„Hauptsache nicht so ein Riesenklotz“

Die Bürger-Gärten-Bewegung (BGB) will für das Enßle-Areal eine Planungspause, um Ideen der Vaihinger Bürger zu sammeln

Von Michael Banholzer Erstellt: 20. Februar 2018
„Hauptsache nicht so ein Riesenklotz“ Jens-Uwe Dammann, Wolfgang Vögele und Christiane Lawrence (von links) werben für ein „Ja“ beim Bürgerentscheid. Foto: Banholzer

In knapp vier Wochen sind die Vaihinger Bürger zum Urnengang über die Zukunft des Enßle-Areals in den Köpfwiesen aufgerufen. In der VKZ kommen im Vorfeld sowohl Befürworter wie Gegner dieses Vorhabens zu Wort. Den Auftakt macht die Bürger-Gärten-Bewegung (BGB), die den Bürgerentscheid herbeigeführt hat.

Vaihingen. Die meisten Haushalte im Stadtgebiet haben in diesen Tagen die offizielle Informationsbroschüre der Stadt zum anstehenden Bürgerentscheid am 18. März im Briefkasten gehabt. Gemeinderat und Oberbürgermeister Gerd Maisch werben darin für die Pläne, das Enßle-Gebäude abzureißen und durch ein Wohn- und Geschäftsgebäude „Enzblick“ zu ersetzen. Dafür müssen auch drei unmittelbar angrenzende historische Bürgergärten geopfert werden. Auf diese Weise sollen Einzelhändlern großflächige Ladenflächen geboten werden, die es so in der kleinteilig strukturierten Altstadt sonst nicht gibt. Die Innenstadt, so die Hoffnung, könnte dadurch attraktiver für Kunden aus Vaihingen und dem gesamten Umland werden, sodass auch andere Geschäfte und Gastronomiebetriebe davon profitieren.

Im Juni vergangenen Jahres gründeten Vaihinger Einwohner die Bürger-Gärten-Bewegung mit dem Ziel, das Enßle-Gebäude und die Bürgergärten zu erhalten und die erforderliche Bebauungsplanänderung für den Neubau zu verhindern. Dafür sammelte die BGB ab August im Rahmen eines Bürgerbegehrens Unterschriften, um einen Bürgerentscheid herbeizuführen. Letztlich mit Erfolg: Rund 2400 Vaihinger unterzeichneten die Listen. 1700 Unterschriften wären erforderlich gewesen. Beim Wahlgang am 18. März ruft die BGB die Bürger nun dazu auf, mit „Ja“ abzustimmen und sich damit für eine dreijährige Veränderungssperre des derzeit gültigen Bebauungsplanes auszusprechen.

Die Vertreter der BGB fordern ein Gesamtkonzept für Vaihingen und seine Stadtteile

Denn die Vertreter der BGB sehen zahlreiche Argumente, die gegen das geplante Vorhaben sprechen, wie Jens-Uwe Dammann, Christiane Lawrence und Wolfgang Vögele stellvertretend im Gespräch mit der VKZ erläutern. Das Vorhaben sei Stückwerk, dem kein Gesamtkonzept zugrunde liege; der geplante Bau sei an dieser Stelle ökonomisch und ökologisch nicht vertretbar und ein weiteres Ausbluten der Innenstadt sei zu befürchten.

Doch der Reihe nach. Vaihingen sei eine schöne Stadt. Allerdings habe sie abgesehen vom Schloss und der historischen Altstadt für Besucher wenig Attraktives zu bieten. In der Fußgängerzone gebe es zu viele Leerstände, die Fassaden in der Grabenstraße bröckelten und es sei kaum Außengastronomie vorhanden, sagt Jens-Uwe Dammann. Hier müsse die Stadtverwaltung ansetzen. Beispielsweise durch aktive Unterstützung der Einzelhändler, die mit hohen Mieten zu kämpfen hätten. Ein Neubau auf dem Enßle-Areal trage nicht zu einer Verbesserung bei, glaubt Dammann. „Es gibt von dort keine Sichtbeziehung zur Altstadt“, betont der Vaihinger. Außerdem schneide der Verkehr auf der Mühlkanalstraße die beiden Gebiete voneinander ab. Potenzielle Einkäufer würden demnach kaum den Weg Richtung Marktplatz einschlagen. Im schlimmsten Fall würden die letzten Geschäfte dort weitere Kunden verlieren.

Das zwölf Jahre alte Einzelhandelskonzept, auf das sich die Stadt berufe, sei veraltet, so die BGB. Das Gewicht des Online-Handels habe seither deutlicher als im Gutachten angenommen zugelegt. Inzwischen werde jeder achte Euro über das Internet ausgegeben, so Jens-Uwe Dammann. Des Weiteren sei inzwischen das Vaisana-Ärztehaus am Vaihinger Krankenhaus entstanden. Arztbesucher, die früher wichtige Frequenzbringer in der Innenstadt waren, kämen inzwischen deutlich seltener hierher. Die Gutachter hätten zudem andere Flächen als noch vorteilhafter erachtet, etwa an der Grabenstraße. „Eine bessere Anbindung gibt es gar nicht“, so Jens-Uwe Dammann mit Blick auf die Bushaltestellen. Dort sei aber in den vergangenen zehn Jahren nichts erreicht worden.

