Ernüchterung und Entbehrungen

Projekttheater XXL brilliert in Oberriexingen mit Neuinszenierung der „Franzosenbraut“

Von Vera Gergen Erstellt: 7. Januar 2015
Ernüchterung und Entbehrungen Wieder muss Luise eine Todesnachricht verlesen. Fotos: Gergen

Zum Gedenken an den Ersten Weltkrieg, bei dem Soldaten beiderseits des Rheins einander töteten, führt das Projekttheater XXL des Theaters unter der Dauseck derzeit die Neufassung der „Franzosenbraut“ von Walter Menzlaw auf – am Montag war sie in der Oberriexinger Georgskirche zu sehen.

Oberriexingen. Zum Neujahrsempfang in Oberriexingen am kommenden Wochenende wird auch wieder eine Delegation aus der französischen Partnergemeinde Ennery erwartet. Wer die Herzlichkeit unter den Teilnehmern miterlebt, könnte meinen, die Freundschaft der Nachbarn habe schon immer bestanden. Dass der Friede zwischen den Nationen keineswegs selbstverständlich ist und erst seit 70 Jahren währt, zeigt der Blick in die Geschichte oder ein Gespräch mit der Generation, die die Ressentiments der ehemaligen Erzfeinde noch am eigenen Leib gespürt hat.

Bereits 2010 bewegte das Stück „Franzosenbraut14“, dessen Drehbuch von Barbara Schüßler auf historisch belegtem Material beruht, zahlreiche Zuschauer. Am Montagabend wurde die aktuelle Inszenierung in neuer Besetzung mit reduzierter Ausstattung von Anne Brügel und stärkerem Bezug zur Moderne in der Georgskirche aufgeführt.

Dabei durchlebte die Bauersfamilie Büchner stellvertretend für Millionen andere vor den Augen des Publikums die tiefgreifenden Veränderungen, die ein Krieg für alle Beteiligte mit sich bringt. Man wurde Zeuge des Siegeswillens, als der Stellungsbefehl durch Kaiser Wilhelm an den Vater erfolgte. Man fühlte auch die gleichzeitige Ratlosigkeit der Zurückbleibenden und die neu erwachende Stärke der Frauen, ihr Hoffen und Bangen, wenn die Feldpost eintraf oder ein Zug mit Verwundeten in Bietigheim einfuhr. Als sich der einzige Sohn Karl trotz seines Augenleidens freiwillig meldet, verzweifelt die Mutter fast. Mit dem Tod ihres Mannes trifft sie ein weiterer Schicksalsschlag. Sie muss nun mit ihren beiden Töchtern den Hof alleine führen. Für die schwere Feldarbeit beantragt ihre Älteste, Luise, einen Kriegsgefangenen als Helfer. Mit Antoine kommt ein „Rotbehoster“ auf den Hof, mit dem jeglicher Verkehr unter Strafandrohung verboten ist und den die Mutter nicht in ihrer Stube duldet. Mit den Worten „Luise, keine Fisimatenten!“, sorgt sie sich vor allem um ihre heiratswillige Tochter und stellt deren Schwester Ida als Aufpasserin ab. Als der junge Franzose von Heimweh geplagt seiner Mutter einen Brief schreiben will, erwachen bei der Bäuerin jedoch die Muttergefühle und sie nimmt den „Franzmann“ in der Familie auf. Nicht ohne Folgen, wie sich bald herausstellt, denn Ida ist nicht nur von Antoines Vaterlandserinnerungen fasziniert.

Die Geschichte hat – wie die vor 100 Jahren – noch viel mehr Dramatik und Konflikte zu bieten: sowohl innere als auch äußere. So werden die Entbehrungen der Frontkämpfer und ihre Ernüchterung, die sich im Laufe des Krieges zur schieren Verzweiflung und Todesangst steigert, ebenso fühlbar wie das Entsetzen und die Ohnmacht der Daheimgebliebenen bei der Konfrontation mit den schrecklichen Nachrichten. Auch die innere Zerrissenheit, was sein könnte, wenn der vertraute Freund nicht zugleich der Todfeind wäre, und was zu tun ist, wenn passiert, was nicht passieren darf, wurde von den Darstellern eindrucksvoll verkörpert. Dabei brillierten neben den erfahrenen Amateuren des Theaters unter der Dauseck – Barbara Scheyda in der Rolle der Bäuerin, Lara Schüßler als Luise und Bernd Schlegel als Vater, Pfarrer und Kommandant – die Profi-Schauspieler Andreas Lutsch als Karl beziehungsweise Antoine sowie Melina Schöfer als Ida. Die „Franzosenbraut14“ verdeutlicht in ergreifender Weise, dass der Einsatz für den Frieden wichtiger denn je ist.

Weitere Aufführungstermine unter www.theater-dauseck.de.

Weiterlesen
Die Villa brennt

Die Villa brennt

Drucken Die Villa brennt Ein Sommer in Rom, 231 Jahre und acht Monate nach Goethe. Ein junger Mann zieht in eine Wohnung schräg gegenüber der Casa di Goethe. Bald stellt sich heraus: Er ist auf der Suche nach... »