Schillers Tell im Technologiepark

Theater unter der Dauseck aus Oberriexingen will mit klassischer Literaturgeschichte in Marbach neue Höhen erklimmen

Von Vera Gergen Erstellt: 16. Juni 2016
Schillers Tell im Technologiepark Die Wäldler mit Schauspieltrainerin Elif Veyisoglu in Aktion. Fotos: Gergen

Ortstermin Energie- und Technologiepark Marbach: Das Theater unter der Dauseck (TudD) aus Oberriexingen hat zum Probenbesuch seiner aktuellen Inszenierung eingeladen, die am 1. Juli Premiere feiert.

Marbach. Auch 2016 wartet das vielfach prämierte, weit über die Region hinaus bekannte Amateurensemble mit einem außergewöhnlichen Theaterspaziergang auf. Vor beeindruckender Kraftwerkskulisse wird ein nicht minder imposanter Stoff präsentiert: Schillers Tell.

Christine Gnann, die bereits zum neunten Mal für das TudD Regie führt, ist wie eine Katze auf dem Sprung, will sie doch die derzeit seltene Regenpause lieber für die anstehende Szenenarbeit als für Pressefragen nutzen. Trotzdem gewährt sie eine kurze Runde und erklärt, wie man zum diesjährigen Stück gekommen ist: „Wir sind jedes Jahr auf der Suche nach einem besonderen Ort. Man will immer etwas anderes und unser Produktionsleiter Bernd Schlegel hat dann die Kraftwerkstürme hier am Neckar entdeckt. Als wir die Fluchten, die Tiefen und Höhen beim Wasser gesehen haben, hat das sofort Assoziationen ausgelöst – das Oben und Unten als Sinnbild von Macht und Unterdrückung bei Tell. Schiller passt natürlich auch zu Marbach.“ Allerdings habe man seinen Text entschlankt und jetzt eine eigene Fassung als grobe Essenz ohne Adelsgeschichte. „Die konzentriert sich auf den Gedanken, was passieren muss, damit ein Privatmensch zum politisch Agierenden wird. Denn es ist ja augenfällig, dass Tell in die Geschichte hineingezogen wird. So liegt unser Hauptaugenmerk auf dem friedliebenden Volk, das gequält und unterdrückt wird, und darauf, was die Leute tun, um sich zu wehren. Aus ganz persönlicher Drangsal löst ein Einzelner schließlich diesen Konflikt aus Willkür und Ohnmacht, aber in einer Form, die schon auch moralisch fragwürdig ist“, so Gnann.

Sicherheitsaspekt auf dem Kraftwerksgelände

Von den 15 Szenen des Originals bleiben beim Theaterspaziergang des TudD neun übrig, die an acht verschiedenen Stationen allesamt im Außenbereich gespielt werden. „Ich wollte diesmal unbedingt raus. Außerdem ist es in den Gebäuden wegen der konstanten Turbinengeräusche akustisch problematisch“, erklärt Gnann und fährt begeistert fort: „Noch nie hatten wir eine solche Vielseitigkeit der Spielorte mit Distanz, Nähe oder Höhe. Hier braucht man keine Bühnen zu schaffen, die bietet das Gelände von alleine.“ Mit Unterstützung von Marbachs Bürgermeister Jan Trost sei es relativ schnell gelungen, von der EnBW als Eigentümer grünes Licht zu erhalten, freut sich die Regisseurin. Natürlich sei der Sicherheitsaspekt auf dem Kraftwerksgelände sehr wichtig. Deshalb trage jeder Spieler einen personifizierten Chip, mit dem man seinen genauen Aufenthalt jederzeit ermitteln könne. Auch die Besucher – zwischen 120 und 140 pro Vorstellung – würden einzeln am Werkstor registriert, damit im Notfall jeder schnell auffindbar sei.

