Baden-Württemberg

Kann schlechte Luft kriminell machen?

Es klingt beinahe absurd: Untersuchungen zeigen, dass die Kriminalitätsrate steigt, je höher die Luftverschmutzung ist – auch in Baden-Württemberg. Was dahinter steckt.

  • Feinstaub stammt nicht nur aus dem Verkehr,  sondern auch von Heizanlagen oder ausFoto: imago/photothek/Florian Gaertner

    Feinstaub stammt nicht nur aus dem Verkehr, sondern auch von Heizanlagen oder ausFoto: imago/photothek/Florian Gaertner

Luftverschmutzung hat Auswirkungen auf die Umwelt und auf die Gesundheit – so weit, so bekannt. Forschende aber haben herausgefunden: Feinstaubbelastete Luft kann auch die Kriminalitätsrate beeinflussten – etwa in Baden-Württemberg. Zusammen mit einer Kollegin hat Yasemin Karamik vom Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung in Mannheim (ZEW) tägliche Daten zur Kriminalität in Baden-Württemberg mit Aufzeichnungen zum Wetter und zu den Emissionen abgeglichen – und festgestellt: ist das Feinstaub-Niveau höher als üblich, nehmen auch Straftaten wie Gewaltdelikte oder Diebstähle zu – nicht nur in Ballungsräumen.

Was auf den ersten Blick absurd klingt, hat sich in Studien auch schon in Großstädten wie London oder Chicago gezeigt. Karamik und ihre Kollegin betrachteten nun Daten von 2015 bis 2017 aus Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz. Ihr Ergebnis im Detail: Nimmt die Feinstaubbelastung um zehn Mikrogramm PM10 (Feinstaub) pro Kubikmeter zu, so steigt die die Anzahl der Straftaten um 4,6 Prozent. In den untersuchten Regionen beträgt die Feinstaubbelastung im Schnitt 15,69 Mikrogramm PM10 pro Kubikmeter, die durchschnittliche Kriminalitätsrate liegt bei 8,76 je 100 000 Einwohnerinnen und Einwohnern.

Faktoren wie Armut oder Arbeitslosigkeit wurden herausgerechnet

Der Einfluss der Luftverschmutzung auf die Kriminalitätsrate ist demnach selbst dann nachweisbar, wenn die Konzentration von Feinstaubpartikeln deutlich unter den in der Europäischen Union geltenden Grenzen von 50 Mikrogramm pro Kubikmeter liegt.

Andere mögliche Einflussfaktoren wurden dabei berücksichtigt – und herausgerechnet. „In unserer Studie nutzen wir Variation in der Luftverschmutzung, die durch unterschiedliche Windrichtungen entsteht, um den Effekt von Luftverschmutzung auf Kriminalität von anderen Faktoren zu unterscheiden – wie zum Beispiel Armut und Arbeitslosigkeit in der Region“, sagte ZEW-Wissenschaftlerin Yasemin Karamik.

Hohe Luftverschmutzung kann aggressiv machen, zeigen Studien

Was aber könnte dahinterstecken? Aus der Forschungsliteratur sei bereits bekannt, dass Luftverschmutzung Einfluss auf den Körper und damit auch das Verhalten der Menschen haben könne, sagte Karamik. So könnten durch Feinstaub etwa die Hormonlevel verändert werden – und Veränderungen in der Chemie des Gehirns wiederum könnten Verhaltensänderungen nach sich ziehen, schreiben die Forscherinnen des ZEW in ihrer Studie. Forschende der London School of Economics hatten in einer Untersuchung einen Anstieg des Stresshormons Cortisol bei hoher Schadstoffbelastung als mögliche Ursache für den Anstieg der Kriminalitätsrate genannt.

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