„Nachhaltiges Entsorgungskonzept fehlt“

IG Schwieberdingen-Horrheim positioniert sich in Neckarwestheim gegen die Deponierung von AKW-Bauschutt auf hiesigen Deponien

Von Claudia Maria Rostek Erstellt: 12. April 2017
„Nachhaltiges Entsorgungskonzept fehlt“ Protest vor den Toren des AKW in Neckarwestheim: Vertreter der IG Schwieberdingen-Horrheim und der AG Atomerbe Neckarwestheim wollen die feierliche Darstellung der Abrissarbeiten nicht einfach so hinnehmen und machen ihre Sicht der Dinge deutlich. Foto: AG Atomerbe

Rückbau unter Protest: Am Montag fand in Neckarwestheim der symbolische Abrissstart von Block 1 des AKW Neckarwestheim statt. Mit dabei: Vertreter der Deponie-Interessengemeinschaft Schwieberdingen-Horrheim. Sie beteiligten sich an der Protestkundgebung der AG Atomerbe Neckarwestheim und machten deutlich: In ihren Augen fehlt ein nachhaltiges Entsorgungskonzept.

Horrheim/Neckarwestheim. Als einen guten Tag bezeichnete Baden-Württembergs Umweltminister Franz Untersteller (Grüne) den 10. April. Mit der symbolischen Demontage eines Rohrbogens im Maschinenbau haben Untersteller und EnBW-Vorstandsmitglied Hans-Josef Zimmer vor zwei Tagen offiziell den Abbau von GKN I gestartet (die VKZ berichtete).

Doch nicht für alle Beobachter war der Montag ein guter Tag. Zumindest nicht ausschließlich: „Wir sind auch für den Abbau. Diese Interessen teilen wir. Aber die Entsorgung ist nicht zu Ende gedacht“, sagt Erwin Wild von der Interessengemeinschaft (IG) Schwieberdingen-Horrheim. Mit einer weiteren Mitstreiterin war er in Neckarwestheim vor Ort. Sie schlossen sich dort der Protestkundgebung der AG Atomerbe Neckarwestheim an, die mit Castorenattrappen auf sich aufmerksam machte. „Uns geht es darum, unsere Position darzustellen“, erklärt Wild im Gespräch mit der VKZ. Gerne wäre die IG mit mehr Personen nach Neckarwestheim gekommen. Doch der Termin mitten in den Osterferien und unter der Woche ließ das nicht zu.

Seit Monaten kämpft die IG unermüdlich für ihre Interessen. Sie wehrt sich gegen die Pläne, den sogenannten freigemessenen AKW-Bauschutt auf den Deponien in Horrheim und Schwieberdingen zu entsorgen. Denn so ungefährlich wie ihn die Behörden deklarieren, ist er in ihren Augen nicht. Am Montag, kurz nach dem symbolischen Abrissstart, veröffentlichte sie eine Pressemitteilung zu dem medial begleiteten Akt. „Es ist wie beim Atomausstieg – vorne Feierlaune und Presseshow mit großen Reden und Versprechungen, dahinter fehlt ein nachhaltiges Entsorgungskonzept. Die Verteilung des brisanten ,Freimess-Materials‘ ist sachlich höchst umstritten“, heißt es darin. Und weiter: „Die Politik versucht mit allen Mitteln die Verteilungsfreigabe von brisantem ,Freimess-Material’ für ihre EnBW-Tochter auf Bauschuttdeponien durchzudrücken.“ Umweltminister Untersteller und dem Ludwigsburger Landrat Dr. Rainer Haas wirft die IG vor, alternative Lösungen zu ignorieren. Die Mitstreiter aus Horrheim und Schwieberdingen fordern, das Material unter Atomaufsicht zentral zu lagern. Der Folgegeneration dürften keine „schwere Erblast“ aufgebürdet werden, argumentieren sie.

Zur Erinnerung: Laut Behördenangaben gilt der Bauschutt, der aus Neckarwestheim nach Schwieberdingen und Horrheim kommen soll als freigemessen und somit als unbedenklich. Als freigemessen wird Abfall bezeichnet, wenn es sich nicht um radioaktive Stoffe im Sinne der Strahlenschutzverordnung handelt. In Zahlen ausgedrückt: Die Strahlung darf den Grenzwert von zehn Mikro-Sievert pro Jahr nicht überschreiten. Die IG sieht das kritisch: Sie weist darauf hin, dass der Grenzwert auf hypothetischen Laborberechnungen mit vielen Annahmen beruhe.

