„Manchmal fährt gar keiner mit“

Die Corona-Krise hat auch den öffentlichen Nahverkehr getroffen. Die zwei Vaihinger Busunternehmen retten sich über Lockdown. Doch die Situation bleibt schwierig, der ÖPNV braucht weiterhin Zuschüsse.

Von Claudia Rieger Erstellt: 16. Mai 2020
„Manchmal fährt gar keiner mit“ Fahrkarten beim Busfahrer zu kaufen ist als Schutzmaßnahme gegen die Ausbreitung des Coronavirsu seit Mitte März im VVS, hier ein Bus der Vaihinger Firma Seiz-Reisen, nicht möglich. Für die Omnibusunternehmen bedeutet das Einnahmeverluste. Foto: p

Vaihingen/Riet. Der öffentliche Nahverkehr ist in den vergangenen Wochen beinahe zum Erliegen gekommen: Bis zu 80 Prozent weniger Fahrgäste vermeldete der Verkehrs- und Tarifverbund Stuttgart (VVS) in Bus und Bahnen während der Corona-Krise. Seit dem 4. Mai gilt nun weitgehend wieder das volle Fahrplanangebot. Doch die Verluste lassen sich kaum wettmachen, befürchten Verbände und Firmen.

Der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) Baden-Württemberg rechnet damit, dass Verkehrsunternehmen im Land bis Jahresende 450 Millionen Euro Einnahmen fehlen. Allein der VVS geht von bis zu 180 Millionen Euro aus (VKZ berichtete gestern). Lokale Busunternehmen berichten, dass sie sich über den Lockdown retteten, allerdings auf weitere Untertsützung für die kommenden Monate hoffen.

Nur noch ein Viertel des üblichen Busverkehrs

Vom 26. März bis einschließlich 19. April fuhren Busse lediglich nach dem Samstagsfahrplan. Das Angebot schrumpfte deutlich. „Anstatt 40 Diensten, die wir normalerweise täglich zu besetzen haben, waren es in dieser Zeit noch zehn Dienste“, sagt Rainer Entenmann, Betriebsverkehrsleiter beim Vaihinger Busunternehmen Seiz-Reisen. Bei nur noch einem Viertel des üblichen Verkehrs seien die Vorhaltekosten für Mensch und Maschine zum Problem geworden. „Ich hatte drei Viertel der Mitarbeiter zu viel.“ Aus diesem Grunde habe der Betrieb in die Kurzarbeit gehen müssen. „Damit haben wir uns über die Zeit gerettet.“ Um die Einnahmeverluste weiter abzumildern, meldete Entenmann zudem 16 der insgesamt 30 Busse kurzfristig bei der Versicherung ab.

„Gott sei Dank haben Landesmittel unbürokratisch beantragt werden können“, sagt Entenmann weiter. Zudem sei die Omnibusunternehmen durch die Verkehrsverbünde VVS und VPE (Verkehrsverbund Pforzheim-Enzkreis) weiterhin so bezahlt, als würden sie in Vollauslastung fahren. Seiz ist verbundübergreifend unterwegs: im VVS-Gebiet unter anderem auf der Linie 503 zwischen Vaihingen und Stuttgart-Feuerbach, im Bereich des VPE etwa auf der Linie 703 Mühlacker – Iptingen.

Dennoch rechnet Betriebsverkehrsleiter Entenmann mit mittleren fünfstelligen Einnahmeverlusten im April und anteilig auch im März – allein durch den nicht erfolgten Ticketverkauf bei den sogenannten eigenwirtschaftlichen Verkehren.

Kein Ticketverkauf im Bus, keine Fahrkartenkontrollen

Die Gründe: Mit Beginn der Pandemiemaßnahmen war der Kauf von Fahrkarten beim Busfahrer gar nicht mehr möglich, um diesen vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus zu schützen. Außerdem wurde auf Fahrkartenkontrollen verzichtet. „Präferiert wird weiterhin der Einstieg hinten im Bus“, sagt Entenmann.

Im VVS ist der Ticketkauf beim Fahrer ohnehin immer noch gestrichen, im VPE nur unter Auflagen erlaubt. Dafür müssen die Verkehrsunternehmen den Fahrerbereich mit einem Spuck- und Niesschutz abgrenzen. Doch der fachgerechte Einbau eines solchen koste pro Fahrzeug rund 5000 Euro – eine Ausgabe, die in der aktuell unsicheren Situation ohne Zuschüsse nicht infrage komme.

