Die gute Seele mit dem leeren Kühlschrank

Schuldnerberaterin Heike Krieg schildert Fälle, in denen der Nothilfefonds benötigt wird

Von Sabine Rücker Erstellt: 30. November 2018
Die gute Seele mit dem leeren Kühlschrank Schuldnerberaterin Heike Krieg mit den Ordnern eines Klienten, die sie bearbeitet.    Foto: Rücker

Vielfältig und für jeden offen ist das Hilfsangebot in der Diakonischen Bezirksstelle Vaihingen. Egal ob bei der Schuldner-, Kurberatung oder einem der anderen Angebote: Alle Berater haben Zugriff auf den Nothilfefonds. Das Geld hat auch einer ehemaligen Krankenschwester geholfen.

Vaihingen. „Das ist eine Frau, die hat sich immer für andere aufgeopfert, eine Art gute Seele.“ So beschreibt Heike Krieg eine Klientin, die bei ihr in der Schuldnerberatung der Diakonischen Bezirksstelle Vaihingen Hilfe bekommen hat. Mehrere Kinder habe die Dame alleine großgezogen und dazu noch als Krankenschwester gearbeitet. „Ich habe wirklich Respekt vor der Frau“, sagt Krieg.

Die inzwischen 60 Jahre alte Frau M. habe „sich praktisch krank geschafft“. M. kaufte sich eine Eigentumswohnung, sei dann aber mit Ende 50 krank geworden. Eineinhalb Jahre gibt es Krankengeld, wer dann nicht gesund ist, rutscht in Hartz IV. Mittlerweile ist Frau M., die ein Leben lang als Krankenschwester geschafft habe, Rentnerin mit „sage und schreibe 800 Euro Rente, das reicht auch nicht zum Ratenzahlen“, erklärt Krieg. Dann ging’s an die Zwangsversteigerung, sagt die Sozialarbeiterin.

„Die Frau sagt zu mir: ,Wie soll ich die Wohnung verkaufen, wo soll ich denn dann hin?‘“, fährt Krieg fort. Für eine Zweizimmerwohnung würden um die 650 Euro Miete anfallen – das sei bei 800 Euro Rente nicht zu stemmen. Frau M. meldet sich längere Zeit nicht bei der Schuldnerberatung in der Heilbronner Straße. Die Klientin habe, wie viele andere Schuldner auch, den Anspruch, alles selber hinzukriegen. Sie habe mit den Gläubigern verhandelt und sich mit kleinen Raten durchgehangelt. Schließlich ruft sie doch bei Krieg an. „Sie hat so geweint, ich habe sie kaum verstanden“, erinnert sich die Sozialarbeiterin. Das Konto sei gesperrt gewesen, wo doch Frau M. dachte, jetzt mit der Rente, weg von Hartz IV, werde alles besser. „Ein Trugschluss“, sagt Krieg.

Eine Woche lang habe die Seniorin kein Geld und schließlich nichts mehr im Kühlschrank gehabt, verhandelte aber tapfer weiter mit der Bank. „Aber Frau M. hat nicht gewusst, wie’s geht“, so die Beraterin. „Da gibt es handfeste Gesetze, die kennt sie nicht. Sie hat erst in letzter Minute bei mir angerufen.“ Krieg stellt sofort die entsprechenden Pfändungsschutzanträge. Deren Bearbeitung bei Gericht dauert ein paar Tage. Diese Zeit konnte Frau M., die auch ihr kleines, heiß geliebtes Hundchen zu versorgen hat, mit 50 Euro aus dem Nothilfefonds überbrücken.

Dieser Nothilfefonds der Diakonischen Bezirksstelle Vaihingen, die Menschen aus Vaihingen, Sersheim, Eberdingen, Oberriexingen und Sachsenheim betreut, wird in diesem Jahr durch die Spenden der VKZ-Weihnachtsaktion unterstützt. Im vergangenen Jahr wurde in 418 Fällen Geld aus dem Nothilfefonds benötigt, insgesamt waren es rund 86 000 Euro, sagt Michael Marek, Geschäftsführer der Diakonischen Bezirksstelle Vaihingen. Rund die Hälfte dieser Summe wird aus Stiftungen und Fonds finanziert, die andere aus Spenden.

„Ich habe Menschen jeglichen Alters und jeglicher Schicht bei mir“, erzählt die Schuldnerberaterin. Mit Abstand der häufigste Grund, wieso jemand in die Schuldenfalle gerate, sei die Arbeitslosigkeit. „Da genügen mitunter zwei bis drei Monate“, wirft Marek ein.

„Das ist in unserer Häuslesbauer-Nation besonders fatal“, erklärt Krieg. Man habe sich darauf eingerichtet, dass das Gehalt kommt und die Raten fürs Haus bezahlt werden können. Das normale Arbeitslosengeld betrage dann nur noch rund zwei Drittel des Nettoeinkommens. Die zweithäufigste Ursache für Verschuldung sei Tod des Partners beziehungsweise Trennung oder Scheidung, gefolgt von Krankheit.

„Wir machen eine ganzheitliche Schuldnerberatung, das heißt, wir schauen uns an, von was lebt der Mensch, was hat er für Einnahmen und Ausgaben“, so Krieg. Dabei stelle sie oft fest, dass dieses Gefüge nicht im Lot ist. „Es bring ja nichts, jemanden in die Insolvenz zu schicken, wenn er immer neue Schulden macht.“ Bei den Gläubigern könne die Schuldnerberatung sehr gute Vergleiche erzielen, sodass diese teilweise auf 70 Prozent ihrer Forderungen verzichten. „Die Gläubiger wissen, dass wir sehr genau prüfen, was jemand leisten kann“, sagt Marek. Und diese Leistung werde dann auch eingefordert.

Auch einer 40-jährigen alleinerziehenden Mutter konnte geholfen werden, erzählt Michael Marek. Sie hatte unter 5000 Euro Schulden. „Sie hat gesagt, dass sie das schafft“, so Marek weiter. Die Schuldnerberatung habe mit den Gläubigern die Raten ausgehandelt. Ein Jahr lang lief das gut, doch dann sei eine kleine Forderung aufgetaucht, an welche die Alleinerziehende nicht mehr gedacht hatte. „Die Frau leistet wirklich viel und verdient wenig“, beschreibt Marek die Situation. „Dann haben wir gesagt, ok, die Raten sind bei ihr ausgereizt.“ Mit den Gläubigern wird ein Vergleich ausgehandelt und 180 Euro aus dem Nothilfefonds gezahlt. Das habe die Familie gerettet, sagt Marek.

Oft seien ihre Klienten Menschen, die ein Leben lang etwas geleistet haben, dann aber durch die Lebensumstände überschuldet dastehen, sagt Heike Krieg. Diese Lebensgeschichten rühren die Sozialarbeiterin trotz aller Professionalität und nach 30 Jahren im Beruf nach wie vor. Damals kam sie, frisch vom Studium, in die Diakonische Bezirksstelle Vaihingen und hat dort ab 2001 die Schuldnerberatung mit aufgebaut. „Ich habe den schönsten Beruf der Welt, ich darf Menschen helfen“, sagt Heike Krieg. In ihrem Büro warten derweil unter anderem drei Aktenordner mit Rechnungen, die ein Klient am Vortag abgegeben hatte. Die gilt es zu sichten und zu sortieren.

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