„Auf dieses Einbinden warten die Bürger“

Vaihinger Initiative Bürger-Gärten-Bewegung berichtet von Treffen – Bei Köpfwiesen und Enßleareal stehe sehr viel auf dem Spiel

Erstellt: 18. Juli 2017
„Auf dieses Einbinden warten die Bürger“ Das Enßle-Gebäude heute, vom Köpfwiesenparkhaus aus fotografiert. Foto: Rücker

In ganz unterschiedlichen Gruppierungen und Zusammensetzungen treffen sich in diesen Tagen immer wieder Bürger der Stadt Vaihingen, die sich mit der geplanten Umgestaltung im Bereich Enßleareal und Köpfwiesen nicht abfinden wollen. So auch in der vergangenen Woche, wo im vollbesetzten Theater Dimbeldu in der Auricher Straße Bürger ihrem Ärger heftig Luft verschafften, berichtet die BGB.

Vaihingen (gar). „Es geht nicht darum, dass man Verwaltung und Gemeinderat die Kompetenz vernünftiger Planung absprechen will, sondern es geht darum, dass die Beteiligung der Bürgerschaft und angemessene Information nur sehr spärlich angestrebt wurde“, heißt es in einem Bericht der noch jungen Bürger-Gärten-Bewegung, kurz BGB, zu der Veranstaltung im Theater Dimbeldu.

So sei zum Beispiel am 25. September 2014 die Bevölkerung von der Stadtverwaltung in den Löwensaal eingeladen worden, um über die ins Auge gefassten Möglichkeiten, die sich in den Köpfwiesen ergeben, zu informieren. Damals war die sich anschließende Diskussion von verschiedenen Ideen und Aussagen der Bürger geprägt.

Es wurde über einen Stadtpark, über Kleingärten über die Durchgängigkeit des Köpfwiesen-Mittelwegs, bis hin zu einem Brückenschlag vom Enzdamm auf die Häcker-Leimfabrikseite gesprochen. „Unstrittig war der Erhalt der Bürgergärten in ihrer derzeitigen Ausdehnung“, schreibt die BGB weiter in ihrer Mitteilung.

Am Ende der Veranstaltung seien die Bürger mit den Worten verabschiedet worden, sich nach Rücksprache mit den Gartenbesitzern und dem eventuellen Kauf oder Tausch einiger Gärten, wieder im Löwensaal zu treffen, um dann über die daraus resultierenden Ergebnisse zu berichten. Dieses Einbinden und Mitnehmen in demokratische Entscheidungsfindungen sei von allen Beteiligten erwünscht gewesen und als sinnvolle Möglichkeit gesehen worden, „diese Stadt im Sinne aller Einwohner zu gestalten. Wie Entwicklungen in Kommunen laufen, die dies nicht berücksichtigt haben, war überdeutlich zu spüren“, lässt die BGB weiter wissen.

„Auf dieses Einbinden und auf eine weitere Informationsveranstaltung warten die Bürgerinnen und Bürger bis auf den heutigen Tag. Im Gegenteil, Verwaltung und Gemeinderat haben klare Fakten geschaffen, der Beschluss steht, unumkehrbar und ohne Beteiligung der Bevölkerung“, so die Aktivisten, die sich für den Erhalt der Bürgergärten einsetzen, weiter.

Ein zweites Projekt habe etwa parallel zu dem ersten im Raum gestanden: der Kauf und die Überplanung des Enßle-Areals.

Eigentlich sei dies gekauft worden, um das Technische Rathaus im bestehenden Bau unterzubringen und im Zusammenhang mit dem in den Köpfwiesengärten liegenden Backsteinbau ein sinnvolles Areal zusammenzubinden, zum Beispiel den Backsteinbau einer gastronomischen Nutzung zuzuführen.

„Dies alles war zunächst im Sinne aller Beteiligten. Alles schien einem logischen Konzept hinsichtlich einer natürlichen Weiterentwicklung der Bürgergärten und seiner Umgebung zu folgen. Selbst einem, bis dahin noch nicht bekannten dritten Projekt Gartenschau, würden diese Planungen dienlich zur Seite zu stehen. Doch es kam anders“, schreibt die BGB.

Das Technische Rathaus sei für Rat und Verwaltung nicht mehr darstellbar gewesen, Planungen zum Abriss der Backstein-Gerberfabrik kamen auf den Tisch. Eine Alternativplanung mit dem bestehenden Gebäude sei offensichtlich nicht erarbeitet worden oder der Allgemeinheit nicht bekannt. Ein Verschieben, Erhöhen und Verbreitern, Ausdehnen des Gebäudes sei plötzlich im Gespräch gewesen.

Wohnen, einkaufen und parken schienen der Hoffnung auf eine belebtere Innenstadt Flügel zu verleihen, heißt es von der BGB weiter. Ein elfjähriges Gutachten und ein noch älteres Magnetdenken lägen diesem Unterfangen zu Grunde. Beides sei laut dem erstellenden Gutachterbüro Acocella heute offensichtlich und nachvollziehbar so nicht mehr gültig.

Die Gemeinde habe zunächst drei Köpfwiesengärten erstanden, ursprünglich für das erste Projekt gedacht, oder gekauft unter dem Aspekt, das ganze Areal, drei Gärten und Enßleareal in ein ganz neues Projekt einzubinden. Hintergrund dieses Denkens bei Verwaltung und Gemeinderat sei wohl gewesen, „dass dann das Ganze lukrativer und finanziell besser zu vermarkten sein könnte. Natürlich zum Wohl der ganzen Stadt“, vermutet die BGB.

