Phänomene der Natur

Von Sabine Rücker Erstellt: 31. Dezember 2016
Phänomene der Natur Freigemessen – nein danke, sagt die derzeitige Gemütslage der Autorin. Grafik: VKZ

Liebe Leser,
zum Jahreswechsel gibt es jetzt ein Thema, das dran kommt, weil es jetzt einfach sein muss: Es geht um freigemessene Abfälle aus dem Kernkraftwerk.

Sogenannte zweckgerichtet freigemessene Abfälle aus dem Rückbau des Kernkraftwerks Neckarwestheim, die noch eine minimale Strahlung aufweisen, können und sollen auf der Deponie in Horrheim ihre letzte Ruhe finden – darüber haben wir schon mehrfach berichtet. Dieses Thema mogelte sich wie von selbst in das Gedicht, das gestern im VKZ-Rückblick erschien, und ich muss sagen: Es kam einfach so über mich. Anscheinend geht es mir wie vielen Menschen in der Region: Der besondere Bauschutt bewegt das Gemüt.

Auch die Landesärztekammer Baden-Württembergs befasste sich bei ihrer Vertreterversammlung Ende November mit dem Thema und kam zu dem Entschluss, sich gegen die Freigabe radioaktiven Restmülls aus Kernkraftwerken im Land Baden-Württemberg auszusprechen.

„Die Landesärztekammer Baden-Württemberg warnt vor der Verharmlosung möglicher Strahlenschäden durch die geplante Verteilung von gering radioaktivem AKW-Rest-Müll aus den Kernkraftwerken Neckarwestheim, Obrigheim und Philippsburg sowie den Karlsruher Atomanlagen auf die Mülldeponien der Landkreise Ludwigsburg und Neckar-Odenwald sowie der Stadt Heilbronn und vermutlich weiterer Deponien sowie durch die Freigabe und Herausgabe des Restmülls in die allgemeine Wiederverwertung und fordert die Landesregierung auf, sich für eine Verwahrung auch des gering strahlenden Mülls auf den Kraftwerksgeländen einzusetzen, bis definitive und gesundheitlich zu verantwortende Lösungen der Endlagerung gefunden sind.“

Das grüne Umweltministerium unter Franz Untersteller sehe keine Strahlengefährdung der Bevölkerung. „Als Ärzte wissen wir, dass es keine Schwellenwerte für die Unbedenklichkeit von ionisierender Strahlung gibt und auch durch vermeintlich geringe Strahlenmengen gesundheitliche Schäden entstehen können. Ebenso sind die gesundheitlichen Folgen einer Verteilung von AKW-Rest-Müll nicht ausreichend geklärt. Es bestehen ernstzunehmende Sorgen, dass gesundheitliche Gefährdungen und Spätfolgen durch Strahlenschäden über Generationen entstehen können. Aus Strahlenschutzgründen muss die belastete Menge so klein wie möglich gehalten werden und mit dem bestmöglichen technischem Stand sicher verwahrt und kontrolliert werden, am besten auf dem Kraftwerksgelände.“ Und am besten für immer, möchte man noch hinzufügen. Bravo, beim Lesen der Medizinerworte applaudiert mein Groß- und mein Bauchhirn.

Gerne wird die angestrebte „grüne Wiese“ auf dem Kraftwerksgelände als ein Grund für den flotten Rückbau angeführt. Wie das schön klingt. Auf dem Gelände lagern aber noch 53 Castoren und 15 von Obrigheim sollen dazukommen.

Laut Bundesamt für Strahlenschutz ist jedoch ein schneller Rückbau gar kein Muss. Das Atomgesetz sehe zwei Stilllegungsstrategien als gleichwertig an: Den direkten Abbau, bei dem eine kerntechnische Anlage abgebaut und aus der atomrechtlichen Überwachung entlassen wird. Und den sicheren Einschluss, bei dem die Anlage für einen längeren Zeitraum in einen praktisch wartungsfreien Zustand überführt wird, wobei der endgültige Abbau und die Entlassung aus der atomrechtlichen Überwachung auf einen späteren Zeitraum verschoben wird. Stilllegungsstrategien können auch Mischformen aus diesen beiden grundlegenden Alternativen sein. Wieso haben es nun alle so eilig mit dem Rückbau? Wenn man die Kernkraftwerke stehenließe, wäre das „schlechter für Mensch und Umwelt“, schreibt die Abfallverwertungsgesellschaft des Landkreises Ludwigsburg (AVL). Aktuell sei die Technik und das qualifizierte Fachpersonal, das die Anlage kennt, für einen geordneten Rückbau in Deutschland vorhanden. Das ist bedingt nachvollziehbar, allerdings bin ich davon ausgegangen, dass in einem Kernkraftwerk jede noch so kleine Leitung und jedes bauliche Detail akribisch in Plänen und Listen notiert und nicht nur in den Köpfen der Mitarbeiter dokumentiert ist. Weiter heißt es bei der AVL: „Man sollte den künftigen Generationen keine KKW-Ruinen hinterlassen.“ Ganz ehrlich? Lieber hinterlasse ich meinen Kindern KKW-Ruinen, als aus der Atomaufsicht und in die Fläche entlassene Radionuklide. Die Auflistung geht weiter: „Vorteile für die Umwelt: Über Jahrhunderte hinweg bieten geordnete Deponien in Bezug auf Grundwasserschutz besseren Schutz als das ‚freie Gelände‘ eines KKWs.“ Das „freie Gelände“ eines KKWs? Müssen jetzt Zweifel an der Sicherheit der Reaktorblöcke des Gemeinschaftskraftwerks (GKN) Neckarwestheim aufkommen?

