Eine Epidemie so schlimm wie das Ulmensterben

Von Sabine Rücker Erstellt: 29. Oktober 2016
Eine Epidemie so schlimm  wie das Ulmensterben Ein Prachtexemplar einer Esche steht auf dem Auricher Bolzplatz. Foto: Rücker

Liebe Leser
die Esche ist ein bescheidener Zeitgenosse. Sie buhlt weder mit Blütenpracht noch mit Herbstfärbung um unsere Aufmerksamkeit. Erst durch eine Krankheit wurde die Baumart zum aktuellen Popstar unter den Gehölzen.

Die Esche ist zwar mit bis zu 40 Metern Höhe eine der höchstens heimischen Baumarten, aber im Grunde ihres Herzens ist sie ein Mauerblümchen. Fraxinus excelsior, so der schöne wissenschaftliche Name, wurde vom Laien in der Vergangenheit wenig Aufmerksamkeit zuteil.

Das war nicht immer so. Die alten Germanen wussten den Baum zu schätzen. „In der germanischen Mythologie spielt die Esche eine bedeutende Rolle“, berichtet die Schutzgemeinschaft Deutscher Wald. Demnach entstammten die ersten beiden Menschen der Sage nach aus einer Esche (Mann) und einer Ulme (Frau). Außerdem sei die Esche als „Weltenbaum“ (Yggdrasil) die Mitte des germanischen Universums, wie in den Überlieferungen der Edda aufgezeichnet ist. Der Baum, der Himmel und Erde zusammen– und damit die überschaubare Welt in Ordnung hält. Kollege Banholzer, dem Liebhaber martialischer Melodien, ist das im Gegensatz zu mir bekannt. Man lernt eben nie aus – auch nicht beim Death-Metal-Hören.

Die Esche war also durchaus eine Berühmtheit bei unseren Vorfahren. Man kann sich nur wundern, wieso der Baum so aus der öffentlichen Aufmerksamkeit gefallen ist. Eiche und Buche, klar, die kennt fast jeder. Ahorn und Birke sind vermutlich auch noch in den Hirnwindungen einiger Spaziergänger verankert. Aber die Esche?

Dabei wurzelt sie seit Millionen von Jahren im heimischen Erdreich, wurde zwar von der letzten Eiszeit gen Süden gedrängt, kehrte aber mit milderen Temperaturen wieder zurück. Ihr großer Konkurrent ist die Buche, und auch der Mensch machte es ihr mitunter schwer. Wie andere Baumarten auch musste die Esche im Mittelalter unter Brandrodungen leiden, mit denen die Menschen sich Platz für Äcker geschafft hatten. Doch die Esche boxte sich durch, nicht zuletzt nutzt sie die Ufer von Fließgewässern um zu wuchern und auch kalkhaltige Standorte sprechen ihr zu. Knapp fünf Prozent der Waldbäume im Ländle sind Eschen. Und wenn es ganz gut läuft, kann der Baum ein Alter von bis zu 300 Jahren erreichen.

Die Auricher können sich freuen, denn auf dem Bolzplatz am Kreuzbach steht eine prominente Esche als Solitärbaum. Jochen Boger, Amtsleiter der Technischen Dienste in Vaihingen, kann nach einem Blick ins Vaihinger Baumkataster sogar das geschätzte Pflanzjahr verkünden: 1930. Die schöne Esche ist einer von 5000 Bäumen, die für die Gesamtstadt innerorts erfasst sind, und für die noch mehr Daten notiert wurden: Höhe 23 Meter, Stammumfang 292 Zentimeter, Kronendurchmesser 18 Meter. Dieses Jahr sei sie wieder kontrolliert worden und als gesund befunden worden. Die Vitalität sei gut und es seien keine Maßnahmen nötig.

Die Gemeine Esche – sie ist so schön und doch so bescheiden. Unter anderem deshalb ist sie 2001 zum Baum des Jahres gewählt worden – um sie mal ins Scheinwerferlicht zu rücken. Eschenholz zählt seit langem zu den wertvollsten Hölzern des mitteleuropäischen Waldes, berichtet die Dr. Silvius Wodarz Stiftung in ihrer Begründung. Daher wird es forstlich zusammen mit anderen Baumarten auch als Edellaubholz bezeichnet. Die wichtigste Verwendung sei heute die Herstellung von Sportgeräten, Werkzeugstielen, Möbeln (Biegemöbel) und Deckfurnieren. „Beim Kauf von Gartengeräten sollten Sie auf den Eschenstiel achten – der hält wenigstens!“, rät Prof. Dr. Andreas Roloff für die Stiftung weiter.

