In der Dieselstraße gibt es keinen Strom

Vier Wochen emissionsfrei durch den Raum Vaihingen – Bereits an Tag 2 wird das Tanken zum Problem

Erstellt: 2. August 2017
In der Dieselstraße gibt es keinen Strom Vincenzo Gallo vom Autohaus AHG überreicht Claudia Rostek den Schlüssel für das Elektroauto. Foto: AHG

Die Bundesregierung hat ehrgeizige Ziele: Deutschland soll zum Leitmarkt und Leitanbieter der Elektromobilität werden. Doch wie realistisch ist die Fahrt mit dem Stromer in der Praxis? VKZ-Redakteurin Claudia Rostek testet vier Wochen lang die Alltagstauglichkeit eines Elektroautos im Raum Vaihingen. Abenteuerlich wird es bereits an Tag 2.

Vaihingen. Mein Testobjekt ist ein BMW i3, zur Verfügung gestellt vom Autohaus AHG in Mühlacker. Knapp einen Monat lang soll mich das rein elektrisch betriebene Auto von A nach B bringen – auf Strecken, die ich beruflich zurücklege, als auch auf Routen, die ich privat fahre. Der Hauptknackpunkt – ich ahne es schon früh – wird die Ladeinfrastruktur sein. Denn weder habe ich eine sogenannte Wallbox zuhause, mit der ich das Auto bequem und zügig auftanken kann, noch eine Garage mit Steckdose, an der sich der i3 anschließen lässt. Einen Tiefgaragenstellplatz habe ich zwar, doch der Strom, der dort fließt, gilt als Allgemeinstrom. Wenn ich den Frieden der Hausgemeinschaft nicht stören möchte, sollte ich mein Auto dort besser nicht betanken.

Doch zunächst überwiegt die Begeisterung. Vincenzo Gallo, Verkäufer bei AHG, führt mir mein Testauto vor. Ein schicker BWM i3, der rund 1245 Kilogramm auf die Waage bringt. Angesichts der Schwere der Batterien, die Elektroautos mitführen, bezeichnet Gallo das Gewicht als eine „echte Hausnummer“. Zum Vergleich: Mein herkömmlicher Benziner, ein kleiner Peugeot 206, bringt schon ohne Batterie 1013 Kilogramm auf die Waage.

Bei den Stromern ist das Gewicht ein entscheidendes Kriterium. Je mehr Masse ein Motor beziehungsweise das Getriebe in Bewegung setzen muss, desto geringer fällt die ohnehin schon kurze Reichweite des emissionsfreien Autos aus. Leichte Materialien sind daher gefragt, weshalb BMW bei der Fahrgastzelle auf Carbon setzt, das bis zu 50 Prozent leichter sein soll als Stahl. „Das Auto ist wahnsinnig gut durchdacht“, schwärmt Gallo und teilt mir mit, dass der i3 zu 95 Prozent recycelbar sei. Und auch sonst geizt er nicht mit Lobesworten: Er berichtet, wie klein der Wendekreis ist und erzählt begeistert vom olivenblattgegerbtem Leder sowie vom nachwachsenden Rohstoff Schurwolle, der bei den Sitzbezügen eingesetzt wird. Vincenzo Gallo ist ein Verkäufer durch und durch und weiß, wie er ein Auto in Szene setzt. Mit seiner Begeisterung für den i3 steckt er mich an. Die spätere Probefahrt bestätigt den ersten Eindruck: Es macht verdammt Spaß, den nahezu geräuschlosen Stromer zu fahren.

Doch was nützt all der Fahrspaß, wenn das Auto plötzlich liegen bleibt, weil man nicht rechtzeitig getankt hat? Gallo beruhigt mich: „Wer stehen bleibt, muss zuvor einige Warnzeichen des Autos ignoriert haben.“ Und sollte der Fall dennoch eintreten, reicht die Energie immer noch, um das Warnblinklicht acht Stunden leuchten zu lassen. Das beruhigt. Die Sorge, mitten in der Nacht unbemerkt im Dunkeln zu stranden, schwindet. „Am besten behandelt man das Auto wie ein Handy. Heimkommen und sofort anschließen. So hat man immer einen vollen Tank“, empfiehlt der BMW-Experte. Voraussetzung ist natürlich, dass man zuhause eine Lademöglichkeit hat. Und die habe ich nicht. Zwar habe ich vorsorglich eine Kabeltrommel geordert, um vom Keller Strom abzuzapfen. Beim Wort Kabeltrommel schaut Gallo aber etwas unglücklich. „Bis zu einer gewissen Länge ist das okay. Wichtig ist, sie komplett auszurollen, jeder Knick verstärkt den Widerstand“, erklärt der AHG-Verkäufer und schätzt, dass bis zu fünf Meter Länge machbar seien.

