Haas wird in Schwieberdingen ausgebuht

Laut Gutachten stellen die bisher gelagerten freigemessenen Abfälle kein Problem dar – Nächste Woche Infoveranstaltung in Horrheim

Von Claudia Maria Rostek Erstellt: 3. Dezember 2016

Der Ludwigsburger Landrat Dr. Rainer Haas hat stets betont, erst dann öffentlich zu reden, wenn das Gutachten zum Thema freigemessene Abfälle vorliegt. Nun liegt es vor und er hat gesprochen. Leichtes Spiel hatte er nicht. Bei der Infoveranstaltung am Donnerstag in Schwieberdingen wurde er ausgebuht und hämisch belacht.

Schwieberdingen/Horrheim. Nach gut zwei Stunden Information und Diskussion sah sich Haas gezwungen, Tacheles zu reden: „Ich fühle mich in der Diskussion fehl am Platz. Ich will nicht über Düngesäcke reden. Meine Denkweise ist eine andere. Wir haben die Pflicht, Abfälle aus dem Landkreis zu entsorgen und diese müssen den gesetzlichen Regeln entsprechen.“ Vorausgegangen waren zahlreiche Stellungnahmen zum Thema freigemessene Abfälle aus dem AKW Neckarwestheim, die auf den Deponien in Schwieberdingen und Horrheim entsorgt werden sollen (die VKZ hat mehrfach berichtet) sowie die Vorstellung des Gutachtens über die freigemessenen Abfälle aus Karlsruhe, die auf der Deponie Froschgraben bereits entsorgt worden sind. Letzteres präsentierte Christian Küppers vom Öko-Institut e.V.. Das Ergebnis gleich vorneweg: Die Strahlenwerte, die im Umfeld der Schwieberdinger Deponie gemessen wurden, liegen laut Gutachten nicht nur im gewöhnlichen Bereich, sie sind dort sogar niedriger als anderen Stellen im Ort. Auf den umliegenden Äckern etwa. Dort seien die Strahlenwerte höher. Noch mehr Strahlung wurde sogar am Marktplatz festgestellt. Laut Küppers liege das an den dort vorkommenden Steinen, sprich an deren natürlicher Strahlung. Einzig die im Sickerwasser leicht erhöhte Tritiumkonzentration könnte aus den Abfällen aus der Wiederaufbereitungsanlage Karlsruhe resultieren. Grund zur Beunruhigung gäbe es dadurch aber nicht. Dennoch wolle man das Sickerwasser zukünftig radiologisch untersuchen. Als Sicherheitsmaßnahme quasi, so die Experten.

Franz Borrmann, der das Gutachten im Auftrag der Gemeinde Schwieberdingen bewertete, kam ebenfalls zu einem positiven Ergebnis: „Es gibt keine Anzeichen, die zu einer Überschreitung der Grenzwerte führen.“ Auch Haas zog ein positives Fazit unter seine Begrüßungsworte: „Ich kann Ihnen versichern, dass durch die 150 Tonnen keine Auswirkungen auf die Bevölkerung zu erwarten sind.“ Mit den 150 Tonnen meinte er den freigemessenen Bauschutt aus der Wiederaufbereitungsanlage Karlsruhe, der bereits in den zurückliegenden Jahren nach Schwieberdingen gebracht worden war.

Es sind Worte, die auf den neutralen Beobachter beruhigend wirken. In der Schwieberdinger Festhalle, wo unter den mehr als 250 Zuhörern auch Bürger aus Schützingen und Vaihingen saßen, ließ man sich am Donnerstag damit aber nicht besänftigen. Das Vertrauen in die AVL und den Landkreis ist zerrüttet. Nachdem jahrelang ohne Kenntnis der Bevölkerung Bauschutt aus Karlsruhe deponiert worden war, möchte man den Behörden nicht noch mal Glauben schenken. Hinzu kommen Pannen aus anderen Atomkraftwerken, etwa den gefälschten Sicherheitsprüfungen in Philippsburg, die das Vertrauen bei AKW-Angelgenheiten erschweren.

