Jetzt machen auch die Horrheimer mobil

Schwieberdinger Interessengemeinschaft informiert im Vaihinger Stadtteil über die freigemessenen AKW-Abfälle, die 2017 auf die Deponie Burghof kommen sollen

Von Claudia Maria Rostek Erstellt: 29. Juni 2016
Jetzt machen auch die Horrheimer mobil Ist das Material belastet oder nicht? Fragen wie diese stellen sich den Horrheimer Bürgern. Schwieberdinger versuchen aufzuklären. Foto: Rostek

In Schwieberdingen gärt es schon länger. Nun scheinen sich auch die Horrheimer zu bewegen. Sie wollen wissen, was es mit dem freigemessenen AKW-Bauschutt auf sich hat, der auf der Deponie Burghof entsorgt werden soll. Am Montag gab es eine Infoveranstaltung. Rund 120 Bürger kamen, darunter auch Gündelbacher. Unterdessen hat sich auch das Umweltministerium Baden-Württemberg zu Wort gemeldet (siehe Artikelende).

Horrheim. Interessengemeinschaft, Gemeinderatsbeschluss, Unterschriftenaktion: In Schwieberdingen protestieren Bürger und Politiker gegen das Vorhaben, Abfall aus dem Kernkraftwerk Neckarwestheim auf der Deponie Froschgraben zu entsorgen (die VKZ berichtete mehrfach). Sie befürchten, dass der freigemessene Bauschutt nicht so unkritisch ist, wie er von den Behörden deklariert wird. Horrheim betrifft das gleichermaßen. Denn auch auf der Deponie Burghof plant die Abfallverwertungsgesellschaft des Landkreises Ludwigsburg (AVL) Bauschutt aus Block 1 des Kernkraftwerks zu entsorgen.

Anders als in Schwieberdingen ist es in dem Vaihinger Stadtteil bisher ruhig geblieben. Das hat sich nun geändert. Eine lose Gruppe Horrheimer hat am Montag zu einer Infoveranstaltung in das Gebäude des Kleintierzuchtvereins eingeladen. Der Anstoß kam von einem Roßwager. Nachdem Hubert Bischof beim Vaihinger Oberbürgermeister Gerd Maisch mehrfach erfolglos um eine Infoveranstaltung für die Horrheimer gebeten hatte („erst hieß es, sie kommt im Mai, dann hieß es im Juni“), suchte er den Kontakt zu Bürgern des Vaihinger Stadtteils. Unter anderem stieß er bei dem Diplom-Physiker Andreas Häffelin auf offene Ohren. Zusammen mit der Schwieberdinger Interessengemeinschaft stellten sie eine Infoveranstaltung auf die Beine. „Was wir heute Abend tun, ist gelebte Demokratie. Wir haben das Recht, Meinungen zu äußern und das Recht und die Pflicht, Informationen einzuholen“, erklärte Häffelin.

Die Informationen kamen am Montag von Schwieberdinger Seite. Die Interessengemeinschaft war mit einem Mediziner, einem Physiker, einem Arbeitsschützer und einer Agrarwissenschaftlerin nach Horrheim gekommen. Für die Horrheimer Deponie könne man freilich nur bedingt sprechen, ließen die Experten wissen. Im Kern gehe es aber um dasselbe Thema.

Im Wesentlichen kritisiert die Interessengemeinschaft zwei Dinge. Das eine ist eine mangelhafte Informationspolitik. Das andere betrifft die Sicherheit der Bürger.

Schon seit Längerem ist das Vertrauen zwischen Schwieberdingen und der AVL zerrüttet. Rund acht Jahre lang wurde Müll aus dem Rückbau des Forschungszentrums Karlsruhe auf den Deponien in Horrheim und Schwieberdingen beseitigt, ohne dass die Öffentlichkeit darüber informiert war. Erst durch Presseberichte war die Müllentsorgung bekanntgeworden. Zudem werfen die Schwieberdinger der AVL einen unsachgemäßen Umgang mit Asbestabfällen vor. Ein Mitglied der Interessengemeinschaft hatte über mehrere Wochen Bilder auf der Schwieberdinger Deponie aufgenommen. Diese zeigen große Plastiksäcke, die zum Teil beschädigt waren. In ihnen wurde Asbest aufbewahrt. Die Frage, die sich den Schwieberdingern nun stellt, liegt auf der Hand: Wenn man schon bei Asbest nicht richtig aufgepasst hat, wie wird man dann mit dem freigemessenen Bauschutt umgehen?