Doch nochmal zurück zum Stück. Auf die Frage nach besonderen Schwierigkeiten gibt Christine Gnann zu, dass alle es als große Herausforderung angesehen hätten, sich erstmals mit einem gebundenen, klassischen Text auseinanderzusetzen. Denn bisher hatte Autorin Barbara Schüßler stets die passenden Worte für die Eigenproduktionen geliefert. „Ich möchte, dass sich die Leute mit dem Versmaß befassen. Der Text ist ja von einem Schwaben geschrieben und eigentlich auch für Laien gut sprechbar“, äußert sich Gnann weiter und leitet dann über zu Kulissen und Kostümen. Um die dauerhafte Aktualität des Themas Machtmissbrauch und Unterdrückung zu verdeutlichen, habe sich Judith Philipp, die erneut das Ausstattungskonzept verantwortet, sowohl für zeitgenössische als auch zeitlose Elemente entschieden. So dient als moderne Kulisse beispielsweise ein Kübelwagen, während die Kostümschnitte auf alten, bis heute gültigen Trachten verschiedener Länder basieren. Diese werden derzeit von Judiths Mutter Felizitas Philipp für die Mimen maßgeschneidert. Dabei herrschen drei Farben vor: Beige-Weiß für die Bergler, Grün für die Wäldler und Blau für die Seeler. Die Unterscheidung dieser drei Volksgruppen wiederholt sich in den Instrumenten des Chores, der die Rolle des Erzählers übernimmt und die Zuschauer von einem Ort zum nächsten führt. Unterlegt wird sein Sprechgesang von einer bedrohlich klingenden Kakophonie aus Horn, Quetsche und Flöte, die für Berg, See und Wald stehen. Während Christine Gnann noch erklärt, hält Schauspieltrainerin Elif Veyisoglu die Fäden für die aktuellen Proben in der Hand. Diese haben im April begonnen und sich mittlerweile auf zwei bis drei Abende in der Woche gesteigert, wie Gudrun Zenker aus Eberdingen berichtet. Sie ist schon ein „alter Hase“ beim TudD und eine von 30 Darstellern, die tagsüber ihrer eigentlichen Beschäftigung nachgehen und sich erst nach Feierabend in Schauspieler verwandeln.

Zu den „Frischlingen“ zählt dagegen Paula Braden aus Marbach, mit gerade mal neun Jahren die Jüngste, während Heinrich Geyer aus Sachsenheim mit 76 den Altersrekord im Ensemble hält. So verspricht auch dieser Theaterspaziergang ein unvergessliches, generationenübergreifendes Erlebnis dank extrem motivierter Akteure, einer außergewöhnlichen Kulisse mit regionalem Bezug und dem packenden Stoff deutscher Literaturgeschichte mit einem bis heute höchst aktuellen Thema.

Öffentliche Hauptprobe: Mi, 29. Juni. Premiere: Fr, 1. Juli (ausverkauft). Spieltermine: Sa, 2. Juli/So, 3. Juli. Fr, 8. Juli/Sa, 9. Juli/So, 10. Juli. Fr, 15. Juli/Sa, 16. Juli/So, 17. Juli. Fr, 22. Juli/Sa, 23. Juli/So, 24. Juli. Fr, 29. Juli/Sa, 30. Juli/So, 31. Juli. Spielbeginn ist Freitag und Samstag um 20 Uhr, Sonntag um 18 Uhr. Kassenöffnung und Bewirtung ist jeweils eine Stunde vor Beginn sowie im Anschluss. Karten sind zu 19 Euro für Erwachsene und acht Euro für Schüler erhältlich. Die Vorstellung ist für Rollstuhlfahrer geeignet, teilweise werden Sitzmöglichkeiten angeboten. Weitere Infos unter www.theater-dauseck.de oder Kartentelefon 0 71 41 /93 90 936. Restkarten können jeweils zwei Stunden vor Spielbeginn unter Telefon 01 62 / 70 77 879 nachgefragt werden.

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