Anlässlich des Geburtstages gibt es einen bestickten Ofenschirm

Zeitvertreib der Königin: Charlotte Mathilde von Württemberg stickt und malt.

Erstellt: 21. Januar 2021
Anlässlich des Geburtstages gibt  es einen bestickten Ofenschirm Künstlerisch-handwerklich begabt: Diese floralen Sofa-Bespannungen hat Königin Charlotte Mathilde selbst angefertigt. Fotos: SSG

Ludwigsburg (p). Die Musiker spielen gerade nicht und das Theater steht noch eine Weile still. Der nächste Verwandtenbesuch ist erst in einigen Wochen zu erwarten und eine unterhaltsame Reise – nächsten Sommer vielleicht? Was tun mit der ganzen Zeit? Adelige Damen waren in früheren Jahrhunderten auf stille Zeiten gut vorbereitet: Schon die kleinen Mädchen lernten als Teil der höfischen Erziehung anspruchsvolle Handarbeiten. Königin Charlotte Auguste Mathilde von Württemberg begeisterte sich für Sticken und Porzellanmalerei – und übte beides auf hohem künstlerischem Niveau aus. Am Ende ihres Lebens wohnte sie zurückgezogen als königliche Witwe in Schloss Ludwigsburg. Ihre Werke – heute zum großen Teil im Residenzschloss erhalten – lassen Rückschlüsse auf die außerordentliche Qualität ihres künstlerischen Unterrichts zu.

Es war üblich, adelige Töchter in Handarbeiten wie Sticken und Klöppeln zu unterrichten. Ihre Ausbildung diente weniger dazu, Gebrauchsgegenstände herzustellen: Diese Tätigkeiten galten vielmehr als Zeichen und Ausdruck weiblicher Tugend und Sittsamkeit. Am englischen Hof, wo Charlotte Auguste Mathilde 1766 als älteste Tochter des englischen Königs Georg III. und seiner Frau Sophie Charlotte von Mecklenburg-Strelitz geboren wurde, legte man großen Wert auf die künstlerische Bildung der Kinder. Charlotte Mathilde und ihre Geschwister erhielten Mal- und Zeichenunterricht bei den Hofmalern Paul Sandby, John Alexander Gresse und Benjamin West. Neben der Tier- und Blumenmalerei übten sie sich darin, die Werke ihrer Lehrer zu kopieren, aber auch die Gemälde italienischer und niederländischer Meister.

Das früheste noch erhaltene Stück, das Charlotte Mathilde, seit ihrer Heirat mit dem württembergischen Herrscher in den Schlössern von Stuttgart und Ludwigsburg zuhause, in ihrer neuen Heimat anfertigte, ist ein Ofenschirm. Sie bestickte ihn wahrscheinlich anlässlich des Geburtstages von Friedrich im Jahr 1798: Sein Geburtsdatum, der 6. November, ist darauf zu lesen. Die Stickereien zeigen Blumenmotive in unterschiedlichen Variationen. Die Königin orientierte sich, wie sie es als Kind gelernt hat, an Vorlagen aus dem 18. Jahrhundert, entwarf aber auch eigene Motive. Ihre Vorliebe für Blumenmotive geht vermutlich auf die englische Tradition der Blumendekorationen zurück.

Auch das Sticken hat in England eine besondere Tradition: Bereits die Königinnen Elisabeth I. und Maria Stuart übten das kreative Arbeiten mit Garn zum Zeitvertreib aus. Die qualitativ hochwertigsten Stücke, die von Charlotte Mathilde überliefert sind, gehören zu einer Sitzgarnitur, die für den Blauen Marmorsaal des Neuen Schlosses in Stuttgart gedacht war. Für zwei Sessel, vier Stühle und ein Sofa, vermutlich aus der Werkstatt des Hofschreiners Johannes Klinckerfuß, fertigte sie um 1807 die Bespannungen an: Auf blauem Satingrund sind in bunter Seidenstickerei locker zusammengefügte, nahezu naturalistische Blumenarrangements mit Rosen, Tulpen, Winden, Narzissen und anderen Blumen zu sehen. Diese Möbel waren jedoch nicht für den alltäglichen Gebrauch gedacht, sondern dienten zu Repräsentationszwecken. Die reichen Bronzebeschläge mit Löwen und Löwenköpfen sind als Symbol für die neuerworbene königliche Macht zu verstehen. König Friedrich I. von Württemberg wurde 1806 zum König ernannt.

Die zweite künstlerische Leidenschaft Charlotte Mathildes galt der Porzellanmalerei. In der Grisaille-Technik bemalte sie kleine und größere Porzellanplatten: Die Malereien in Grau, Weiß und Schwarz zierten zahlreiche Kommoden, Schreibschränke und Tische. Ein Großteil ihrer Arbeiten entstand zwischen 1810 und 1820 und wurde in der Ludwigsburger Porzellanmanufaktur gebrannt. Inspiriert von älteren Stichen niederländischer und englischer Künstler des 17. und 18. Jahrhunderts, setzte Charlotte Mathilde eigene Entwürfe um. Ihre Motive waren Tiergruppen, Jagdszenen, ländliche Idyllen und Blumengebinde. In der Zeit des Empirestils gibt es keine direkten Vergleichsbeispiele zu den künstlerischen Arbeiten der Königin.

„Ein Hauptschmuck dieser Gemächer aber ist, daß die herrlichen Stickereyen und Zeichnungen an Stühlen, Ruhebetten, Ofen- und Kaminschirmen meist von der Hand der Königin und zum Theil auch der königlichen Prinzessinnen sind“, beschreibt der württembergische Geograf und Statistiker Johann Daniel Georg Memminger 1817 das erste Kabinett in der Wohnung des Königs im Neuen Schloss Stuttgart.

Ab 1798 stattete das Königspaar auch Räume im Neuen Hauptbau des Residenzschlosses Ludwigsburg aus. Bis heute befinden sich dort einige der von der Königin kunstvoll verzierten Einrichtungsgegenstände – und sie sind fast durchweg über alle Zeiten hinweg wunderbar erhalten, die feinen Stoffbezüge ebenso wie die fragilen Porzellanmalereien. Aktuell werden die 56 Räume der königlichen Wohnungen umfassend restauriert; voraussichtlich 2023 werden sie im Originalzustand der Zeit vor 200 Jahren zu erleben sein.

Das Residenzschloss Ludwigsburg ist, wie alle Monumente der Staatlichen Schlösser und Gärten Baden-Württemberg, gemäß der Corona-Verordnung des Landes geschlossen.

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