Phänomene der Natur

Von Sabine Rücker Erstellt: 25. September 2021
Phänomene der Natur Auricher Tanzschwarm aus Gallmücken. sr

Liebe Leser,
Augen zu und durch, lautet die Redewendung, die eher im übertragenen Sinn verwendet wird. Wörtlich nehmen kann der Mensch sie, wenn er mit einem Schwarm Mücken kollidiert. Manche Wolke lebt, aber wer fliegt da eigentlich?

Am vergangenen Wochenende war es zum wiederholten Mal so weit: Ein Wirbelsturm am Maisfeld in Aurich versperrte den Weg. Es war zum Glück kein echter Tornado mit Sogwirkung. Vielmehr handelte es sich um einen Wirbel kleinster Wesen, die nach anfänglich planlosem Herumfliegen in Formation einen Strudel bildeten. „Da heißt es Mund und Augen zu, wenn man vorbeiradelt“, schrieb jemand als Kommentar unter ein Filmchen dieses Phänomens auf der VKZ-Facebookseite. „Feenstaub“, meinte jemand anders zum Tanz der … ja, von was eigentlich. Die Suche nach dem Namen der Tiere gestaltete sich schwierig und mündete in einem Telefonat mit einem von wenigen weltweiten Spezialisten.

Zunächst musste aber eines der Insekten für eine nähere Untersuchung mit einem Armschwung aus der Wolke herausgefischt werden. Das unglückliche Tierchen bezahlte mit seinem Leben, trägt aber zum Erkenntnisgewinn bei.

Es ist wirklich so sehr winzig, kaum zu glauben, dass es sich um ein Insekt mit Fühlern, Flügeln et cetera handeln soll. Zur näheren Bestimmung wird das mickrige Etwas mit der Stereolupe betrachtet und wie fast immer hüpft das Herz bei diesem Blick in die faszinierende Welt vergrößerter Naturwesen. Es ist eindeutig ein Insekt, das erkenne selbst ich, aber sehr viel mehr auch nicht. Was nun? Es werden unscharfe Fotos gemacht und an Dr. Daniel Whitmore von Naturkundemuseum Stuttgart geschickt. Er kann zu Dr. Mathias Jaschhof vermitteln, weltweit einer der wenigen Experten für pilzfressende Gallmücken. Dieser identifiziert die Auricher Insekten als Vertreter aus der Familie der Gallmücken, wissenschaftlich Cecidomyiidae, weiterhin aus der Unterfamilie namens Micromyinae und der Gattung Micromya, welche für ihre Schwarmbildung bekannt sei. Vermutlich leben die Larven der Auricher Winzlinge im Boden, sagt Jaschhof. Die Gallmücken-Gattung Micromya sei sehr häufig und deutschlandweit verbreitet. Die Beobachtung des Schwarmes sei aber „trotzdem sehr schön und interessant“, weil es ganz bestimmte Witterungsbedingung brauche, damit es zur Schwarmbildung kommt, sagt Jaschhof: nicht zu windig, Sonnenstrahlung – aber nicht zu intensiv – und mindestens 15 Grad Celsius Lufttemperatur.

Wie kommt jemand dazu, sich derart intensiv mit pilzfressenden Gallmücken zu beschäftigen? Er sei durch seine Promotion sozusagen reingerutscht und habe Gefallen daran gefunden, antwortet der Insektenkundler. Zum Beispiel würden diese Wesen unterm Mikroskop betrachtet die ganze Faszination ihrer sonst fürs menschliche Auge viel zu kleinen Morphologie preisgeben. Nach wie vor besteht viel Forschungsbedarf, denn welche Rolle beispielsweise die bodenlebenden Larven dieser Gallmücken im größeren ökologischen Zusammenhang haben, wie sie unter anderem das Pilzwachstum und somit auch den Boden beeinflussen, sei noch ungeklärt.

Eins ist aber sicher: Verfängt sich ein Teil eines solchen Mückenschwarmes in einem Spinnennetz, dann freut sich der Achtbeiner, der wiederum als Leckerbissen im Magen einer Meise landen könnte, welche wiederum das Opfer eines Sperbers werden könnte und so weiter und so fort – Nahrungsnetze eben, bei denen die ganz kleinen Organismen oft groß rauskommen.

