„Gemeinsam beide Ziele erreichen“

Vaihinger Stadtverwaltung: Es gibt kein öffentliches Erhaltungsinteresse im Sinne des Denkmalschutzes am Enßle-Gebäude

Erstellt: 24. Juni 2017
„Gemeinsam beide Ziele erreichen“ Eine Luftaufnahme des Areals aus dem Jahr 1969. Vorne ist das helle Gebäude zu sehen, in dem heute unter anderem der Elldi-Markt im Erdgeschoss angesiedelt ist. Das rote Backsteingebäude rechts könnte einer Zukunft als Biergarten entgegenblicken. Foto: Stadtarchiv Vaihingen

Der Widerstand gegen eine mögliche Überbauung dreier Gärten in den Vaihinger Köpfwiesen geht weiter. Mit einem Faltblatt informiert die Vaihinger Aktion Innenstadt (VAI) und kämpft auch für den Erhalt des alten Enßle-Gebäudes. Was sagt die Stadtverwaltung?

Vaihingen (sr/mib). Wie die neu gegründete Bürger-Gärten-Bewegung (VKZ hat berichtet) setzt sich auch die VAI für die drei Bürgergärten und den Erhalt des Enßle-Gebäudes (mit „ß“ ist laut Stadtarchivarin Andrea Majer die wünschenswerte Schreibweise) an der Straße Im Mühlkanal ein. Hinter der „hässlichen Plattenfassade“, so der VAI-Flyer, verberge sich ein alter Backsteinbau der früheren Handschuhfabrik. Somit sei dieses Gebäude ein letzter baulicher Zeitzeuge von Vaihingens alter Gerbertradition. „Ein solches Gebäude würde andernorts erhalten und durch Sanierung einer zeitgemäßen Nutzung zugeführt“, heißt es im VAI-Faltblatt.

Wie könnte es hinter den Fassadenplatten des Enßle-Gebäudes aussehen? Bei Stadtarchivarin Majer gibt es genau ein einziges Bild, auf dem die Fabrik wirklich gut zu sehen ist. Das Foto wurde 1969 gemacht. Es habe sich damals eben um kein beliebtes Fotomotiv gehandelt. Laut Eintragungen im Güterbuchheft sei das Fabrikgebäude wohl 1899 umgebaut worden.

1859 siedelt die Leimfabrik Conradt in den Köpfwiesen an, mit Erwähnung als Fabrik ab 1888. Zwischen 1860 und 1899 seien viele bauliche Veränderungen an bestehenden Gebäuden vorgenommen worden, so die Stadtarchivarin weiter. 1935 habe Richard Enßle die Gebäude gekauft und eine Weißgerberei eingerichtet. Die Lederfabrik Enßle sei 1977 geschlossen und 1979 seien große Teile der Fabrik abgerissen worden.

Inzwischen befindet sich das Enßle-Gebäude im Besitz der Stadt Vaihingen. Die Stadt habe mit dem Erwerb des Gebäudes Enßle das Ziel verfolgt, hier ihr Einzelhandelskonzept umzusetzen – das heißt, einen Ergänzungsstandort zur Innenstadt zu schaffen, wo auch Ladengrößen über 100 Quadratmeter entstehen können, berichtet Stadtsprecherin Martina Fischer auf Nachfrage. Parallel zu den Erwerbsverhandlungen habe es auch Voruntersuchungen zur möglichen Nutzung des Gebäudekomplexes als Technisches Rathaus gegeben. „Dies wäre unsere Rückfallebene gewesen, falls das Einzelhandelskonzept nicht funktioniert“, so Fischer weiter. „Natürlich wurde auch der Frage nachgegangen, ob etwa ein öffentliches Erhaltungsinteresse im Sinne des Denkmalschutzgesetzes besteht“, berichtet Pressesprecherin Fischer. Ende 2016 habe eine Begehung mit einem Fachmann für technische Kulturdenkmale des Landesamts für Denkmalpflege vom Regierungspräsidium Stuttgart stattgefunden – diese sei von der VAI initiiert worden, so Martina Fischer. Die Vaihinger Aktion Innenstadt habe sich an das Landesdenkmalamt gewandt, um klären zu lassen, ob dieses Gebäude als Industriedenkmal eingestuft werden könne.