Liest man von der parlamentarischen Initiative der Grünen im Jahr 2003 im Landtag, die sich mit dem plötzlichen Einbruch eines Hohlraumes in der Nähe des Atomkraftwerks Neckarwestheim befasste, wird einem schon schwummrig. Darin heißt es, dass die Grünen seit Jahren darauf hinweisen würden, „dass der poröse Untergrund des Atomkraftwerks ein großes Risiko für das AKW bedeutet, wie die jahrelang zu beobachtenden Senkungen des Kühlturms deutlich gemacht haben.“ Und weiter: „Der Untergrund des GKN ist mit starken Gipsbänken durchsetzt, die durch Grundwasserströme ausgewaschen werden. Die dabei entstehenden Hohlräume können zu plötzlichen Einbrüchen und Bodensenkungen führen. Wenn dabei Gebäude des GKN betroffen sind, bestehe die Gefahr, dass Rohrleitungen, Maschinen- oder Gebäudeteile beschädigt werden.“ Es komme noch hinzu, dass dort nicht nur eine Hohlraumbildung auf natürliche Weise vonstatten geht, sondern durch das jahrelange Abpumpen von Grundwasser – pro Jahr circa 1000 Kubikmeter – gelöstes Gestein herausgespült werde, wodurch Hohlräume vergrößert oder neu gebildet werden. „Maschinenhaus und Notspeisegebäude des GKN II liegen darüber hinaus direkt auf einer Horizontalverschiebung; zwischen Reaktor und Hilfsanlagengebäude verläuft eine Vertikalstörung. Solche Bereiche sind von Auswaschungen besonders betroffen“, so die Pressemitteilung der Grünen aus dem Jahr 2003 weiter.

Keine Hinweise auf Gefährdung – so steht es dagegen auf Folien des Umweltministeriums zur Sitzung der 7. Informationskommission zum Kernkraftwerk Neckarwestheim vom Oktober 2014. Geologie, Hydrogeologie und Baugrund seien demnach wichtige Fragestellungen für den Standort. Unter Gesamtfazit ist dann zu lesen: „Erkenntnisse aus Genehmigungs- und Aufsichtsverfahren ergeben keine Hinweise auf eine Gefährdung der kerntechnischen Sicherheit.“ Kritiker und Geologe Dr. Hermann Behmel hat allerdings dagegengehalten. Nachzulesen ist das im Internet unter www.infokommission-gkn.de.

Wirtschaftliche Gründe könnten für einen raschen Rückbau sprechen – und zwar auch aus Sicht der EnBW, meine ich, im Gegensatz zu Landrat Dr. Rainer Haas auf Seite 9. Aber vielleicht denke ich lediglich postfaktisch oder einfach nur falsch. Meiner Auffassung nach wäre der Betreiber, die EnBW, bei einem sicheren Einschluss weiter in der Verantwortung, auch mit allen Kosten, die das nach sich ziehen könnte. Nach dem Rückbau zur grünen Wiese wäre die EnBW dagegen aus der Verantwortung entlassen.

Die EnBW bietet zudem einen Rückbauservice an. „Die Stilllegung von nuklearen Anlagen – vom Leistungsbetrieb zur grünen Wiese – Effektiv. Effizient. Zuverlässig“, lautet der Titel einer Info-Broschüre der EnBW. Basierend auf den Erfahrungen der eigenen Stilllegungsprojekte in Obrigheim, Neckarwestheim und Philippsburg verfüge man über tiefgehende Kenntnisse und langjährige Erfahrungen in der Stilllegung nuklearer Anlagen sowie der Behandlung von Abfällen und Reststoffen. Die erfolgreiche Stilllegung bedürfe einer effektiven und effizienten Reststoffbehandlung, welche durch kurze Transportwege, den Entfall langwieriger formaler Prozesse und einer konstanten und hohen Auslastung geprägt sei. „Die EnBW bietet flexible Lösungen für Planung, Bau, Betrieb und Finanzierung von Reststoffbearbeitungszentren am Standort.“

Mag sein, dass mir als Nicht-Fachfrau der richtige Durchblick beim Thema fehlt oder ich was übersehen habe. Dass das selbst promovierten Physikern mitunter passiert, trägt nicht zur Beruhigung bei. Dr. Angela Merkel erkannte 2011, dass die Risiken der Kernenergie nicht beherrschbar sind, das habe Fukushima gezeigt. Tschernobyl muss damals irgendwie völlig an ihr vorbeigegangen sein.

Anregungen zur Serie per E-Mail an
s.ruecker@vkz.de

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