Dann ist Zeit für die Probefahrt. Gallo erklärt mir die wichtigsten Knöpfe und Schalter und zeigt mir, wie ich das Auto starte. Für mich gleich eine doppelte Umstellung. Nicht nur, dass ich jetzt ein elektrisch betriebenes Fahrzeug steuere, auch die Automatikschaltung ist neu für mich. Doch der Fahrspaß überwiegt. Vor allem, das neue Bremsverhalten macht Spaß. Fuß vom Gas bedeutet beim Stromer nicht ausrollen zu lassen, sondern zu verzögern. Das Auto bremst also. Die dadurch entstehende Energie nimmt das Auto auf und führt sie in die Batterie zurück. Rekuperation nennt das der Fachmann.

Nun aber genug des begleiteten Fahrens. Gallo drückt mir Papiere und Schlüssel in die Hand. Vier Wochen lang darf ich den Stromer nun testen. „Freude am Fahren“, wünscht mir Gallo ganz in BMW-Sprache und lässt mich davonziehen.

Die erste Fahrt führt mich ins heimische Schwieberdingen. Die Beschleunigung des E-Autos ist beeindruckend, da hat Gallo nicht zu viel versprochen. Vor allem an der Enzweihinger Steige macht sie sich mehr als bezahlt. Daheim angekommen, taucht das erste Problem auf: Alle Parkplätze direkt vor meinem Haus sind zugeparkt. So viel zum Thema heimkommen und gleich anschließen. Da bringt auch die Kabeltrommel nichts. Der Blick auf die angegebene Reichweite beruhigt aber. Etwas mehr als 200 Kilometer verspricht mir der Stromer. Da ist Aufladen nun wirklich nicht notwendig. Und so wird der i3 gleich am ersten Abend nicht geladen – entgegen der Empfehlung.

Der erste Tankversuch scheitert – und der zweite gleich auch

Am nächsten Morgen halte ich im Internet nach Ladestationen Ausschau. In Schwieberdingen soll es drei Lademöglichkeiten geben – ein echter Luxus für ein Dorf. Doch die Freude währt nur kurz. Auf der Homepage der Firma Bosch lese ich, dass die Station für Firmen- und Mitarbeiterautos gedacht ist und bei den beiden anderen erfahre ich, dass sie zum Intercharge-Netz gehören und ich zur Identifikation eine RFID-Karte brauche. Diese bekomme ich, nachdem ich bei meinem Stromanbieter einen Fahrstromvertrag abgeschlossen habe. Doch wieder stehe ich mit leeren Händen da: Mein Anbieter, die EWS Schönau, gehören nicht zum Intercharge-Netz.

Die Onlinerecherche führt mich zu einem weiteren Ladeverband, mit dem ich an ausgewiesenen Stationen tanken kann. Diesmal ist das Bezahlsystem ein anderes. Wer sich hier registriert, zahlt 50 Euro im Monat und kann anschließend an den dazugehörenden Stationen gratis laden. Klingt gut – aber nur für den, wenn die zum Netzwerk zählenden Stationen für einen infrage kommen. Bei mir ist das leider nicht der Fall. Diese sind all zu weit weg.

Auf dieses Ärgernis brauche ich ein gutes Frühstück. Gemeinsam mit meinem Freund fahre ich mit dem Elektroauto nach Ditzingen und schiebe beim Blick auf den Kilometerstand gleich wieder Frust. Gestern Abend standen da noch acht Kilometer mehr. Mein Freund erklärt mir, dass das nichts bedeuten muss, da der Wert nur auf der State-of-Charge-Schätzung, also einer Art Berechnung, beruht. Ich sehe mich trotzdem schon das Auto schieben.

Dann gibt es einen Lichtblick: Meinem Partner fällt ein, dass der Baumarkt in Ditzingen über freie Ladestationen verfügt. Das klingt gut und nach dem gemeinsamen Frühstück beim Bäcker steuern wir den Hagebaumarkt an. Dort entdecken wir zwei Stationen – zu meinem Pech sind sie aber beide belegt. Ein Hybrid parkt auf der einen Seite und tankt, auf der anderen Seite steht ein Elektroauto des Baumarkts, das offensichtlich aber nur parkt. Wir fragen an der Information, ob ein Mitarbeiter das Auto wegfahren könnte und nur eine Minute später ist der Ladeplatz frei. Nun steht dem ersten Auftanken nichts mehr im Weg.

Falsch gedacht. Wir schließen das Auto an, doch es tut sich nichts. Also noch mal das Kabel rausgezogen und wieder reingesteckt. Wieder nichts. Ich schließe das Auto auf und wieder zu, in der Hoffnung, dass das irgendwas bringt. Tut es aber nicht.

Dann kommt die Frau, die ihren Hybrid-Mercedes an der anderen Ladestation betankt. Wir bitten sie, uns zu helfen, doch auch bei ihr klappt es nicht. „Oh, meiner hat ja auch nicht geladen“, sagt sie schließlich, als sie ihr Kabel löst. Für Situationskomik sorgt ein Blick aufs Straßenschild. Wir befinden uns direkt an der Dieselstraße. Kein Wunder, dass es hier keinen Strom gibt. Galgenhumor muss nun einfach sein.