Und so kam es, dass Fragen doppelt und dreifach gestellt wurden. Mit den Antworten der Podiumsteilnehmer gaben sich die Fragensteller nicht zufrieden. Mehrfach wurde gefragt, warum der Bauschutt nicht in Neckarwestheim bleibe. „Schließlich ist es der Bauschutt der EnBW, dann soll sie ihn auch entsorgen“ und „dort ist es am sichersten“, lauteten die Argumente. Gerrit Niehaus vom baden-württembergischen Umweltministerium erklärte mehrfach, dass es Ziel der Politik sei, die Atomkraftwerke abzubauen. „Wir wollen, dass die Anlage beseitigt wird. Und zwar so, dass dort später sogar mal eine grüne Wiese entstehen kann“, erklärte er und erntete dafür Gelächter. „Zum Ausstieg gehört es dazu, dass man Anlagen auf rechtmäßigem Weg beseitigt“, so Niehaus. Landrat Haas ergänzte, dass eben genau das Sinn der Abfallwirtschaft sei, dass eben nicht jeder auf seinem eigenen Grundstück Müll entsorge, sondern die Mülldeponierung in geregelten Bahnen ablaufe.

Um das Publikum zu beruhigen, versuchte Niehaus mehrfach zu verdeutlichen, dass man auch ohne freigemessenen Bauschutt mit Strahlung in Berührung komme. Als Veranschaulichung nannte er einen Sack mit Kunstdünger aus dem Baumarkt, der mehr strahle als freigemessener AKW-Bauschutt. Unterdessen reichte es dem Landrat und er formulierte den eingangs zitierten Satz. Und an Dr. Dierk-Christian Vogt von der Schwieberdinger Interessengemeinschaft gerichtet, sagte er: „Sie lassen keinen Moment aus, um die AVL schlecht darzustellen und Verdachtsmomente zu streuen.“ Vogt hatte eingangs klargemacht, dass er das Mikrosievert-Konzept, also jene Methode, nach denen Bauschutt als freigemessen oder nicht freigemessen deklariert wird, für nicht richtig hält. Wie schon bei Infoveranstaltung in Horrheim im Juni betonte er erneut, dass das Freimessverfahren umstritten ist.

Neben der Frage, warum der Bauschutt nicht direkt vor Ort entsorgt werde, gab es auch andere Diskussionspunkte. Eine Frau aus Schützingen wollte wissen, ob zukünftig auch Bauschutt aus anderen Atomkraftwerken nach Horrheim und Schwieberdingen kommen könnte. Haas verneinte dies deutlich. Man entsorge nur Müll, der aus dem eigenen Landkreis kommt (das AKW Neckarwestheim liegt zum Teil auf Gemarkung Gemmrigheim und damit im Landkreis Ludwigsburg, Anm. d. Red.). Damit käme auch kein weiteres AKW hinzu. Auch die Gerüchte, dass man in Heilbronn bereits Gespräche mit dem Landkreis Ludwigsburg führe, um dort womöglich auch Bauschutt aus dem Block 2 des GKN zu entsorgen, wies er entschieden zurück: „Wir sind keine Gesprächspartner für den Müll auf Gemarkung Heilbronn. Da dürfen Sie mich auch jederzeit daran erinnern, dass ich das hier gesagt habe.“

Sorgen gab es bezüglich Starkregenereignisse: „Könnte womöglich kontaminiertes Sickerwasser dann in größeren Mengen in den Ort gelangen?“, wollte ein Zuhörer wissen. Die Experten verneinten: Damit das Wasser kontaminiert werden könne, müsste es ja erst durch die Deponie sickern. Das sei bei Starkregenereignisse aber nicht der Fall. Den da würde das Wasser ja nicht einsickern, sondern direkt abfließen.

Während in Schwieberdingen Strahlenuntersuchungen auf Deponie, den umliegenden Äckern und am Schlosshof (Marktplatz) durchgeführt wurden, hat man in Horrheim anders gemessen: „Abweichend vom Schwieberdinger Messprogramm wurden auf Hinweis der Stadt Vaihingen Messungen in der Deponieumgebung nicht vorgenommen“, heißt es in einer AVL-Vorlage für die Sitzung des Aufsichtsrats nächste Woche.

Nächste Woche gibt es zu diesem Thema auch eine Infoveranstaltung in Horrheim. Diese findet am Dienstag (6. Dezember) um 19 Uhr in der Mettertalhalle in Horrheim statt. Neben Oberbürgermeister Gerd Maisch und Landrat Haas werden auch dort Vertreter des Umweltministeriums und des Öko-Instituts berichten.

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