Mit Volksnähe, Augenhöhe und Ökumene

Gemeinsamer Start, gemeinsames Aufhören: Nach 23 Jahren packt das Pfarrersehepaar Elke und Ulrich Gratz in Oberriexingen die Umzugskisten.

Von Vera Gergen Erstellt: 8. August 2020
Mit Volksnähe, Augenhöhe und Ökumene Für einen Plausch mit den Seniorinnen des Betreuten Wohnens nimmt sich Pfarrerin Elke Gratz stets Zeit. Fotos: Gergen

Oberriexingen. Am 11. Oktober werden sie zum Erntedankfest offiziell ihren letzten Gottesdienst in der Oberriexinger Georgskirche halten. Eine Woche zuvor ist die Verabschiedung coronabedingt in engstem Rahmen geplant. Danach werden Elke und Ulrich Gratz nach 23 Jahren die Umzugskisten packen und das Pfarrhaus für Renovierungsarbeiten räumen, bevor ihre Nachfolger Mitte nächsten Jahres das Amt übernehmen.

Für die Enzstadt und ihre Bürger – und zwar nicht nur für die evangelischen – ist das stets um Volksnähe, Weltoffenheit, Augenhöhe und Ökumene bestrebte Pfarrersehepaar zweifellos ein Glücksfall gewesen, wie viele aus der Einwohnerschaft auf Nachfrage bestätigen. Denn die beiden teilten sich zwar die Arbeitsstelle, strebten aber bei ihren vielfältigen Aufgaben stets danach, einhundert Prozent Einsatz zu erbringen. Zudem waren und sind sie beide Meister darin, Kontakte zu knüpfen, Beziehungen zu pflegen und Mitstreiter für wichtige Projekte in der Gemeinde zu gewinnen. Dies wurde nach mehreren Vorgängerwechseln innerhalb kurzer Zeit und angesichts der 1997 bestehenden strukturellen Missstände von den Oberriexingern dankbar mit großer Akzeptanz und Unterstützung gewürdigt.

Kennengelernt beim Skifahren

Von Anfang an ergänzte sich das Paar bei seiner Arbeit, startete gemeinsam und möchte deshalb auch zusammen aufhören. Kennengelernt hätten sie sich beim Skifahren mit dem evangelischen Landesjugendwerk, erfährt man im Gespräch. Beide waren nach dem Abitur beim DRK tätig. Dort habe er im Rettungsdienst die Wartezeit für das Medizinstudium überbrückt, so Ulrich Gratz. Als dann die Einschreibung kurz bevorstand, sei er schließlich doch seiner Frau zum Theologiestudium gefolgt. Immerhin habe er den Gedanken daran seit der Jungschar gehegt, aber stets zu großen Respekt vor dem Amt gehabt. „Ich habe mir das Arztsein ehrlich gesagt als die attraktivere Alternative vorgestellt, um Menschen zu helfen. Zum Beispiel Beerdigungen zu leiten, habe ich mir zunächst gar nicht zugetraut“, fügt er hinzu. Das musste er dann auch als Pfarrer in Oberriexingen nicht mehr allzu oft, denn diesen Seelsorgepart übernahm Elke Gratz und machte sich insbesondere nach einer Zusatzausbildung in der Trauerbegleitung einen Namen über die Gemeindegrenzen hinweg.

Durch ihre Vorgängerin, die das Kontaktstüble als Treffpunkt für Menschen mit seelischen Belastungen in Vaihingen aufgebaut hatte, kam sie außerdem sehr bald zur Diakoniearbeit und wurde Diakoniepfarrerin. Während sie vielen Betroffenen mit langem Atem zur Seite stand, übernahm ihr Mann mit der Verantwortung für die Notfallseelsorge im Landkreis die Akutbetreuung in Krisensituationen. Durch die enge Zusammenarbeit mit dem Rettungsdienst konnte er auf diese Weise seine Berufung doch noch mit dem ursprünglichen Berufswunsch verknüpfen.