Fischer: „Nach seiner Feststellung sind durch die schon länger bestehende Umnutzung nur noch sehr fragmentarisch bauliche Reste aus der Zeit, als dort noch eine Lederfabrik betrieben wurde, erhalten. Dieser Überlieferungszustand sei eindeutig zu gering, um ein öffentliches Erhaltungsinteresse im Sinne des Denkmalschutzes zu reklamieren.“ Die Stellungnahme ende mit der Feststellung, dass es sich bei dem Gebäude nicht um ein Kulturdenkmal handelt. Schon deutlich vor dem Termin für die schriftliche Expertise habe ein informelles Gespräch zwischen Stadtverwaltung und dem zuständigen Ortskonservator des Landesdenkmalamts stattgefunden. „Dadurch war für uns klar, dass es sich nicht um ein Kulturdenkmal handelt“, sagt Stadtsprecherin Fischer.

Vor ziemlich genau einem Jahr hatte der Vaihinger Gemeinderat das Planungskonzept für das Enßle-Areal und den Abriss des großen Gebäudes bei einer Erhaltung beschlossen. „So soll jetzt das bestehende Gebäude, wo derzeit im Erdgeschoss die Firma Elldi ansässig ist, abgerissen werden und ein Wohn- und Geschäftshaus entstehen“, berichtete die VKZ aus der Sitzung.

Die drei Gärten, die möglicherweise geopfert werden sollen, haben laut Fischer eine Größe von 1302 Quadratmetern. Im Köpfwiesenareal gibt es rund 44 Gärten, wovon circa 27 in städtischem Besitz sind.

Wie ist der Stand der Dinge in Sachen Umgestaltung Köpfwiesen? „In den Köpfwiesen haben wir 2013 je eine Infoveranstaltung für die Öffentlichkeit und für die Grundeigentümer durchgeführt. Das Enßle-Areal verstehen wir nach der Umsetzung als Scharnier zwischen Innenstadt und Köpfwiesen. Es ist aus dem Einzelhandelskonzept entwickelt, das hier einen Ergänzungsstandort zur Innenstadt vorsieht. Hier soll ein Baustein entstehen, der Besucher in unsere Innenstadt bringen und diese, besonders Marktplatz und Stuttgarter Straße, stärken soll. Das bestehende Gebäude sehen wir weder gestalterisch noch von der Erdgeschossnutzung als attraktiven Eingang zu den Köpfwiesen und ebenso wenig als Magnet für die Innenstadt.“

Die weitere Durcharbeitung des Köpfwiesenkonzeptes – einen Grundsatzbeschluss gebe es ja – erfordere auch eine detailliertere Planung. Beim bisherigen Stand sei es darum gegangen, grundsätzlich die Entwicklung zu klären und einen roten Faden hierfür zu entwickeln. Fischer: „Es ging noch nicht um einzelne Parzellen, Bäume und Wege.“ Daher habe man mit der Ausarbeitung der nächsten Stufe des Köpfwiesenkonzeptes so lange pausiert, „bis wir wissen, wie der ‚Haupteingang‘ (Enßle-Areal) aussehen wird. Danach soll der nächste Schritt erfolgen, parallel soll auch eine Bewerbung für eine Gartenschau erfolgen. Das Herz der Gartenschau wären die Köpfwiesen zusammen mit dem Bereich Egelsee“. Bei der Weiterentwicklung könne dann auch detaillierter geprüft werden, ob der Ansatz, in dem alten Backsteingebäude, in dem lange Jahre ein Gebrauchtmöbelmarkt untergebracht war, eine Gastronomie anzusiedeln, tatsächlich umsetzbar ist; die Idee sei jedenfalls in der Beratung begrüßt worden.

„Nochmals betonen möchten wir: Die historische Gartenstruktur in den Köpfwiesen ist auch uns – Verwaltung und Gemeinderat – wichtig! Deren Erhalt war und ist unser Ziel seit Beginn der Planungen für ein Köpfwiesenkonzept“, erklärt die Stadtsprecherin. Und weiter: „Unser Ziel ist es aber auch, die Innenstadt zu stärken, und wie so oft gilt es, zwischen zwei Zielen abzuwägen. Hier sind wir zu dem Ergebnis gekommen, dass es vertretbar ist, 1300 Quadratmeter aufzugeben, ohne die historische Gartenstruktur zu zerstören. Wir sind überzeugt: Gemeinsam können wir beide Ziele erreichen!“

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