Nicht zuletzt seien sehr wenige Menschen überhaupt noch im ÖPNV unterwegs gewesen, so der Seiz-Chef. Die Zahl der Fahrgäste sank seit Mitte März stark. Von 40 Plätzen pro Fahrzeug waren im Schnitt höchstens vier besetzt. Auch nach dem 20. April, als wieder mehr Busse eingesetzt wurden, sei die Zurückhaltung der Menschen zu spüren gewesen. Und die Verunsicherung halte an. „Der Füllungsgrad eines Busses ist wie an einem Wochenendtag“, bescheibt Entenmann. Es gebe Spitzen morgens und nachmittags, der klassische Berufsverkehr. „Aber man merkt auch, dass Arbeitnehmer sich schützen, indem sie eher das Auto benutzen.“ Zudem mache sich bemerkbar, dass viele Kinder und Jugendliche noch nicht wieder zur Schule gehen.

Mit der Rückkehr zum nahezu kompletten Fahrplanangebot konnte Seiz die Kurzarbeit beenden. Entlassungen aufgrund der Corona-Krise hat es dem Betriebsverkehrsleiter zufolge bisher nicht gegeben „und das passiert erstmal auch nicht“. Wie es weitergeht, weiß er allerdings nicht. Man könne nur abwarten, ob und wie das Land den ÖPNV unterstützen werde. Vorerst ist Rainer Entenmann auch darüber froh, dass keiner seiner Mitarbeiter bisher positiv auf Covid-19 getestet wurde.

Beim zweiten im VKZ-Verbreitungsgebiet ansässigen Busunternehmen, Flattich Omnibusverkehre in Riet, hofft Geschäftsführer Benjamin Flattich mit einem blauen Auge aus der Krise zu kommen. Die Situation der vergangenen Wochen ähnelte allerdings der von Seiz und was die nächsten Monate bringen, ist hier ebenfalls noch nicht sicher.

„Wie in jedem Betrieb gab es bei uns die Überlegung, was machen wir mit unserem Personal“, berichtet Flattich über die vergangenen Wochen. Kurzarbeit sei ein Thema, die Bedingungen zu erfüllen aber zu langwierig gewesen. Und man wolle die Mitarbeiter angesichts einer ohnehin knappen Personaldecke nicht verlieren.

Zwar seien von 36 Fahrern nur neun im Einsatz gewesen, aber man habe einen Kompromiss gefunden, ohne Kurzarbeit anmelden zu müssen.

Auch Flattich nahm Fahrzeuge vorübergehend aus der Versicherung. Auch hier brachen Ticketerlöse weg, im März anteilig, im April voll. 40 000 Euro mache das pro Monat aus, sagt der Geschäftsführer.

Härter treffe das Unternehmen der Wegfall sogenannter Auftragsverkehre, bei denen Flattich im Auftrag für Kollegen fahre. Bezahlt würden diese Leistungen pro zurückgelegtem Kilometer oder nach Tagespauschalen. „Da sind wir nur mit einem von sonst fünf Bussen gefahren und kriegen auch nur einen bezahlt. Der Kollege hat ja dieselben Probleme“ Deshalb fehlten bislang aus diesem Bereich bereits 120 000 Euro Umsatz.

Nothilfe vom VVS, Hoffen auf Rettungsschirm

Der VVS habe zur Überbrückung eine Nothilfe ausgezahlt, „doch das Geld ist nur vorgezogen, die Finanzierung steht noch nicht. Das kann uns im Herbst wieder treffen“, sagt Benjamin Flattich. Zudem sei im öffentlichen Nahverkehr in den vergangenen zwei bis drei Jahren viel investiert worden: in Fahrzeuge nach Euro-6-Norm oder auch Hybrid- und E-Busse sowie die Infrastruktur. Die Finanzierungen liefen derzeit ja weiter. Die Verkehrsminister aller Bundesländer haben sich unterdessen am Donnerstag auf Hilfe für den ÖPNV in der Corona-Krise verständigt und fordern einen Rettungsschirm unter Beteiligung des Bundes. Auf den hofft das Rieter Familienunternehmen. „Wir arbeiten mit zwei bis fünf Prozent Gewinn. Da stellt sich die Frage, wie lange wir noch überbrücken müssen.“

Zumal auch Flattich merkt, dass die Busse noch immer recht leer sind. „Manchmal fährt gar keiner mit.“ Da helfen auch persönliche Bemühungen nur begrenzt: Seniorchefin Cornelia Flattich berichtet, dass sie älteren Kunden in der Krise sogar Fahrkarten nach Hause bringt. Wer die Tickets nicht online buchen könne, habe derzeit ein Problem. „Die Leute rufen bei uns an und sind verzweifelt“, schildert sie. Da fahre sie die „Kärtle“ eben zu.

Was die nächsten Monate bringen, wissen auch Benjamin und Senior Christian Flattich noch nicht. Durch den Lockdown habe man sich in Zusammenarbeit mit den Beschäftigten so gut wie möglich durchgeschafft. Aber: „Wenn der ÖPNV keine weitere Unterstützung bekommt, können die Fahrgeldausfälle nicht kompensiert werden. Dann sehen wir spätestens im Herbst alt aus.“

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