Fraxinus excelsior ist ein wahrer Tausendsassa. Auch in der Viehhaltung und Heilkunde kann sie punkten. Da sie die Blätter im Herbst grün fallenlässt, wurden diese früher als Viehfutter geschätzt. Und bis heute sollen in den Alpen kranke Tiere mit Eschenblättern gesund gefüttert werden. Rheuma- und Gichtpatienten sollen von einem Tee aus den Blättern profitieren. „Zusammen mit Wacholderbeeren kann man aus Eschenblättern den Eschengeist herstellen“, schreibt Roloff zum Baum des Jahres 2001. Auch zum Bierbrauen sei die Esche geeignet. Doch damit nicht genug: Die abgeschabte Rinde junger Bäume wurde Fieberkranken als Tee eingeflößt. Aus jungen, noch klebrigen Blättern lassen sich anscheinend leckere Salate herstellen. Wenig bekannt sei die blutstillende Anwendung als Wundholz, indem man Schnittwunden bei der Ersten Hilfe mit frischen Eschenrindenstreifen verbindet. Schwarztee lässt sich in Notzeiten durch getrocknete und gestampfte Eschenblätter ersetzen. Eschenlaub in Schuhe gelegt, soll müden Füßen vorbeugen.

Ja Wahnsinn. Inzwischen rühren auch hiesige Förster die Werbetrommel für die Esche – und zwar als Brennholz. So rät beispielsweise die Mitgliederzeitschrift der Forstkammer Baden-Württemberg die Esche als Brennholz zu verkaufen. Ihr Brennwert stehe der Buche in nichts nach, sei aber billiger. Zudem verlässt die Esche diese Welt mit einem schönen Flammenbild – sie brennt gleichmäßig und ruhig ab.

Wieso soll das Eschenholz nun verstärkt die heimischen Öfen füllen? Weil ein relativ neues Leiden viele der Bäume dahinrafft, diese gefällt und vermarktet werden müssen. Ein unscheinbarer, aus Ostasien stammender Pilz, der inzwischen auf den Namen Hymenoscyphus fraxineus, Eschenstängelbecherchen, umgetauft wurde, infiziert die Blätter der Baumkronen, wächst in die Triebe ein und kann das Eschentriebsterben auslösen.

Fällt der Pilz mit seinen Sporen am Wurzelansatz ein, verursacht er mitunter Stammfußnekrosen, die als Einfallstor für andere Pilze dienen und den Baum ins Wanken bringen können. Im Jahr 2006 trat der Pilz laut der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt in Freiburg zum ersten Mal im Ländle auf. Das konnte anhand der Jahresringe von Kranken zurückverfolgt werden. Inzwischen würden ganze Bestände zusammenbrechen.

Eine Epidemie so schlimm wie das Ulmensterben

„Die Epidemie hat damit ein Ausmaß erreicht, wie es außer beim Ulmensterben noch bei keiner anderen Baumkrankheit in unseren Wäldern aufgetreten ist“, so die Forstexperten in ihrer Waldschutzinfo vom Juli. Im Moment gebe es eine kurze Atempause, da sich der Gesundheitszustand der Eschen etwas verbessert habe. Der extrem trockene Sommer 2015 hat dem feuchtigkeitsliebenden Erreger einen Strich durch die Rechnung gemacht. Die Experten gehen davon aus, dass innerhalb des kommenden Jahrzehnts etwa die Hälfte des Eschenvorrats genutzt werden muss oder absterben wird. Es gibt aber auch eine gute Nachricht: Manchen Bäumen kann der Pilz fast nichts anhaben, sie sind partiell resistent gegen diese Baumkrankheit. Es kommt noch besser: Diese Widerstandskraft liegt in den Genen. Somit kann auf kommende Eschengenerationen gehofft werden, die gegen den Pilz gerüstet sind. Doch der nächste Feind liegt schon auf der Lauer, wie Dr. Rasmus Enderle und Dr. Berthold Metzler in waldwissen.net schreiben. Es ist der Asisatische Eschenprachtkäfer, der von Moskau aus gen Westen vorrückt und schon in Nordamerika Millionen von Eschen gekillt hat. Doch hier haben findige Forscher der Pennsylvania State University ein Kampfmittel erprobt: das falsche Weibchen. Von drei Versionen war das einfachste aus dem 3D-Drucker. Dies wurde von den Prachtkäfermännchen verschmäht. Sie landeten nur auf präparierten toten Weibchen oder aufwendigen Nachbildungen mit Nanostrukturen zur Farbechtheit. Die guten Attrappen wurden mit einer Spannung von 4000 Volt verkabelt, was auch der heißeste Käfermann nicht unbeschadet überstehen kann. Hier unser VKZ-Tipp für paarungswillige Prachtkäfermännchen: Wenn Weibchen in der Esche locken, und gleich daneben Forscher hocken, dann lauert dort der Tod durch Strom, da helfen auch nicht viele Ohm. Und deshalb, liebes Käferlein, lass doch die Paarung lieber sein. Dann ist die Esche ziemlich froh, und – ich gesteh’s – ich ebenso.

Anregungen zur Serie per E-Mail an
s.ruecker@vkz.de

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