Zuvor hätten sie beide im ersten Jahr ihres Dienstes aber erst einmal sehr viel Zeit in das Kennenlernen ihrer Schäfchen investiert, betont Ulrich Gratz, der sich anfänglich noch in Elternzeit befand. Damals habe seine Frau alle Senioren über 70 besucht, während er selbst sich bei den Konfirmandeneltern vorstellte und Mitglied im TSV wurde. „Das hat mir großen Spaß gemacht, ich habe ganz schnell ganz viele Menschen kennengelernt und wenn du bei den Montagsturnern akzeptiert bist, hast du schon viel im Ort gewonnen“, erklärt der 65-Jährige rückblickend. Das bestehende Netzwerk habe er als Geschenk empfunden, das er „dankbar angenommen und genutzt“ habe und das sich in den Folgejahren „als ungeheuer tragfähig“ erweisen sollte.

Denn recht schnell wurde klar, dass die Kirchengemeinde mit der dringend notwendigen Renovierung der Georgskirche einen Riesenberg zu bewältigen hatte und dies war nur gemeinsam zu stemmen. „Der absolute Höhepunkt war für mich dabei zu erleben, wie viele völlig verschiedene Menschen mit und ohne Konfession und Religion, aus allen Vereinen, Institutionen, Organisationen sich bei der Kirchenrenovierung und auch den anschließenden Bauvorhaben eingebracht haben“, freut sich Ulrich Gratz noch heute. So zählt er die gelungene, über dreijährige Renovierungszeit samt Wiedereinweihung zum 300-jährigen Jubiläum des Wiederaufbaus an Kirchweih 2007 zu den Höhepunkten seiner Amtszeit.

Derweil widmete sich Elke Gratz, der bis heute der Nachwuchs sehr am Herzen liegt, weiteren Projekten mit und für die Menschen vor Ort. Zusammen mit engagierten Müttern gründete sie die Ori-Kindertage, zunächst als ökumenische Kinderbibeltage, später – mit einem wachsenden Helferteam – als einwöchiges Sommerferiencamp mit durchschnittlich über 100 teilnehmenden Kindern pro Jahr. Unter ihrer Ägide entwickelte sich gemeinsam mit der Kindergartenfachberatung die Kindergartenarbeit ebenso wie ein funktionierender Büchereibetrieb weiter. Mit Grundschülern und Senioren sammelte sie die Geschichte(n) der Georgskirche zu einem kleinen Büchlein, dessen Verkaufserlös der Renovierung zugute kam. Sie bildete Vikare aus und organisierte und koordinierte mit Beginn der Flüchtlingswelle 2014 Asylkreise auf Bezirks- und Verbandsebene. Mit den Frauen der Gemeinde verbrachte sie inspirierende Klosterwochenenden und führte gemeinsam mit ihrem Mann mehrere interessante Gemeindereisen durch. „Mit denen konnten wir auch die mittlere Generation im Ort ansprechen. Wenn du mit den Leuten verreist, wird der Kontakt automatisch enger und das zahlt sich bei der Arbeit aus“, ergänzt Ulrich Gratz, der seinerseits das Männerforum als konfessionsunabhängige Austauschplattform ins Leben rief.

Die Nachfolge ist bereits geregelt

Schon bei der Einsetzung habe ihm der damalige Bürgermeister Willi Baur gesagt: „Die Oberriexinger sind aus keinem schlechten Holz – aber aus einem harten.“ Und Pfarrer Otto Schaaf – von 1956 bis 1960 in der Gemeinde tätig – habe festgestellt: „Oberriexinger Jahre zählen doppelt!“ Demnach haben die Jungsenioren ihren beruflichen Ruhestand wohl mehr als verdient, zumal sie die Nachfolge in besten Händen wissen. „Mit Daniela und Thorsten Kisser wurde ebenfalls ein stellenteilendes, junges Ehepaar gewählt. Das ist motiviert, engagiert und qualifiziert“, verrät Ulrich Gratz und erhält von seiner Frau Unterstützung, „Die beiden haben schon ganz viele Ideen und verschiedene Sachen auf die Beine gestellt. Da kommt echt was richtig Gutes!“ Auf die scheidenden Pfarrersleute wartet jetzt privat noch einiges an Arbeit und zwar beim Renovieren ihres künftigen Domizils auf dem Fißlerhof, dem Elternhaus von Ulrich Gratz.

Doch danach will der „Menschenfischer“, wie Freunde ihn schon mal nennen, wieder öfters die Angel auspacken, um sie in Oberriexingen in der Enz auszuwerfen. Derweil begegnet man Elke Gratz vielleicht in neuer Tracht, wenn sie zu ihrem Mann aufs Motorrad steigt – so ihr Versprechen und seine Hoffnung. Gottes Segen sollte ihnen sicher sein.

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