Bürger setzen deutliches Zeichen gegen AKW-Bauschutt

Vor der Abstimmung im Ludwigsburger Kreistag am Freitag protestieren Freimessgegner in Schwieberdingen gegen die Einlagerung von Atommüll auf hiesigen Deponien

Von Claudia Maria Rostek Erstellt: 19. Juli 2017
Bürger setzen deutliches Zeichen gegen AKW-Bauschutt Freimessgegner protestierten auf dem Schlosshof, in der Bahnhofstraße und im Festzelt gegen den AKW-Bauschutt Fotos: Rostek

Mit Trillerpfeifen, Trommeln und Plakaten haben Freimessgegner am späten Montagnachmittag in Schwieberdingen gegen die geplante Einlagerung von AKW-Bauschutt auf den Deponien in Horrheim und Schwieberdingen protestiert. Gastredner warnten vor der Einlagerung des Freimessmülls – darunter auch ein Kreisrat der Grünen.

Schwieberdingen. Es war ein kluger Schachzug der Interessengemeinschaft Deponien Schwieberdingen-Horrheim, die Protestkundgebung im Festzelt des Schwieberdinger Musikvereins zu starten. Der Verein hatte übers Wochenende und am Montag ohnehin zum vergnüglichen Treiben auf die Wiese unweit des Bahnhofs eingeladen. Dementsprechend voll war das Festzelt, als die IG ihre Position vertrat. Wie viele Gäste wegen des Vereinsfests gekommen waren und wie viele die Kundgebung besuchten, war nicht in jedem Fall zweifelsfrei auszumachen. Eine große Bühne samt gut gefüllten Bierbänken war den Rednern der IG somit aber sicher.

Ideale Voraussetzungen also, die die Interessengemeinschaft zu nutzen wusste. Ihre Worte kamen beim Publikum an. Erwin Wild von der IG freute sich, dass so viele Menschen mit ihm und seinen Mitstreitern Flagge zeigten. Er nannte die Deponien in Horrheim und Schwieberdingen Brennpunktdeponien mit brenzligem Materialcocktail und erzählte, wie man immer wieder eine hohe Staubwolke über der Deponie sehe, die es laut Behörden eigentlich nicht geben dürfte. „Es wird freigerechnet, nicht freigemessen“, sagte er zum Freimessverfahren. Dabei handelt es sich um das Verfahren, mit dem entschieden wird, ob der AKW-Bauschutt für Deponien freigegeben wird oder nicht. Die IG vertritt die Ansicht, dass dieses Verfahren veraltet ist und letztlich nur den Kraftwerksbetreibern nutzt, um auf vergleichsweise kostengünstigem Weg Bauschutt aus dem Rückbau ihrer Atomkraftwerke zu entsorgen. „Wer Müll produziert und jede Menge Kohle damit verdient hat, muss den Müll auch entsorgen“, sagte Wild und meinte damit die Betreiberfirma EnBW.

Die vielfach beschworene grüne Wiese, die das Land zukünftig an den AKW-Standorten sehen möchte, bezeichnete Wild als Marketinggag und legte den Fokus auf den Landrat des Neckar-Odenwald-Kreises, Dr. Achim Brötel. Dieser hatte vor Kurzem erklärt, freigemessenen Bauschutt nicht anzunehmen (die VKZ hat berichtet).

Weitere Unterstützung bekamen die Freimessgegner am Montag von zwei Kreispolitikern. Johann Heer von der FDP erklärte, dass seine Partei die Deponierung kategorisch ablehne und regte an, die Rechtsgrundlage zu überdenken. Soll heißen: Nur weil bestimmte Deponien laut Handlungsanleitung verpflichtet sind, freigemessenen Bauschutt anzunehmen, müsse das nicht für die Ewigkeit gelten.

Weitere Rückendeckung kam ausgerechnet von einem Grünen-Kreisrat, also von einem Angehörigen jener Partei, die sich im Land für die Entsorgung des Freimessmülls auf den jeweiligen Deponien starkmacht. Andreas Roll versicherte, in der Kreistagssitzung am Freitag jedem sinnvollen Antrag zuzustimmen – unabhängig von der Fraktion, die ihn einreicht. Zur Erinnerung: Aktuell liegen dem Kreistag vier Anträge vor, von denen in drei die Ablehnung des Freimessmülls auf den Deponien in Horrheim und Schwieberdingen gefordert wird. Der IG dankte er ausdrücklich und sicherte ihr seine volle Unterstützung zu: „Ich baue auf ein deutliches Zeichen des Kreistags am Freitag.“

Nach den Reden im Festzelt ging es auf die Straßen. Rund 15 bis 20 Traktoren standen bereit, dekoriert mit Plakaten und Luftballons, die alle nur eine Botschaft trugen: Nein zum AKW-Bauschutt. Landesumweltminister Franz Untersteller bekam ebenfalls sein Fett weg: „Untersteller in den Keller“, skandierten einige Protestler.

Angeführt von den Traktoren zogen rund 600 Teilnehmer durch die Bahnhofstraße zum Schwieberdinger Schlosshof vor dem Rathaus. Weitere Redner erläuterten ihnen dort ihre Sicht der Dinge. „Freigemessen bedeutet frei von Kontrolle“, sprach Dr. Monika Leder von der IG zu den Bürgern und forderte den Kreistag auf, die Einlagerung abzulehnen. Gertrud Patan von der AG Atomerbe Obrigheim warnte vor genetischen Schäden, die radioaktive Stoffe verursachen können. „Als Arzt sage ich Ihnen: Vergessen Sie es. Lassen wir uns nicht ins Bockshorn jagen“, rief der Hemminger Mediziner Dr. Robin Maitra den Protestlern zu und erklärte, dass es auch im Niedrigdosisbereich keinen Schwellenwert gebe, unter der Strahlung ungefährlich sei. Ein Zusatz an Strahlung könne zu mehr Krankheiten und zu mehr Toten führen, fand der Mediziner deutliche Worte. Der Schwieberdinger Bürgermeister Nico Lauxmann dankte den Teilnehmern der Demonstration und den Kommunen Markgröningen und Vaihingen, die sich wie Schwieberdingen gegen die Einlagerung positioniert haben. Nun hat der Kreistag das Wort. Am Freitag (21. Juli) entscheidet er über die vier eingereichten Anträge von Linke, FDP, Freie Wähler und Grüne. Ob ein Antrag eine Mehrheit erreicht, ist bislang allerdings fraglich. Beginn der Sitzung ist um 14.30 Uhr.

Mehr Bilder zur Demo gibt es in unserer Bildergalerie.

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