Auf den Greifarm folgt der Lachanfall

Der Abendspaziergang des Enzweihinger Dorfladens ist wieder einmal ausgebucht – Eine erneute Auflage ist in Planung

Von Claudia Maria Rostek Erstellt: 21. Juni 2016
Auf den Greifarm folgt der Lachanfall Daniela Brieger-Müller zeigt den Besuchern, wie sie dem Computer mitteilt, welches Medikament der Kunde braucht. Fotos: Rostek

Die Abendspaziergänge des Enzweihinger Dorfladens entwickeln sich mehr und mehr zur Erfolgsgeschichte. Am Freitag fand der Blick hinter die Kulissen der hiesigen Läden und Einrichtungen zum dritten Mal statt. Wie schon bei den beiden Malen zuvor war die Veranstaltung ausgebucht.

Enzweihingen. Die Idee ist simpel: In Kleingruppen besucht man abends verschiedene Läden und Geschäfte und lässt sich von den Inhabern und Mitarbeitern den Arbeitsalltag zeigen. Bei den ersten beiden Abendspaziergängen hatten die Teilnehmer unter anderem im Lebensmittelladen Nano, bei Schreibwaren Karamanlidis, bei der Enzweihinger Mühle und der Metzgerei Flurer vorbeigeschaut. Diesmal standen die Bücherei, die Enz-Apotheke und das Zentrum für Kreativität und Meditation (Kreme) auf dem Programm. Das Interesse ist ungebrochen: Alle 40 Plätze waren auch diesmal ausgebucht.

Mit Ruhm bekleckern möchte man sich beim Dorfladen aber nicht. „Die Idee stammt nicht von uns. Die Idee kommt aus Markgröningen“, stellte Monika Bräuninger vom Beirat des Dorfladens uneigennützig klar. Ursprung hin oder her: In Enzweihingen kommt das Konzept bestens an. Am Freitag war manch ein Besucher des Abendspaziergangs bereits zum dritten Mal dabei.

Dreimal täglich wird die Enz-Apotheke beliefert

Damit in den Läden keine Enge entsteht, wurden die Teilnehmer in vier Gruppen aufgeteilt. Für die Gruppe um Monika Bräuninger begann der Spaziergang in der Enz-Apotheke, wo Daniela Brieger-Müller die abendlichen Gäste in Staunen versetzte. Die Apothekerin nahm die Besucher mit hinter die Bedientheke und dann in die Räume hinter dem Verkaufsraum. Besonders beeindruckend: das automatische Lagersystem. Über sieben Meter erstreckt sich das Lager, das im Rücken der Bedientheke liegt. Schachteln über Schachteln liegen scheinbar quer verteilt.

Und der Eindruck täuscht nicht. Die Medikamente sind nach einem sogenannten chaotischen System geordnet. Statt dass Kopfschmerztabletten bei Kopfschmerztabletten liegen, ordnet ein Computer die Packungen so an, dass der Raum platzoptimiert ausgenutzt wird und just jene Medikamente im vorderen Bereich liegen, die häufig nachgefragt werden. Endloses Packungen-Suchen bleibt den Mitarbeitern der Apotheke aber erspart. Diesen Job erledigt ein Greifarm. Der computergesteuerte Arm holt sich exakt jenes Medikament, das Brieger-Müller oder einer ihrer Mitarbeiter zuvor ausgewählt haben.

Auch die Zahl der bei Apothekern gelisteten Positionen – also Medikamente und Hilfsmittel wie Verbandsstoffe – beeindruckt die Besucher. Es gibt 25 000 Artikel, teilt Brieger-Müller mit.

Dass eine Apotheke wie die in Enzweihingen nicht alle 25 000 Produkte vorrätig haben kann, versteht sich von selbst. Um die Kunden dennoch zeitnah mit Medikament versorgen zu können, wird der Enzweihinger Laden dreimal täglich und einmal über Nacht beliefert. „Wenn ich Notdienst habe und nachts die neue Ware kommt, schrecke ich manchmal ganz schön hoch“, plauderte Brieger-Müller aus dem Nähkästchen.

Die nächste Station war die Bücherei. Lucia Häcker stand hier den Besuchern Rede und Antwort. Staunen war auch hier angesagt. Die gelernte Bibliothekarin hat ein jährliches Budget von 1200 Euro. Wie man mit diesem Geld so viele Bücher und CDs besorgen könne, wollten die Gäste wissen. Häcker: „Das Geheimnis liegt darin, gebrauchte Bücher zu kaufen.“ Auf diese Weise schafft es die Bücherei-Mitarbeiterin, 800 Medien jährlich anzuschaffen. Wer mag, kann gerne aussortierte Bücher bei ihr abgeben. „Bevor Sie sie rausschmeißen, bringen Sie sie mir“, bat sie die Gäste.

Die Ausleihstation ist bei den jungen Leseratten beliebt. Wenn sie von der Schule nach Hause kommen, machen sie gerne noch einen Abstecher in das alte Gebäude. 2008 verbuchte Häcker rund 12 000 Ausleihen bei einer Vier-Stunden-Woche. 2013 hatte die Bücherei an sechs Stunden in der Woche geöffnet und die Zahl der Ausleihen stieg auf rund 22 800. Im vergangenen Jahr wurde abermals aufgestockt. 2015 hatte der Laden an acht Stunden geöffnet und es wurden 25 400 Medien ausgeliehen. Neben dem breiten Angebot ist es wohl auch die sogenannte Bücherleiter, die Kinder zum Lesen animiert. Wer acht Bücher pro Jahr liest und ausgewählte Fragen zu den Büchern beantworten kann, klettert auf der Leiter empor.

Weiter ging die Reise zum Zentrum für Kreativität und Meditation (Kreme), wo Renate Quiring und Gesine Hanson auf die Besucher warteten. „Es geht bei uns nicht darum, ein tolles Bild zu malen und das übers Sofa zu hängen. Es geht darum, sich auf das Malen einzulassen, Freude daran zu haben und die Angst vorm leeren Blatt zu überwinden“, sagte Hanson.

Ihrer Kreativität konnten die Gäste dann auch freien Lauf lassen. Nach einer kurzen szenischen Einführung, in der sich die Spaziergänger fühlen sollten, als ob sie sich im Wasser befinden und ein Fisch an ihnen vorbeizieht, ging es an die Farben. Die Aufgabe: Jeder sollte den Fisch, der eben noch vor seinem geistigen Auge geschwommen ist, zu Papier bringen. „Ich weiß nicht, wie meiner aussah. Mein Fisch ist hinter meinem Rücken vorbeigeschwommen“, witzelte ein Mann. Doch das Ergebnis kann sich sehen lassen. Quiring und Hanson klebten am Ende des Abends alle gemalten Fische auf ein großes blaues Papier. Fertig ist das Enzweihinger Meer.

Für entspannende und befreiende Momente hatte kurz zuvor Renate Quiring gesorgt. Sie animierte die Besucher dazu, einfach mal grundlos loszulachen. Das ganze endete in einem rund zweiminütigen Lachanfall, der manch einem die Tränen in die Augen trieb.

Der Abschluss des Spaziergangs fand im Dorfladen statt. Der Vaihinger Imker Gerhard Haffner erwartete dort die Besucher, und berichtete ihnen von Bienen und Honig. Zum Dorfladen hat er eine besondere Bindung. Schließlich beliefert er den Laden. „Ich schätze das Konzept des Dorfladens ungemein“, ließ er wissen. Ein vierter Abendspaziergang ist in Planung. Wann er stattfindet, steht aber noch nicht fest.

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