Der schwäbische Alpenbock

Von Sabine Rücker Erstellt: 20. Juni 2020
Der schwäbische Alpenbock Unverkennbar und sensationell schön: der Alpenbock. Günther Krist hat einen in seiner Garage in Dettingen unter Teck entdeckt und sogleich in die freie Wildbahn entlassen. Foto: Krist

Liebe Leser,
erstens kommt es anders, als man meistens zweitens denkt. Genau deshalb gibt es heute in den Phänomenen einen tollen Käfer, der erst am Donnerstag hier erschien und das geplante Süßgras kurzerhand verdrängt hat.

Falls Ihnen der Spruch am Anfang der Phänomene bekannt vorkommt, dann vermutlich von einem Gassenhauer aus den 70ern. „Man muss das Leben eben nehmen, wie das Leben eben ist“ hieß das Lied. Vielleicht stammt es aber auch von Wilhelm Busch. Auf jeden Fall hat sich die Textzeile irgendwo im Hinterstübchen festgehakt.

So war es auch mit dem Aussehen des kapitalen Bockkäfers, der am Donnerstag nach dem Öffnen eines Bildes aus einem E-Mail-Anhang ins Auge sprang. Sagenhaft, ein Alpenbock! Den vergisst man nicht. Zwar kann ich mich gerade nicht daran erinnern, jemals einen leibhaftig mit eigenen Augen gesehen zu haben. Aber im Zuge einer Alpenexkursion geriet er mittels Bestimmungsliteratur mal in mein Sichtfeld. Und dieser Bursche ist einfach so klasse, der prägt sich ein.

Nun also flatterte der prächtige Alpenbock digital in die Redaktion. „Hallo, habe einen Artikel im Internet über einen Bockkäfer gelesen“, schrieb Günther Krist in seiner Nachricht. Nun habe er momentan in seiner Garage am Fenster einen Käfer, welcher der Beschreibung ähnelt. Gelesen hatte er die Phänomene-Folge „Der Moschusbock, der aus der Weide kam“. Dann die Frage, ob er diesen Käfer irgendwo aussetzen könne und was es dabei zu beachten gebe. Ich habe natürlich euphorisch sofort zurückgeschrieben, quasi mit Tränen der Freude in den Augen. „Bitte melden Sie sich doch kurz bei mir, oder teilen Sie mir Ihre Telefonnummer mit. Es scheint ein Alpenbockkäfer zu sein, toll!! Und meines Wissens streng geschützt. Sie müssen bei den Bergen wohnen, oder?“ Das war mittelprächtig richtig, denn der Käfer kommt vom Fuße der Schwäbischen Alb und diese ist ja ein Mittelgebirge. Allerdings irgendwie auch falsch, weil der Alpenbock nicht nur in höheren Lagen vorkommt. Der Name Alpenbock rührt daher, weil der erste dieser Käfer, den Carl von Linné im Jahr 1758 beschrieb, aus den Alpen stammte. „Johann Jakob Scheuchzer hatte den Käfer am 12. Juni 1703 im Taminatal (SG) zwischen Valens und Vättis gefunden“, schreibt die Eidgenössische Forschungsanstalt Wald Schnee und Landschaft (WLS) der Schweiz.

Jedenfalls ließ die Antwort nicht lange auf sich warten: „Wir wohnen am Fuße der Schwäbischen Alb, und zwar in Dettingen unter Teck.“ Er habe „den wunderschönen Käfer bei uns in der freien Wildbahn ausgesetzt“ und hoffe, dass er überlebt, schrieb Krist weiter.

Er wisse nicht, wie der Bursche in die Garage gekommen ist – hierzu gleich mal eine Vermutung: Eventuell Brennholz? Vielleicht hat er sich auch nur verflogen. „Es ist doch ein schönes Erlebnis in unserer heutigen Zeit doch noch etwas Natur zu erleben“, schreibt Günther Krist noch und seine Familie sei froh und glücklich, am Ortsrand zu wohnen und unweit beginne auch schon der Wald.

„In Baden-Württemberg gibt es Vorkommen nur in den Buchengebieten der Schwäbischen Alb und des oberen Donautals“, schreibt die Landesanstalt für Umwelt Baden-Württemberg, kurz LUBW. Zum FFH-Gebiet der „Alb zwischen Jusi und Teck“ berichtet Käferexperte Ulrich Bense zu seiner Kartierung: „Der Alpenbock kommt im gesamten Bereich der Buchenhangwälder zwischen Dettingen an der Erms und Hepsisau vor.“ Bei uns kreucht und fleucht er folglich eher nicht, der Alpenbock. Aber in Corona-Zeiten wird der eine oder andere vielleicht seinen Urlaub in der Nähe verbringen – oder auch in den Bergen in Österreich oder der Schweiz. Dort könnte man ihn unter anderem auch zu Gesicht bekommen. Unter der Überschrift „Alte Buchen sollst Du suchen!“ scherzt der Naturschutzbund (Nabu) Baden-Württemberg: „Lassen Sie sich nicht ins Bockshorn jagen: Der Alpenbock ist nicht ein in den Alpen lebender Stein- oder Ziegenbock, sondern einer der schönsten Käfer Mitteleuropas.“ Das ist wohl wahr. Laut LUBW erreicht der Käfer eine Körperlänge von knapp vier Zentimetern. Er ist graublau bis hellblau gefärbt. Das Halsschild und die Flügeldecken tragen eine schwarze Flecken- und Bindenzeichnung. Die Fühler sind lang und schwarz-blau geringelt. Nach hinten gelegt, reichen sie deutlich über das Hinterleibsende hinaus. Baden-Württemberg habe eine besondere Verantwortung für die in Mitteleuropa sehr seltene Art, schreibt die LUBW.