Bei der Luftnummer am Mais handelte es sich um eine Art Hochzeitstanz der Männchen, wie er auch von anderen Insektengruppen bekannt ist. Der Ausdruck Tanzschwarm bezeichnet dabei eine Versammlung bestimmter Insekten, die in der Luft auf- und abfliegen. Tanzschwärme sind unter anderem von Tanzfliegen, Zuckmücken, Wintermücken und eben unseren Gallmücken bekannt. Bei den Tanzfliegen sind es, laut spektrum.de die Weibchen, die sich zum Tanz in der Luft versammeln. Und für die Auserwählte lohnt sich diese Mühe allemal: „Die Männchen stoßen in einen solchen Schwarm vor und locken die Weibchen mit einem gefangenen Insekt als ‚Hochzeitsgeschenk‘ an (…). Der Kopulation geht ein ‚Balztanz‘ voraus, bei dem das Beutetier dem Weibchen übergeben wird. Bei einigen Arten saugt das Weibchen während der Kopulation das Beutetier aus.“

Besonders eindrucksvolle Tanzschwärme bilden Vertreter der Familie der Zuckmücken. Diese Formationen führen auch immer wieder zu Aufregung. Von „Zuckmücken-Alarm“ berichtete der Nabu Schleswig-Holstein vor wenigen Jahren. Anwohner hatten schwarze Rauchschwaden an der Spitze des Kirchturmes aufsteigen sehen und alarmierten die Feuerwehr. Dabei handelte es sich nicht um einen Notfall, sondern um den Schlupf von unzähligen Zuckmücken, die über den höchsten Erhebungen der Uferregion Tanzschwärme gebildet hatten, so der Nabu.

Hier tanzen die Männchen, steigen im Schwarm immer wieder auf und ab und bilden laut Nabu mit ihrem Flügelschlag einen speziellen Summton, der Weibchen der gleichen Art anlockt. Vielleicht sehen die Damen aber auch das Schauspiel und lassen sich verführen. Gerät ein Weibchen in den Schwarm, werden diese laut spektrum.de vom Männchen mithilfe des sogenannten Johnstonschen Organs geortet, im Flug ergriffen und begattet. Es sind wohl die Zuckmücken, die Wetterfeen genannt werden und nach denen Schwalben ihre Flughöhe anpassen, da sie sich von ihnen ernähren.

Unsere Familie der Gallmücken zählt im biologischen System zur Klasse der Insekten und dort zur großen Gruppe der Zweiflügler. Das Wort Gallmücke kann bisweilen Kummerfalten bei solchen Menschen verursachen, die sich der Hege von Pflanzen verschrieben haben. Denn die Larven dieser kleinen, von 0,5 bis vier Millimeter großen, Insektenarten, sind zum Teil auch gefürchtete Schädlinge in der Forst- und Landwirtschaft. Andere Arten werden wiederum geschätzt, denn sie können zur biologischen Schädlingsbekämpfung eingesetzt werden, da ihre räuberisch lebenden Larven sich von Spinnmilben und Blattläusen ernähren. Manche dieser Arten kann man kaufen, sie werden im Puppenstadium versendet und nach wenigen Tagen schlüpft die Mücke.

Im Gegensatz zu einer Unterfamilie der Gallmücken, welche die typischen Gallen an Pflanzen verursacht, in denen die Larven leben, gehört unser Tier zu einer jener Unterfamilien, die als „frei lebende“ Gallmücken bezeichnet werden. Ihre Larven leben häufig von Pilzen im Totholz oder im Boden und nicht in Gallen.

Wer einmal einen Tanzschwarm dieser Winzlinge – die uns übrigens weder stechen noch beißen können – entdeckt, kann also mit etwas Abstand getrost dem Motto folgen: Augen auf, stehen bleiben und staunen.

Anregungen zur Serie per E-Mail an
s.ruecker@vkz.de

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