Der Garten als Lehrmeister und als Materialfundus

Zu Besuch in Oberriexingen – Rückzugsort für Mensch und Tier

Von Vera Gergen Erstellt: 10. August 2018
Der Garten als Lehrmeister  und als Materialfundus Mohn dient Lore Wild als Material für besonderes Flechtwerk.

Das zweite Kapitel unserer Gartenserie führt uns nach Oberriexingen, wo das Künstlerehepaar Lore Wild und Werner Christof lebt und arbeitet. Die Korbmachermeisterin und der Geologe sind sehr mit der Natur verbunden und haben schon so manchen Schatz für ihr kreatives Schaffen darin gefunden.

Oberriexingen. Wie Lore Wild lachend erzählt, habe ein Spaziergänger einmal über ihren Krautgarten an der Enz geäußert, wie schön wild er sei. Sie habe damals nur für sich gedacht: „Wenn der wüsste, wie viel Arbeit diese Wildheit macht.“ Deshalb habe sie sich mittlerweile dazu entschlossen, das ,was kommt anzunehmen und das Beste daraus zu machen. So leuchten beim Besuch Anfang Juni hunderte Mohnblüten mit der Morgensonne um die Wette. Die meisten haben sich selbst ausgesät. Das faszinierende Farbspektrum reicht von Lachs, hellem Flieder und Mauve bis hin zu Orange-, Feuer- und Purpurrot. In ihren großen Kelchen summt es um die Wette und die Bienen scheinen wie im Sammelrausch. Konkurrenz bekommen die filigranen Pflanzen derzeit von der blau blühenden Gretel im Busch, von weißer Kamille und vielen bunten Bartnelken, die es vom Nachbargrundstück hinübergeschafft haben und es sich nun zunehmend in der Wild’schen Ecke gemütlich machen. Dazwischen gedeihen Himbeeren, Erdbeeren und Träuble. Fenchel, Rosmarin, Zitronenmelisse und Petersilie teilen sich die Erde mit Rucola und Mangold. Auch Schnittlauch und Schalotten finden ein Plätzchen. „Viel Wert lege ich auf meinen Salbei, denn der ergibt mit Spaghetti das beste Essen – ganz einfach, aber sehr lecker“, verrät die dreifache Mutter, die übrigens von ihren Kindern zum Gemüseanbau inspiriert wurde, wie man weiter erfährt. Diese hätten nämlich mal nach der Kartoffelblüte gefragt und sich zuerst gar nicht vorstellen können, dass so etwas Schönes aus der handfesten, braunen Knolle wächst, wenn man diese in die Erde steckt.

Auch rund um das 110 Jahre alte Wohnhaus der Familie grünt und blüht es. Am Eingang lädt zwischen Sommerblumen, Geflechten befreundeter Künstler und Fundstücken aus Feld und Wald eine gemütliche Sitzgruppe zum Verweilen ein. Ein buntes Beet umrahmt den Hof, wo vielerlei Sorten von Weiden auf ihren Flechteinsatz warten.

Doch nicht nur damit erschafft Lore Wild faszinierende Objekte. Im Schatten des großen Nussbaums im hinteren Teil des Anwesens hat sie seit ein paar Wochen wieder ihre Sommerwerkstatt eingerichtet und zeigt an verblühten Mohnstängeln, wie man Stiele samt Kapseln zunächst zu Schnüren und anschließend zu dekorativen Behältnissen verarbeiten kann. Ein fertiger Mohn-Teller in Wulstwickeltechnik zeigt das beeindruckende Endergebnis. Daneben liegt ein „veganer Pelzkragen“ aus Pfeifenputzergras, und selbst verdorrte Irisblätter hat die Künstlerin kürzlich zu einem wunderschönen Täschchen verwebt. „So mache ich aus der Unkrautnot eine Tugend“, freut sie sich. Auch ihr Mann hält sich gerne im Garten auf und nutzt diesen bevorzugt als Bildkulisse. Durch die uneinsehbare Lage sei er aber auch ein schöner Rückzugsort, ergänzt der Maler und Fotokünstler.

Und zwar nicht nur für die Menschen, die hier leben, sondern offenbar auch für viele Tiere. So zwitschern im Geäst Amseln und Rotschwänzchen. Auch ein Specht lässt sich blicken. Weiter oben zieht ein Milan seine Kreise und kürzlich habe sogar ein Fuchs vorbeigeschaut, erfährt man. Dann macht Werner Christof den Gast noch auf den prächtigen Farn aufmerksam, der sich irgendwann einmal einfand und sich offensichtlich im kühlen Schatten der Scheune wohlfühlt. „Man muss nehmen, was kommt“, hört man erneut, „Der Farn ist doch wunderschön, auch wenn er hier ein bisschen im Weg steht und man immer drumherum gehen muss. Er fordert halt Respekt ein“, ist sich das Paar einig und erinnert mit seiner Haltung an eine berühmte Gartengestalterin.

So meinte einst Gertrude Jekyll, die als Mutter des englischen Landhausstils gilt: „Ein Garten ist ein großartiger Lehrer. Er lehrt uns Geduld und umsichtige Wachsamkeit; er lehrt uns Fleiß und Sparsamkeit; und vor allem lehrt er vollkommenes Vertrauen.“

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