Bis er so schön aussieht vergehen bis zu vier Jahre, die der Käfer mit dem wohlklingenden wissenschaftlichen Namen Rosalia alpina als Larve im Dunkel des Holzes verbringt. Das Aussehen dieser Larven ist von „starken, versetzten Körperwülsten“ geprägt, wie die Forschungsanstalt WLS der Schweiz in einem Merkblatt vermeldet. Dann hege ich noch Hoffnung, alsbald als schönes Wesen mein weiteres Dasein zu beginnen, denn noch nimmt auch bei mir mit steigendem Lebensalter die Zahl der „starken, versetzten Körperwülste“ zu.

Einmal geschlüpft, entfaltet zumindest das Tier seine Schönheit. Trotz seiner Größe kann der Käfer vermutlich mehrere Hundert Meter am Stück fliegen. Eine wichtige Aufgabe des Vollkerfs ist die Paarung und nach wenigen Wochen als wunderbares Wesen ereilt den Käfer dann der Tod. Die Männchen besetzen ein Revier, das gegen Rivalen verteidigt wird. Weibchen werden begattet und noch eine Weile bewacht, lassen die Schweizer wissen. Die Weibchen legen ihre Eier in die Ritzen und Spalten von absterbenden und toten Buchenstämmen, Totholz kommt ihnen also sehr gelegen. Aus den Eiern entwickeln sich Larven, die sich von diesem Holz ernähren. Zunächst allerdings halten sie sich noch in der Nähe der Rinde und im Splintholz auf, also in jungem Holz, das die Leitungsbahnen für die Wasserversorgung des Baumes enthält, schreibt der Nabu.

Mit der Zeit bohren sich die Larven immer tiefer in das Holz hinein bis zum alten Kernholz. So verbringen sie, je nach Nährstoffgehalt des Baumes und Sonneneinstrahlung, zwei bis vier Jahre. Gegen Frühsommer legen sie unter der Rinde eine kleine Kammer, die Puppenwiege, an. Diese hat nach außen einen länglich ovalen Ausgang, ein typisches Kennzeichen für diese Käferart, so der Nabu weiter. Die Larven verschließen diesen Ausgang sorgfältig mit Holzspänen, bevor sie sich verpuppen.

Es sei ein bescheidenes Leben, das die Larven in dem absterbendem Buchenholz führen, befindet der Nabu. Aber trotzdem ist die Art stark gefährdet, denn sonnenbeschienenes Alt- oder Totholz sei in den intensiv bewirtschafteten Wäldern rar geworden. Deshalb weichen die Käferweibchen zur Eiablage auf gelagertes Buchenholz aus. Das sei eine fatale Entscheidung. Denn dieses Holz wird in der Regel weiterverarbeitet oder verfeuert. Der fehlende (Totholz) oder ungeeignete Lebensraum (Brennholz) mache dem Alpenbock schwer zu schaffen: Der bezaubernde blaue Käfer sei so selten geworden, dass er in der FFH- Richtlinie der EU als prioritär zu schützende Art aufgenommen wurde – sozusagen in die VIP-Riege der Arten des Anhangs II. In Anhang IV ist der Käfer ebenfalls zu finden als eine von neun Käferarten, die nach Bundesnaturschutzgesetz streng geschützt sind, erläutert das Bundesamt für Naturschutz, kurz BfN. Auf der Roten Liste Deutschlands ist der Alpenbock als stark gefährdet eingestuft.

Für Käferbegeisterte dürfte nun vielleicht feststehen, dass die Schwäbische Alb eine ganz neue Anziehungskraft entfaltet. „Die größten zusammenhängenden Schutzflächen gibt es im Kreis Reutlingen“, schrieb das „Schwäbische Tagblatt“ einst. Und der „Reutlinger General-Anzeiger“ berichtete Ende April dieses Jahres davon, „was der wunderschöne Alpenbock am Mössinger Albtrauf liebt“. Ja, und so mancher liebt die Käferlein, Mössingen, ich komme! Für andere sind es nur schnöde Krabbeltiere. Vielleicht hängen jenen dann noch die Verse von Wilhelm Busch nach, wenn Käfer „kritze, kratze“ schnell aus der Matratze kommen. Kleiner Gedächtnistest: Wer wurde da geplagt? Richtig: Onkel Fritz. Und der wievielte Streich war’s? Tipp: oben rechts die Falkenjungen zählen.

Anregungen zur Serie per E-Mail an
s.ruecker@vkz.de

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