Kleine Wölfe im Ensinger Wald

Naturkindergarten hat seinen Betrieb aufgenommen – Spannende Entdeckungen im Freien

Von Ralph Küppers Erstellt: 24. September 2015
Kleine Wölfe im Ensinger Wald Die gemütliche Frühstücksrunde im Freien gehört zum festen Ablauf des Naturkindergartens. Am Waldrand bei Ensingen verbringen Erzieherin Petra Reutter (rechts) und die momentan fünf Kinder möglichst viel Zeit im Freien. Fotos: Küppers

Flugzeug und Rakete bilden einen kleinen Waldflughafen, nebenan gibt es eine Waldwerkstatt und einen Baumarkt. Die Fantasie der kleinen Wölfe ist riesengroß. Liegt ein Baumstamm auf dem Boden und sieht interessant aus, wird er sofort in Besitz genommen und zum überdimensionalen Spielgerät erklärt.

Ensingen. Seit drei Wochen erkunden die Besucher des Naturkindergartens kleine Wölfe das Gelände am Rand des Ensinger Walds. Fünf Kinder, eine Erzieherin, eine Praktikantin und in der Anfangsphase auch eine Mutter verbringen ihre Vormittage in einem Bauwagen, vor allem aber im Freien. Strapazierfähige Kleidung gehört zur Grundausstattung bei allen acht. Matschhosen ziehen zumindest die Kinder drüber, sobald es zum Spielen in den Wald geht. Auch Johanna, die in dem neuen Kindergarten ihren Bundesfreiwilligendienst absolviert, hat eine wasserdichte Hose angezogen. Dann ist das Wetter zweitrangig. „Wenn es zu sehr regnet, können wir immer noch in den Wagen ausweichen“, berichtet Petra Reutter. Sie leitet den Naturkindergarten, der zum neuen Kindergartenjahr gegründet wurde und am 1. September seinen Betrieb aufgenommen hat.

Sandkasten ist auch ohne Sand als Baustelle beliebt

Die Kinder genießen ihre Freiheit und erzählen schon beim Vesper von all den Kostbarkeiten, die sie im Wald gefunden haben – dem Flugzeug, der Rakete und einer Wippe. Doch bevor sie für knapp zwei Stunden im nahegelegenen Wald spielen, geht es erst einmal in den Sandkasten. Der besteht momentan noch aus einer Erdgrube, die ein Vater zum Sandkasten umbauen will. Mit Schaufeln und einer kleinen Schubkarre machen sich Philipp, Finn und Nikolas ans Werk, den Erdaushub quer über die Wiese auf einen anderen Haufen zu verfrachten. „Ihr wollt doch Bauarbeiter sein“, sagt Johanna, als es zur Auseinandersetzung um eine der zwei Schaufeln kommt. „Die arbeiten zusammen.“ Philipp erkennt die Lage und bestätigt: „Wenn die nicht zusammenarbeiten, dann gibt es keinen Sandkasten.“ Das will keiner, also gibt es auch keinen Streit.

Wer sie noch nicht an hat, bekommt von einer der drei Frauen die Matschhose übergezogen und dann geht es ab in den Wald. „Ich bin Bauarbeiter“, verkündet Philipp vor dem Abmarsch. „Und ich bin Feuerwehrmann“, kräht Michael. Das Thema zündet, und auf einmal rufen alle Jungs „Tatü tata“ und erklären Stöcke und ein Stück Schnur zum Feuerwehrschlauch und Rettungsseil. Juna, das einzige Mädchen in der Runde, überprüft derweil die Vollzähligkeit. Sie kommt auf fünf Kinder – passt. Der Pfad durch den Wald ist allen Beteiligten so geläufig wie die klare Ansage, dass keiner alleine davonlaufen darf. „Da geht’s zum Wespenbaum“, sagt einer der kleinen Wölfe an einer Weggabelung. Darum zweigt die Gruppe rechts ab, direkt zu ihrem Flugplatz. Zwei Bäume mit vielen Aststummeln eignen sich wunderbar, um von Crew und Passagieren in Besitz genommen zu werden. Nur an der Rollenverteilung müssen die Nachwuchskräfte noch ein wenig feilen. Auf dem zum Flugzeug erklärten Baum nehmen neben der Pilotin ein einziger Passagier und ein Steuermann Platz. Drei Jungs erklären derweil gleichzeitig: „Ich bin Stewardess.“ Gereicht werden Spaghetti mit Nutella, dargestellt von einer Handvoll kleiner Zweige.

Dann wird es wieder dramatischer. Ein Flügel sei locker, lautet die Ansage. Johanna bemüht sich um Schadensbegrenzung und mimt einen Akkuschrauber: „Brrrrrr…!“ Doch dann stellt sie fest: „Ich glaube, das Flugzeug hat einen ziemlich morschen Flügel.“ Vielleicht finden die Kinder gegenüber Ersatz, sie stürmen davon. Ein Eichhörnchen ist auch noch gesichtet worden, das sich aber schnell aus dem Staub gemacht hat. Dafür sind zwei Schnecken im Laub eine Attraktion. „Die schmusen und kuscheln miteinander“, erklärt Reutter. Neugierige Kinderaugen sind dem schleimigen Liebespaar gewiss.

Handy und Handwaschzeug sind überall mit dabei

Im Natur- oder Waldkindergarten ist vieles anders als in einem festen Gebäude. Darum gehören zur Standardausstattung der Erzieherin auf jedem Ausflug ein Handy, ein kleiner Erste-Hilfe-Rucksack und etwas zu trinken. „Außerdem eine Schaufel“, sagt Reutter. „Falls unterwegs jemand muss.“ Und natürlich auch Handwaschzeug. Feste Regeln fürs Verhalten in der Natur und im Bauwagen haben die Kinder innerhalb der ersten drei Wochen schon verinnerlicht. Kommt der Ruf „Stoppstelle“, ist eine Grenze erreicht, die keiner überschreiten darf. Holzstöcke sind universell einsetzbares Spielzeug, unterliegen aber auch dem Reglement. „Ein Stecken darf nicht länger sein als das Kind“, erklärt Reutter. Weil Kinder die Länge nicht einschätzen können, werde es sonst gefährlich. Erfahrung in Pädagogik unter freiem Himmel hat die Erzieherin bereits in verschiedenen Einrichtungen gesammelt. Einen neuen Kindergarten gegründet hatte sie bisher noch nicht. Die Gruppengröße soll von jetzt fünf auf zehn Kinder im Frühjahr anwachsen, ab Sommer sollen es maximal 20 sein.

Weiterlesen
Eine Wanderung mit Fackellauf

Eine Wanderung mit Fackellauf

Drucken Beim Enzweihinger Ferienprogramm hatten die Kinder auch in diesem Jahr wieder viele tolle Angebote, auf die sie sich freuen konnten. Zum Abschluss des Ferienprogramms gab es eine Fackelwanderung, zu der auch die Eltern und Geschwister eingeladen waren.... »