Zwar hat der Landkreis Ludwigsburg, zu dem die AVL gehört, schon Ende vergangenen Jahres reagiert und versucht, die Wogen zu glätten. So sollen unter anderem verplombte Behälter, in denen die Abfälle aus Neckarwestheim transportiert werden, für Sicherheit sorgen. Doch die Angst bleibt. Denn: „Das Freimess- und Freigabeverfahren ist bei Experten umstritten“, kritisiert die Interessengemeinschaft. Als freigemessen wird Abfall dann bezeichnet, wenn es sich nicht um radioaktive Stoffe im Sinne der Strahlenschutzverordnung handelt. In Zahlen ausgedrückt: Die Strahlung darf den Grenzwert von zehn Mikro-Sievert pro Jahr nicht überschreiten.

Doch diesen Wert zu bestimmen, ist nicht so einfach, bemängeln die Vertreter aus Schwieberdingen. „Die effektive Strahlendosis ist keine physikalische Größe. Man kann die nicht einfach messen. Fast alles, was mit Mikro-Sievert zu tun hat, basiert auf Annahmen“, erklärte der Physiker Karl Bendel. Um die Strahlung zu bestimmen, muss man unter anderem wissen, um welche radioaktiven Stoffe es sich handelt. Das aber ist bei Abfällen aus Kernkraftwerken schwierig, denn „bei diesen handelt es sich um eine Mischung von sehr vielen unterschiedlichen Nukliden“, so Bendel.

Hinzu kommt ein Bündel an weiteren Annahmen, die in die Berechnung einfließen: „Wie schnell gelangt wie viel ins Sickerwasser? Was wird auf Speisepflanzen geweht?“, zählte Bendel beispielhaft auf. „Mit Annahmen für diese und weitere Fragen kann man dann die für den Restmüll erlaubte Aktivität für die unterschiedlichen Nuklide abschätzen, so dass der Grenzwert zehn Mikro-Sievert pro Jahr für niemanden jeweils überschritten werden kann – sofern die Annahmen zutreffen“, sagte Bendel. Er räumte zwar ein, dass fast alle Annahmen, die für die Berechnung verwendet werden, sehr konservativ seien, so dass eigentlich nichts passieren sollte. „Ob man aber doch nicht etwas übersehen habe wie zunehmender Starkregen durch Klimawandel und ob sich immer alle an Vorschriften halten werden, sehe man jedoch leider erst, wenn etwas passiert, gibt er zu Bedenken.

Als alternative Deponierung schlägt die Interessengemeinschaft vor, den AKW-Müll auf dem Betriebsgelände in Neckarwestheim zu lagern oder in Bergwerken, zum Beispiel in Heilbronn/Kochendorf. Ersteres wollte auch Landrat Dr. Rainer Haas beim Umweltministerium erfragen. Eine Antwort steht noch aus. „Allerdings hat Ministerialrat Martin Kneisel vom Umweltministerium Baden-Württemberg darauf hingewiesen, dass das Ministerium auf die Einhaltung der Entsorgungspflicht gemäß Landesabfallgesetz besteht und weiterhin nicht von einer Entsorgung am Anfallort des Abfalls ausgeht. Dafür gibt es auch deshalb keinen Grund, da dieser Abfall nach der Freimessung kein Risiko für das Wohl der Allgemeinheit darstellt“, sagt Dr. Andreas Fritz, Pressesprecher des Landkreises Ludwigsburg.