„Dass dies die Bevölkerung nachvollziehen könnte, da war man dann doch nicht so sicher, und so hat man in teils öffentlichen und teils nichtöffentlichen Sitzungen das Projekt rasch vorangetrieben, alles nach Recht und Verwaltungsvorschriften, aber doch sehr seltsam ohne Beteiligung der Bevölkerung. Nach dem vorbildlichen öffentlichen Vorstellen im September 2014 ist nachvollziehbar, dass jetzt die Meinung der Bevölkerung eher hinderlich ist, die nächste Sitzung in dieser Sache ist am 22. Juli, natürlich konsequent ‚nichtöffentlich‘“, lässt die Bürger-Gärten-Bewegung wissen. Dabei werde von Verwaltung und Gemeinderat etwas Wichtiges unterschätzt. Man könne nicht „bei unwesentlichen und noch unklaren Entwicklungsmöglichkeiten die Bevölkerung einbinden, quasi ruhig stellen, und bei wichtigen Dingen verhandelt man dies meistens hinter verschlossenen Türen“.

Eine ganz neue Perspektive habe sich nun mit dem Antrag auf eine Gartenschau aufgetan. „Wie aber soll dem Bürger nun glaubhaft vermittelt werden, dass eine Gartenschau, Euphorie und flammende Beteiligung vorausgesetzt, von Erfolg gekrönt sein kann, wenn man sie auf dem Weg dorthin mit seltsamen Entscheidungen und eindeutig störenden Bauentwicklungen für eine mögliche Gartenschau düpiert?“, fragt die BGB weiter.

„Jetzt noch schnell etwas in Beton umsetzen, bevor die Möglichkeit einer Gartenschau entschieden ist. Das ganze Areal liegt schon Jahre brach, es ist nicht nachvollziehbar, wieso man die Entscheidung des Landwirtschaftministeriums in Sachen Gartenschau nicht noch abwarten könnte“, urteilt die BGB in ihrer Mitteilung.

Auf völliges Unverständnis sei bei den Anwesenden im Theater der Gedanke eines für die Innenstadt kaufkraftförderndes Areal zu gestalten gestoßen. Wohnen, einkaufen und parken an diesem Standort bedeute nicht nur Flächenversiegelung, sondern auch das scheibchenweise Sterben einer 700 Jahre alten Kulturlandschaft und die BGB fragt: „Wo sind die Pläne für die Kleinteiligkeit (Nutzung der Gärten durch Eigentümer und Pächter), Entstehung eines kleinen öffentlichen Parks, die teilweise Nutzung für alle Bürger?“

Wieso dieses Areal eine Magnetwirkung haben soll, laute weiterhin eine der Fragen. „Höchstens, dass man dort parkt, einkauft, und dann in den Osten zu den Bau- und Supermärkten fährt“, gibt sich die BGB selbst zur Antwort.

„Hier ist eine behutsame Stadtentwicklung gefragt, mit dem Wissen, das wir jetzt haben, mit Amazon und Google und Internetkaufbestellungen im Hinterkopf“, heißt es weiter und: „Es wäre doch töricht, wegen drei überbauten Gärten und einem von wenigen geliebten Großbau auf dem Enßleareal das Engagement der Bürgerinnen und Bürger aufs Spiel zu setzen!“

Vaihingen sei seit Jahren erfolgreich als „Fairtrade-Stadt“ unterwegs, werbe mit Streuobstwiesen-Apfelschorle, mit dem sommerlichen Sandkasten, mit bürgerschaftlichem Engagement bei Festen und Führungen in der Stadt und auf der Enz und einem hilfreichen sozialen bürgerlichen Umfeld. „Wollen wir wirklich, dass auch dieses Gebiet mit bauklotzartigen Gebäuden zementiert wird?“, so die BGB.

Es gehe nicht nur um drei Bürgergärten und deren Pächter samt ihrer Tomatenstöckle, da seien sich alle Anwesenden einig gewesen, es gehe um ein gemeinschaftliches Miteinander in dieser sensiblen Zone.

Es gehe um eine lebens- und liebenswerte Stadt Vaihingen, und dazu bedürfe es der Mitwirkung aller Bürger von Aurich, Ensingen, Enzweihingen, Gündelbach, Kleinglattbach, Horrheim, Roßwag bis Riet. Da seien alle Einwohner gefragt und sollten entsprechend beteiligt werden, denn nur dann könne Gemeinschaft gelingen.

„Es geht um Projekte wie die Gartenschau und wie andere Vorzeigeprojekte, um zu zeigen, was alles durch bürgerschaftliches Engagement erreicht werden kann, und dazu braucht es eine Verwaltung und einen Gemeinderat der offene Ohren hat und sich sinnvollen Argumenten nicht verschließt“, schlussfolgert die BGB in ihrer Mitteilung.

Heute (18. Juli) findet um 19 Uhr mit Andreas Schuller ein Spaziergang durch die Köpfwiesen mit anschließendem Gespräch im Enßle-Gebäude für Gemeinderäte und sonstige Interessierte statt. Treffpunkt: auf dem Parkplatz am Enßle-Gebäude.

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