Generell fordern die Vertreter der BGB ein Gesamtkonzept für die Stadt. Eine solche Stadtentwicklungspolitik scheine es aber nicht zu geben. Zu einer attraktiven Stadt gehöre aber mehr als nur Einkaufen, betont Christiane Lawrence. Die Menschen müssten sich mit ihrer Stadt identifizieren. Nur dann kämen sie dauerhaft zum Einkaufen wieder. Doch für junge Familien gebe es in der Innenstadt kaum Treffpunkte oder Spielplätze. In anderen Städten mit ähnlicher Problemlage sei unter Einbindung von Bürgerideen eine Kehrtwende geschafft worden. Sollte der Bürgerentscheid im Sinne der BGB ausgehen, dann habe man drei Jahre Zeit, um nach einer besseren Lösung für das Enßle-Areal zu suchen. Vaihingen sollte dabei die guten Ideen seiner Bürger nutzen, finden die Vertreter der BGB. Schließlich sehe man sich ganz und gar nicht als die „Fortschrittsverweigerer“ als die man nun gerne hingestellt werde. Auch die BGB sei gegen das weitere Abfließen von Kaufkraft ins Umland. Aber das Vorhaben der Stadt sei nur Stückwerk, eine Art „Notlösung“. Dort solle etwas geschaffen werden, nur um irgendetwas zu tun. Durchdacht sei dies aber nicht. Zumal es für die leerstehenden Ladenflächen in der Innenstadt keine Vorschläge gebe. „Ich kenne keine Stadt in der Größe, die so vor sich hindümpelt“, sagt Wolfgang Vögele, der als Architekt viele Orte in Baden-Württemberg gesehen hat. Es sei klar, dass dringend etwas geschehen müsse. Aber eben nicht ohne ein Gesamtkonzept.

Der Erhalt des Enßle-Gebäudes hat für die BGB inzwischen keine Priorität mehr

Darin müsse auch die Wirkung des geplanten Neubaus auf die Gartenschaubewerbung berücksichtigt werden, so Jens-Uwe Dammann. Ein Betonklotz mit zahlreichen Parkplätzen sei kaum das Richtige für den Eingangsbereich der Köpfwiesen, dem Herzstück einer künftigen Gartenschau. Eine Wohnbebauung in unmittelbarer Nähe zu dem ebenfalls von der Stadt angedachten Biergarten in den Köpfwiesen führe vorhersehbar zu Konflikten. Dass die Parkplätze entsiegelt und stattdessen mit Rasengittersteinen ausgestaltet werden sollen, halte er in dem Wasserschutzgebiet zudem für ökologisch gefährlich. Es sei auch bezeichnend, dass Landschaftsarchitekt Johann Senner, der im Auftrag der Stadt die Gartenschaubewerbung konzipieren darf, auf dem Enßle-Areal am liebsten gar kein Gebäude sehen wolle, sondern einen Platz, der allen Vaihingern mehr Aufenthaltsqualität biete.

Dass damit auch das Enßle-Gebäude selbst zur Disposition steht, stört die BGB nicht. Der Erhalt des 1927 errichteten Fabrikgebäudes, befreit von der derzeitigen unschönen Außenverkleidung, habe inzwischen nicht mehr Priorität. Der freigelegte Backsteinbau könne gewiss ein Anziehungspunkt werden, glaubt Christiane Lawrence. Man sei aber nicht auf eine Lösung festgelegt. Wolfgang Vögele kann dem Bau sogar überhaupt nichts abgewinnen. „Ich würde ihm keine Träne nachweinen.“ Von einem Abriss würde der Hochwasserschutz profitieren, glaubt auch Jens-Uwe Dammann, der wie Architekt Vögele nicht verstehen kann, warum die Stadt ausgerechnet in den Enzauen ein solches Bauwerk hochziehen will. Dieses blockiere im Fall von Überschwemmungen das schnelle Abfließen des Wassers und erhöhe somit die Hochwassergefahr für die anderen niedrig gelegenen Teile der Kernstadt.

Die Wünsche der Vaihinger herauszufinden müsse das Ziel nach einem erfolgreichen Bürgerentscheid sein. Durch eine aktive und frühzeitige Einbindung schwinde für die Stadt auch die Gefahr, dass es Widerstände und teure Neuplanungen gebe. Was dann auf dem Enßle-Areal entstehen könnte, lassen die Vertreter der BGB bewusst offen. Dabei könne schließlich alles mögliche herauskommen, so Christiane Lawrence. „Aber Hauptsache nicht so ein Riesenklotz.“

Weiterlesen
Neustart mit Maskenpflicht und Abstand

Neustart mit Maskenpflicht und Abstand

Drucken Vaihingen (pv). Am Mittwoch (15. Juli) findet nach der coronabedingten Zwangspause wieder ein Krämermarkt in der Vaihinger Innenstadt statt. Wichtigste Neuerung: Das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes wird obligatorisch sein. Fünfmal im Jahr schlagen normalerweise die Markthändler aus dem... »