsche sich die Gottesanbeterin an ihre Beute heran, meist kleine Insekten, selten auch Wirbeltiere, wie Frösche, Eidechsen oder Mäuse, heißt es weiter in der Beschreibung des Insekts des Jahres. Ist das Beutetier in Reichweite, wird es mit den großen Facettenaugen fixiert und die beiden dornenbewehrten Fangbeine schnellen auf das Beutetier zu. „Der Vorgang des Fangschlags dauert nur 50 bis 60 Millisekunden – das ist etwa sechsmal schneller, als ein Lidschlag des menschlichen Auges“, erläutert Insektenforscher Schmitt.

Wie sich die Geschlechter unterscheiden schildert Engelbert Mayer von der Nabu-Gruppe Kaiserstuhl in einem Interview des Nabu klar und prägnant: „Erwachsene Gottesanbeterinnen sind zwischen sechs und sieben Zentimeter groß. Das Weibchen ist übrigens größer als das Männchen, nicht nur in der Länge, sondern auch korpulenter. Das Männchen ist rank und schlank. So wie im richtigen Leben halt …“ Ausgehend von dieser Aussage könnte mein grünes Exemplar ein Weibchen, das filigranere von Albert Saggau ein Männchen sein. Ebenfalls unterschiedlich scheint die Fühlerlänge. Paarungszeit ist von August bis Oktober, wenige Tage nach der Begattung legt das Weibchen die Eier in einem raffinierten Schutzgebilde ab. Oothek heißt die Schaummasse, welche erhärtet und die in ihr eingebetteten Eier vor den Widrigkeiten des Winters schützt. Der Nachwuchs überwintert, die Elterngeneration stirbt.

Nun hängt dem Weibchen ja ein grausamer Ruf an, da es bei der Paarung das Männchen köpfen soll. Das Männchen wird aber nicht immer gefressen. „Meistens endet die Kopulation für beide Partner ohne Schäden“, sagt Insektenexperte Schmitt. Die Färbung der Tiere kann von Beige bis Grün reichen und entwickelt sich wie bei der Blauflügeligen Ödlandschrecke während der Häutungen der Nymphen entsprechend dem Untergrund. Apropos Blauflügelige Ödlandschrecke – die gab es am Fundort „meiner“ Gottesanbeterin in Mehrzahl fliegend noch dazu. Ich sag’s ja: der Biologen-Himmel! Wobei die Ausbreitungstendenz der Europäischen Gottesanbeterin bei genauer Betrachtung eher kein Grund zur Freude, sondern eben der Klimaerwärmung geschuldet ist. Die zwei Kleinglattbacher Exemplare sind inzwischen auf der Meldeplattform der Landesanstalt für Umwelt Baden-Württemberg (LUBW) gemeldet. „Neu eingegebene Funde werden zeitnah geprüft“, heißt es dort. Mal sehen, ob und wann die Kleinglattbacher auf der Karte erscheinen. Seit 2017 erfasst die LUBW „das Vorkommen der leicht erkennbaren Gottesanbeterin mithilfe von interessierten Laiinnen und Laien über ihre Artenmeldplattform“, heißt es in einer Pressemitteilung. Laiinnen klingt irgendwie auch nach einer aussterbenden Spezies. „Die Qualität der 767 Fundmeldungen ist insgesamt sehr hoch,“ wird Eva Bell, Präsidentin der LUBW, vor gut einem Jahr in Bezug auf die erfassten Daten zitiert. Die Meldungen werden von den Fachleuten der LUBW plausibilisiert und in das zentrale Arten-Informationssystem des Landes überführt, wo sie der gesamten Naturschutzverwaltung zur Verfügung stehen.

Die Gottesanbeterin ist nach dem Bundesnaturschutzgesetz besonders geschützt und auf der Roten Liste der gefährdeten Arten Baden-Württembergs in Kategorie 3, das bedeutet gefährdet, eingestuft. Diese Rote Liste der Fang- und Heuschrecken basiere jedoch auf einer Erhebung von vor 20 Jahren und wird aktualisiert. Bei besonders geschützten Arten ist es laut Bundesnaturschutzgesetz unter anderem verboten, „sie der Natur zu entnehmen, zu beschädigen, zu töten oder ihre Fortpflanzungs- und Ruhestätten beziehungsweise Standorte zu beschädigen oder zu zerstören“, so die LUBW.

Wer das Tierchen sichtet, kann sich einfach nur freuen, ein Foto schießen und den Standort melden. Mal sehen, ob auf der LUBW-Karte in Vaihingen und drumrum noch was dazukommt.

Anregungen zur Serie per E-Mail an
s.ruecker@vkz.de

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