Die Behörden stützen ihre Sicht der Dinge auch auf das Gutachten, das das Freiburger Öko-Institut erstellt hat. Darin war untersucht worden, ob und inwieweit der aus Karlsruhe abgelagerte Bauschutt zu einer erhöhten Strahlenbelastung im Bereich der Deponien geführt hatte. Es war herausgekommen, dass die gemessenen Strahlenwerte im gewöhnlichen Bereich liegen. Einzig die im Sickerwasser leicht erhöhte Tritiumkonzentration könnte aus den Abfällen aus der Wiederaufbereitungsanlage Karlsruhe resultieren, hieß es bei einer Infoveranstaltung in Schwieberdingen Ende des Jahres. Als Sicherheitsmaßnahme wolle man das Wasser zukünftig radiologisch untersuchen, wurde damals angedacht. Und wie Dr. Andreas Fritz, Pressesprecher des Ludwigsburger Landratsamts, auf Nachfrage der VKZ mitteilt, erfolgt dies auch: „Seit diesem Jahr und bis 2021 findet eine zusätzliche vierteljährliche Beprobung und Untersuchung des Sicker-und Oberflächenwassers der Deponien Froschgraben und Burghof statt auf Tritium durch das Labor SGS-Fresenius. Die erste zusätzliche Messung war am 7. März.“ Ihre Ergebnisse liegen derzeit noch nicht vor. Die Messungen aus 2016 werden momentan durch den Gutachter Christian Küppers im Jahresbericht zusammengestellt.

Infos zur IG: www.froschgraben-freigemessen.de

Chronik

Die freigemessenen Abfälle aus dem AKW Neckarwestheim sind seit Monaten Thema. Rund 3350 Tonnen Bauschutt sollen auf den Deponien in Horrheim und Schwieberdingen entsorgt werden. Behördenvertreter versichern, dass die Lagerung ungefährlich ist. Die IG Schwieberdingen-Horrheim sieht das anders. Ein Überblick:

  • Sommer 2015: Es wird bekannt, dass Abfälle aus dem Forschungszentrum und der Wiederaufbereitungsanlage Karlsruhe auf den Deponien Burghof in Horrheim und Am Froschgraben in Schwieberdingen angenommen worden sind. Wie die Behörden mitteilen, habe das Umweltministerium die Materialien geprüft und die Freigabe erteilt.
  • Oktober 2015: Bauschutt aus dem AKW-Neckarwestheim, das zum Teil auf Gemmrigheimer Markung und damit im Kreis Ludwigsburg liegt, soll auf den Deponien in Horrheim und Schwieberdingen entsorgt werden. Das wird bei einer Aufsichtsratssitzung der AVL bekannt. Ein Antrag der Linken, dies zu verweigern, findet keine Zustimmung.
  • Februar 2016: In Schwieberdingen formiert sich Widerstand. Zu einer Infoveranstaltung kommen rund 200 Bürger. Organisator Dr. Dierk-Christian Vogt sagt, dass es für Strahlenschäden keinen Schwellenwert gebe und somit kleinste Dosen Krebs und Erbschäden auslösen könnten. Es folgt eine Unterschriftenaktion. Mehr als 5441 Personen unterschreiben bis Ende des Jahres.
  • Juni 2016: In Horrheim regt sich Protest. Zu einer selbstorganisierten Infoveranstaltung, auf der Vertreter aus Schwieberdingen sprechen, kommen rund 120 Bürger.
  • Dezember 2016: Umweltministerium und Landratsamt geben bekannt, dass der bisher gelagerte Bauschutt zu keinen erhöhten Strahlenwerten rund um die Deponien geführt habe. Grundlage ist ein Gutachten des Freiburger Öko-Instituts.
  • Februar 2017: Der Gemeinderat der Stadt Vaihingen verabschiedet eine Resolution, mit der die Stadt die Deponierung von freigemessenem Abbruchmaterial aus Kernkraftwerken auf der Deponie Burghof ablehnt. Zuvor hatte sich bereits der Schwieberdinger Gemeinderat zur Deponie Am Froschgraben ähnlich geäußert.
  • Februar 2017: Der Antrag der FDP, eine öffentliche Expertenanhörung zur Deponierung freigemessener Abfälle durchzuführen, wird im Umweltausschuss des Landtags abgelehnt. (red)
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