Mit dem Baby allein im Doppelzimmer

Familienzuwachs in Zeiten von Corona: Anne und Micha Kümmling aus Bietigheim-Bissingen verzichten notgedrungen auf Besuch

Von Claudia Maria Rostek Erstellt: 8. April 2020
Mit dem Baby allein im Doppelzimmer Ob Besuch kommt oder nicht, dürfte dem kleinen Raphael noch ziemlich egal sein. Bruder Jonathan und Papa Micha Kümmling sind aber froh, dass Mutter und Kind wieder daheim sind und sie die zwei nun dauerhaft sehen. Foto: p

„Wir haben schon deutlich gemerkt, dass es anders ist als bei der Geburt unseres ersten Sohnes“, sagen Micha und Anne Kümmling. Die beiden sind am 23. März im Krankenhaus in Bietigheim-Bissingen zum zweiten Mal Eltern geworden. In den Kreißsaal durfte der Vater noch mit. Danach hieß es Abschied nehmen. Das coronabedingte Besuchsverbot gilt auch für Papas.

Bietigheim-Bissingen. Das junge Paar hatte sich schon auf Schlimmeres vorbereitet. Im Internet lasen sie von Krankenhäusern, die Väter nicht mehr in den Kreißsaal lassen. Dementsprechend verunsichert waren sie, als sie sich zur Entbindung auf den Weg machten.

Doch vor Ort folgte die Entwarnung. Die beiden 27-Jährigen erfuhren, dass im Klinikum Bietigheim-Vaihingen Väter weiterhin die Geburt begleiten dürfen und atmeten erleichtert auf. „Alleine wollte ich Anne in dieser Phase auf keinen Fall lassen. Das war im Nachhinein auch sehr wichtig, da die Geburt nicht gerade leicht war“, sagt der zweifache Vater.

Wie sehr das Coronavirus den Klinikalltag prägt, spürten sie trotzdem. Sie erzählen von Sicherheitspersonal im Eingangsbereich und wie sehr die Leute zueinander Abstand hielten. „Es gab keinen Körperkontakt ohne Desinfektion davor und danach“, berichten sie.

Als Raphael auf die Welt kam, war es Micha Kümmling erlaubt, bei Mutter und Kind zu bleiben. „Ich durfte die gesamte Zeit im Kreißsaal mit dabei sein. Nach der Geburt war also ein gemeinsames Ankommen und Zusammenfinden für uns drei möglich und wurde sogar unterstützt. Das war wirklich gut“, sagt er.

Doch nach dem Kreißsaal war Schluss. Statt seine Frau und sein Kind auf die Neugeborenstation zu begleiten, wie er es unter normalen Umständen getan hätte, musste er das Krankenhaus verlassen. Am 11. März hatte die Leitung der Regionalen Kliniken Holding, zu der auch das Krankenhaus in Bietigheim-Bissingen zählt, coronabedingt einen Besuchsstopp erlassen.

Väter waren von der Regelung ausgenommen, zumindest anfangs. Rund eine Woche später wurde das Besuchsverbot dann aber auch auf sie ausgeweitet (die VKZ berichtete). Als in einem anderen Krankenhaus in Baden-Württemberg zwei Hebammen durch eine Ansteckung mit dem Coronavirus ausfielen, sah sich die Klinikenleitung zu dem Schritt gezwungen. „Ein Ausfall der ohnehin dünn besetzten Hebammen hätte katastrophale Folgen für Mütter, die ein Kind erwarten“, erklärte damals Kliniken-Geschäftsführer Professor Dr. Jörg Martin.

Jenes Besuchsverbot traf nun also auch Micha Kümmling. Er spricht von einer „einschneidenden Maßnahme“, die er jedoch durchaus nachvollziehen könne. Seltsam war die Situation für ihn dennoch. „Man möchte als Vater natürlich sein Kind besser kennenlernen und es an sich gewöhnen lassen“, sagt er. Bei der Geburt seines ersten Kindes, Jonathan, war er quasi den ganzen Tag mit auf der Station. Er weiß also, wie der Ablauf unter normalen Umständen gewesen wäre. „Auch für den Großen war es seltsam. Jeden Tag hat er mich gefragt, wann denn die Mama wieder da ist und mit dem Baby kommt“, erzählt er. Immerhin: Dank moderner Technik konnte der Kontakt trotz Besuchsverbot gehalten werden. So wurden eifrig Videos und Bilder verschickt und der 27-Jährige sah seinen zweiten Sohn zumindest virtuell.

Die Mutter erlebte die besuchsfreie Zeit als sehr ruhig und entspannt. „Der Fokus lag voll auf dem Neuankömmling. Ich konnte mich ganz auf ihn fokussieren, auch weil ich ein Doppelzimmer für mich allein hatte“, sagt Anne Kümmling. Gleichzeitig fühlte sie sich sehr einsam. „Micha hat schon echt gefehlt. Prinzipiell wäre etwas Besuch schon schön gewesen“, findet sie und erzählt von der Geburt ihres ersten Sohnes, damals in einem Stuttgarter Krankenhaus. Micha Kümmling und sein Vater, der in der Stuttgarter Klinik arbeitet, waren jeden Tag bei ihr. Zudem bekam Anne Kümmling fast täglich weiteren Besuch: Ihre Schwiegermutter und ihre eigene Familie schauten vorbei. Alle wollten sie den neuen Erdenbürger begrüßen und den Eltern gratulieren. „Da war also richtig was los“, erzählt sie.

Doch diesmal musste sie auf diese Besuche komplett verzichten. An dem Tag, als sie die Klinik verließ, konnte dann auch ihr Mann seinen Sohnemann endlich wieder sehen und in Armen halten. Ihre Schwägerin und Schwiegermutter kümmerten sich unterdessen um Jonathan und den Hund der Familie. So kamen die beiden wenigstens kurz in den Genuss, den kleinen Raphael in echt zu sehen. Auch Anne Kümmlings Vater und Bruder, die auf der Durchreise waren, hielten kurz bei der Familie an und begrüßten Raphael. „Aber seitdem hat uns niemand mehr wirklich besucht – abgesehen von lieben Freunden, die uns Mittagessen gebracht oder unseren Hund ausgeführt haben“, erzählen die beiden. Die sozialen Kontakte auf ein Minimum zu beschränken, fällt der jungen Familie nicht leicht. „Wir würden unglaublich gerne unsere Familien und Freunde mit Raphael bekannt machen“, sagen sie. Zwar haben sie schon fast alle mit ihnen über Whatsapp einen Videoanruf gemacht und Bilder des kleinen Jungen bekommen. „Aber es ist einfach nicht dasselbe“, erklären die zwei. Zudem vermisst Bruder Jonathan seine Großeltern, Tanten und Onkels sehr.

Immerhin hat die zweifache Mutter die Aufmerksamkeit ihres Mannes. Aktuell hat Micha Kümmling Urlaub. Aber auch ohne diese freie Zeit wäre er zumindest daheim. Seine Firma, ein Informatikunternehmen aus Weilimdorf, hat während der CoronaKrise auf Homeoffice umgestellt. Und auch Raphael macht es seiner Mutter so angenehm wie möglich. „Er ist ein sehr entspanntes Kind“, sagt die zweifache Mutter.

Ostern wird der neue Erdenbürger nun im Kreise seiner engsten Familie erleben. Und auch mit der Taufe muss er sich noch etwas gedulden – beziehungsweise seine Eltern: „Was seine Segnung angeht, hoffen wir einfach, dass wir nicht zu lange warten müssen, bis wir diese feiern können. Aber das ist noch nicht wirklich absehbar.“

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