Unter den Gästen kam schließlich der Vorschlag auf, die Horrheimer sollten mit der Schwieberdinger Interessengemeinschaft an einem Strang ziehen. Auch gab es Fragen vonseiten der Zuhörer. Etwa wollte einer wissen, wie es mit der Deponiewärme aussieht, mit der das „Bioenergiedorf Gündelbach“ zukünftig versorgt wird. „Können da radioaktive Stoffe reingelangen?“. Eine Frage, die die Gäste aus Schwieberdingen nicht beantworten können, schließlich sind ihnen die Gegebenheiten der Horrheimer Deponie nicht vertraut.

Die Vertreter aus Schwieberdingen rieten den Horrheimern, auf Politiker zuzugehen und sie mit dem Thema zu konfrontieren. Einige Lokalpolitiker waren bei der Infoveranstaltung dabei, darunter Roland Zitzmann (FDP), Anita Götz (SPD) sowie Peter Schimke (Linke), der selbst Kreisrat ist. Seine Fraktion war es, die vergangenen Oktober mit einem Antrag verhindern wollte, dass Abfälle aus Neckarwestheim auf den Deponien Burghof und Froschgraben beseitigt werden. Der Antrag hatte aber keine Zustimmung gefunden.

Unterdessen laufen Gespräche zwischen der Stadt Vaihingen und der AVL, um eine öffentliche Infoveranstaltung anzubieten. Ein Termin steht noch nicht fest. „Die Veranstaltung macht erst Sinn, wenn wir wissen, wovon wir reden: Dazu müssen vorab die Zahlen sowohl aus den beauftragten Messungen, als auch – möglichst – des abzulagernden Materials vorliegen. Außerdem hat Dr. Haas allen Beteiligten – auch der Initiative – mitgeteilt, dass er ein Gespräch mit Minister Franz Untersteller zu führen beabsichtigt. Erst nach Kenntnis der Fakten und dem Gespräch mit dem Minister wird sich Dr. Haas seine Meinung zum weiteren Verfahren bilden. Auch dies hat er der Initiative und allen Beteiligten klar gesagt. Das bisherige Vorgehen, mit dem man offensichtlich ohne jegliche Faktenkenntnis vor allem die Bevölkerung verunsichern will, tragen wir nicht mit“, so Pressesprecher Fritz.

Nachtrag

Nun hat sich das Umweltministerium Baden-Württemberg zu Wort gemeldet. „Die vor Ort geplante landwirtschaftliche Nachnutzung der Deponie (in Schwieberdingen; Anm. d. Red.) ist strahlenschutzrechtlich unklar. Bis zur Beantwortung der offenen Fragen setzen wir die Lieferung freigemessener Abfälle auf Deponien in Baden-Württemberg aus“, heißt es in einer Pressemitteilung des Ministeriums. In Schwieberdingen zeigt man sich erfreut und spricht von „der Information des Tages“. Dr. Dierk-Christian Vogt, Mediziner und Mitglied der Interessengemeinschaft: „Unsere Detailarbeit hat sich bis hierhin gelohnt.“

Weitere Artikel zum Thema:

„Risikobehaftet und wirtschaftlich unsinnig“ (erschienen am 24. Juni 2016)

Online-Petition knackt 1000er-Marke (erschienen am 20. Mai 2016)

Freigemessener Müll spaltet die Geister (erschienen am 14. Mai 2016)

Schwieberdinger verlangen Stopp auch für Horrheim (erschienen am 21. April 2016)

Asbest bringt die AVL in Bedrängnis (erschienen am 19. März 2016)

Unterschriften gegen Kernkraftwerksabfälle (erschienen am 27. Februar 2016)

Bauschutt aus Neckarwestheim kommt nach Horrheim (erschienen am 20. Oktober 2015)

Kein Atommüll auf Kreisdeponien (erschienen am 26. August 2015)

 

 

Weiterlesen
Vom zunehmenden weiblichen Drang in die Höhen

Vom zunehmenden weiblichen Drang in die Höhen

Drucken Ludwigsburg (us). Mehr als 100 Mitglieder der Sektion Ludwigsburg des Deutschen Alpenvereins (DAV) konnten im Jahr 2017 ein „rundes“ Jubiläum begehen. Gut 30 davon waren persönlich zur Ehrung in den einmal mehr vollen Saal im Krauthof in... »