Hausmittel gegen Scheintote im Keller

Die Bildung von Gärgas im Weinkeller sorgt mitunter heute noch für üble Unfälle – Vor 150 Jahren wurde in der Zeitung davor gewarnt

Von Bernhard Romanowski Erstellt: 12. Januar 2019
Hausmittel gegen Scheintote im Keller Ob in dem Ratgeber-Artikel der „Landpost“ vom Schießen mit einer Pistole die Rede ist, wie sie die Vaihinger Stadtarchivarin Andrea Majer hier im Museum Peterskirche in Händen hält, konnte noch nicht geklärt werden. Fotos: Romanowski

Wer angesichts der modernen Technik in Form von Smartphone und Co. gerne auf „die gute alte Zeit“ verweist, sollte mitunter einmal genauer hinsehen. Denn dass zum Beispiel die Wengerter ihre edlen Tröpfchen in früherer Zeit mithin unter Einsatz ihres Lebens kreierten, ist eine fast vergessene Tatsache.

Vaihingen. Ein Blick in die Ausgabe der Vaihinger „Landpost“ vom 6. Oktober 1868 offenbart Tücken und Gefahren, von denen man sich heute gar keine Vorstellung mehr macht. Unter dem Titel „Ärztlicher Kalender“ findet sich in der Rubrik für Verschiedenes ein Text, der nicht nur verblüffende, sondern auch geradezu rätselhafte Passagen enthält.

„Bei der Gärung des Weinmostes steigt aus dem Faß eine tödliche Stickluft (Kohlensäure geheißen), die, weil sie schwerer ist als die gewöhnliche Luft, zuerst die unteren Schichten des Kellerraumes erfüllt“, heißt es da vor rund 150 Jahren als Warnung an alle Wengerter.

Der Verfasser rät deshalb: „Ein vorsichtiger Mann geht also nie ohne Licht in seinen Keller.“ Bei diesem Licht handelte es sich damals um eine Kerze, so viel dürfte klar sein. Weiter heißt es, man solle das Licht möglichst tief halten. Und dann folgt eine Handlungsanweisung, die dem unbedarften Leser Rätsel aufgibt: Wenn nämlich die Kerze ausgeht, dreht man „wieder um und schießt ein paar Mal in den Keller hinein: aber wohlgemerkt, in der Richtung gegen den Kellerboden“.

In den Keller schießen? Das ist weder als probates Mittel gegen schlechte Luft noch irgendwie als Redewendung allgemein bekannt. Auch die Vaihinger Stadtarchivarin Andra Majer, die den Artikel ausgegraben hat, weiß die Formulierung nicht genauer zu deuten, wie sie im Gespräch mit der VKZ bekennt.

Alle weiteren Ratschläge aus der Anzeige von vor anderthalb Jahrhunderten sind dann schon wieder nachvollziehbarer. Bei großen Kellern sei es zweckmäßiger, auf den Spund (des Fasses, Anm. d. Red.) ein Kautschukrohr zu stecken, dessen anderes Ende man in einen Kübel mit Kalkmilch taucht. Hierbei handelt es sich um gelöschten Kalk, der mit viel Wasser abgerührt wurde. Darin werde „die Stickluft“ aufgesogen, so erfährt man.

Es folgen einige Zeilen, die nicht nur Dramatik, sondern auch Assoziationen an die Anweisungen in einem Erste-Hilfe-Kursus aufkommen lassen: „Ist jemand in der Stickluft ersoffen, so drücke man ihm, bis ein Arzt kommt, die Brust abwechselnd so zusammen, wie man einen Blasebalg handhabt, um die Stickluft aus der Lunge hinauszuschaffen und durch gute Luft zu ersetzen.“ Was hier beschrieben wird, erinnert stark an die Herz-Lungen-Massage als Wiederbelebungsmaßnahme. Nur die Mund-zu-Mund-Beatmung wird ausgespart – das war damals vermutlich doch zu viel des Guten, sprich: nicht schicklich, obwohl die auch Atemspende benannte Methode angeblich schon in der Bibel Erwähnung findet. Anders als das mysteriöse Gerät, von dem dann in dem Landpost-Artikel die Rede ist: „Hat wer, wie es jetzt häufig vorkommt, einen Induktions-Apparat im Haus, so drücke er dem Scheintodten den einen Pol in die Grube über dem Achselbein, den andern in die Hand. Wenn der Betreffende noch nicht ganz todt ist, wird er wieder zu athmen anfangen.“

Das Ganze hat jetzt was von Frankenstein. Halbtote werden wieder lebendig gemacht, und zwar unter Zuhilfenahme seltsamer Apparaturen. Tatsächlich gemahnt ein solcher Induktionsapparat sehr an die Gerätschaft, die in dem Roman von Mary Shelley aus dem Jahr 1818 zur Erschaffung eines künstlichen Menschen zum Einsatz kommt.

Offenbar erfreuten sich diese Instrumente, die zu verschiedensten Zwecken und noch in den 1930er-Jahren zur Muskelnervenstimulation genutzt wurden, vor 150 Jahren einer gewissen Beliebtheit. Anscheinend, so lässt der Artikel aus der „Landpost“ vermuten, eigneten sie sich auch als Defibrillatoren für den Hausgebrauch.

Wobei man aber auch auf „Spritzen mit Wasser, Bürsten, Kneten“ und derlei Praktiken zurückgreifen könne, um die Lebensgeister des „Scheintoten“ zu wecken. So zumindest endet der Ratgebertext von 1868. Für professionelle Weinbaubetriebe ist aufgrund des Aufkommens an Gärgas heuzutage eine entsprechende Lüftungsanlage Pflicht, wie der Erste Kellermeister der Lembergerland Kellerei in Roßwag der VKZ auf Nachfrage erläutert. „Außerdem liegt unser Betrieb am Hang, da läuft das Gas quasi aus dem Keller raus“, schildert Philipp Kercher weiter. Die Kerze als Frühwarnsystem aus alter Zeit ist ihm natürlich auch bekannt. Aber hier gibt es einen bedeutenden Haken, wie Kercher anmahnt: Die Kerze brennt – anders als man seinerzeit annahm – auch dann noch, wenn die Konzentration des CO2 in der umgebenden Luft bereits lebensbedrohlich für den Menschen geworden ist.

Kercher nennt eine andere Möglichkeit, die heute kurios erscheint und die er auch nur scherzhaft anspricht, die aber sehr wohl in der Vergangenheit etwa in Bergwerken praktiziert wurde: Die Kumpel nahmen einen Kanarienvogel mit unter Tage, quasi als Indikator für den Gasgehalt der Raumluft. „Aber das geht aus tierschutzrechtlichen Gründen heutzutage selbstverständlich nicht mehr“, wie der Roßwager Kellermeister betont.

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