Mein Freund läuft abermals zur Info und kommt kopfschüttelnd zurück. „Die Ladestation war aus. Die müssen die erst von drinnen anschalten“, sagt er mir. Wir warten zwei, drei Minuten, doch so langsam vergeht uns die Lust. Mit dem Smartphone halte ich nach weiteren Ladestationen Ausschau und lese dabei in einer Kommentarspalte, dass die bei Bosch in Schwieberdingen doch für alle frei sein soll – also nicht nur für Firmen- und Mitarbeiterautos, wie ich es zuerst gelesen hatte. Ein Lichtblick an diesem trüben Elektromorgen.

Nun also wieder zurück nach Schwieberdingen. Während ich fluche, weil die nun angezeigte Reichweite deutlich niedriger ist, als sie nach meiner Kopfrechnung sein müsste, stellt mein Freund das Navi ein. Denn dieses zeigt uns nicht nur den Weg, sondern auch, wo weitere Ladestationen sind. Und siehe da, in Hemmingen wartet schon die nächste auf uns. Bevor wir also zu Bosch fahren, machen wir noch einen Abstecher im Ort davor. Schon AHG-Mitarbeiter Gallo hatte mich darauf hingewiesen, dass mir das Navi Ladestationen in meiner Nähe anzeigt. Allerdings mit dem Nachteil, dass mir nicht mitgeteilt wird, ob die Station frei ist und ob und wie ich dort bezahlen muss. Aber Hemmingen liegt ja auf dem Weg, von daher ist es einen Versuch wert.

Die Enttäuschung ist aber schnell wieder da. Bei der Ladestation bei Porsche handelt es sich erneut um eine Ladesäule des Intercharge-Netzes. Zwar kann ich laut einer angebrachten Anleitung über einen QR-Code den Ladepunkt per Direktbezahlung freischalten lassen. Als ich den Code jedoch scanne, fordert mich mein Smartphone auf, mir im Apple-Store die e-kWH-App runterzuladen. Dumm nur, dass ich ein Handy mit Androidbetriebssystem habe. Diese Variante fällt also wieder flach. Später erfahre ich zwar, dass es die App auch für Android-Smartphones gibt. Die schlechten Bewertungen schrecken mich aber ab.

Nun also doch zu Bosch. Auch wenn ich gedanklich schon die Kabeltrommel ausrolle. Doch ich werde eines Besseren belehrt. Bei Bosch können wir tatsächlich tanken. Und das ohne Registrierung. An den Ladestationen hängen RFID-Karte, mit denen wir den Tankvorgang freischalten können. Es gibt verschiedene Säulen. Zuerst stehe ich versehentlich an der, an der das Tanken langsam geht, dann entdecke ich die Schnellladesäule und fahre dort hin. Zu rund 82 Prozent ist mein Stromer zu diesem Zeitpunkt geladen. Eine Viertelstunde später ist er dank 50-Kilowatt-Ladesäule wieder so gut wie voll. Endlich!

Wenige Tage später bin ich zurück in der Redaktion. Dort telefoniere ich mit Dr. Helmut Randoll von der Vaihinger Firma Auf nach Mallorca, um mich mit ihm über meine Erfahrungen auszutauschen. Randoll bietet Durchreisenden seine private Ladestation an und bestätigt meinen ersten Eindruck mit dem E-Auto. „Das Bezahlsystem in Deutschland ist wie Kraut und Rüben. Wenn ich hier irgendwo bezahlen kann, stehe ich in Hamburg schon wieder im Wald. Man hat versäumt, ein einheitliches Bezahlsystem für Strom für unterwegs zu sorgen“, sagt er und spricht von einem massiven Nachholbedarf in Deutschland. Immerhin hat er noch einen Tipp für mich. Er empfiehlt mir die Internetseite www.lemnet.org, die viele Ladestationen auflistet. Für die nächste Tankfahrt, werde ich mich dort einlesen.

Welche Erfahrungen haben Sie mit dem Elektro-Auto gemacht?

Die Vaihinger Kreiszeitung testet vier Wochen lang, wie alltagstauglich die Fahrt mit einem Elektroauto ist. Wenn Sie, liebe Leser, Tipps haben – sei es zum verbrauchsarmen Fahren, empfehlenswerte Internetseiten, die Ladestationen aufzeigen oder weitere Hinweise, die die Fahrt erleichtern – freuen wir uns über Ihre Anregungen. Diese schicken Sie bitte an c.rostek@vkz.de. Gerne können Sie uns auch Ihre persönlichen Anekdoten und Erfahrungen rund ums E-Auto schildern. Wir freuen uns auf ihre Nachrichten. (cmr)

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