Zwei Welten der gleichen Sportart

Erstellt: 11. Mai 2013
Zwei Welten der gleichen Sportart Fachgespräch unter zwei Ausnahmesportlern: der 20-Jährige Felix Franz und der 62 Jahre alte Rolf Ziegler (von links) Foto: Arning

Kleinglattbach/Vaihingen (aa). Ein nasser Mai-Samstag im Stadion von Bietigheim-Bissingen. Während die Vorbereitungen für die Leichtathletik-Kreismeisterschaften anlaufen, absolviert ein junger Mann seine Trainingseinheiten. An der Bande steht ein grauhaariger Mann und beobachtet die Läufe fasziniert. „Wunderbar“, entfährt es ihm. Der Athlet auf der Bahn ist Felix Franz, das deutsche Hürdentalent über die Stadionrunde. Der Zuschauer ist Rolf Ziegler – der Mann der seit 1972 den Landesrekord über die 400 Meter Hürden hält. Beide wohnen in Vaihingen.

„Ihm trau ich zu, dass er meine Bestmarke knackt. Es wäre an der Zeit.“ Aus einem Gespräch mit Rolf Ziegler auf einem Supermarktparkplatz ergibt sich das Zusammentreffen mit Felix Franz. Bei 49,55 Sekunden steht seit dem deutschen Olympiajahr der Rekord, den Ziegler im Trikot des SKV Eglosheim am 21. Juli 1972 bei der deutschen Meisterschaft in München aufgestellt hat. Damit hatte er sich für die Spiele im eigenen Land qualifiziert. Der Reiz des Treffens liegt auf einer anderen Ebene. Franz und Ziegler leben beide inzwischen in Vaihingen. Begegnet sind sie sich noch nie. Warum auch? Franz, 20 Jahre alt, aus dem Teilort Kleinglattbach hat am Vaihinger Friedrich-Abel-Gymnasium das G-8-Abitur gemacht, studiert jetzt im vierten Semester an der Universität Stuttgart Verfahrenstechnik. Ziegler, Jahrgang 1951, hat auch in Stuttgart studiert (Elektrotechnik) und ist inzwischen erfolgreicher Geschäftsführer und Eigentümer eines Unternehmens mit rund 50 Mitarbeitern (Entwicklung und Herstellung von schnellschaltenden Magnetsystemen) im benachbarten Illingen.

Thomas Riegraf ist bei der LG Neckar-Enz der Heimtrainer von Franz. Acht-, neunmal pro Woche steht er mit seinem Schützling auf dem Platz – bei Wind und Wetter. Spitzenleistungen sind harte Arbeit. Unerbittlich werden die Zeiten in den Protokollen festgehalten. Einmal die Woche geht es zum Physiotherapeuten nach Bruchsal. „Es ist eine ganz andere Zeit“, stellt Ziegler, Vater von zwei Kindern, nüchtern fest. Er hat vor den Spielen in München maximal viermal pro Woche unter der Regie von Roland „Sonny“ Kromer trainiert, später dann auf sechs Einheiten gesteigert. Um die Verletzungen hat sich Olympiamasseur Werner Seiler gekümmert. Die Eltern waren eine große Stütze, die Sporthilfe, der SKV und verschiedene Vereinskameraden wie zum Beispiel Adolf Grottenthaler. Das Studium habe schon gelitten, erinnert sich Ziegler. Denn nebenher hat er noch Teppiche ausgefahren und Nachhilfe gegeben. „Die Prüfungen an der Uni habe ich dank der Mitschriebe von Kommilitonen doch noch ordentlich gemeistert“, erzählt er. Auch Franz bekommt an der Uni nichts geschenkt. „Dass man Leistungssportler ist, wird dort mehr oder weniger ignoriert“, erzählt der 20 Jährige. „Prüfung ist Prüfung.“ Irgendwie muss er das alles unter einen Hut bringen. Über die sportliche Förderung will er sich nicht beklagen. Sogar ein Auto wurde ihm zur Verfügung gestellt. Doch: Viel Zeit für Hobbies und Freundin bleiben nicht.

Ziegler kam einst über das Sonderturnen zum Sport. Seine schlechte Haltung war aufgefallen. Doch an den Geräten war er viel zu schlacksig. Er versuchte sich im Schwimmen und kam dann zum Leichtathletik-Mehrkampf, wo sich die Hürden als Spezialgebiet herausschälten. Da war er schon 16 Jahre alt. Franz kam durch seinen Vater bereits mit vier Lenzen mit der Leichtathletik in Kontakt. Damals noch in Bietigheim-Bissingen wohnend durchlief er die Schülerklassen. Als 14-jähriger A-Schüler lief er mal zum Spaß die 300 Meter Hürden und kam dabei nahe an den Landesrekord heran. Von da an hatte er Lunte gerochen. Ein Jahr später war er bereits Süddeutscher Meister. Mit einer wahrhaften Leistungsexplosion avancierte er als 17-Jähriger zu einer Medaillenhoffnung bei den ersten Olympischen Jugendspielen in Singapur 2010. Die Fachpresse jubelte ihn als eines der größten Leichtathletiktalente in Deutschland hoch. Nach Singapur reiste Franz mit der zweitbesten Anmeldezeit – und lief am Ende als Vierter an einer Medaille vorbei. Noch krasser war die Enttäuschung nach der U-20-Weltmeisterschaft 2012 in Barcelona. Davor hatte Felix seine Bestzeit über die Männerhürden (91,4 Zentimeter) um fast eine Sekunde auf 50,48 Sekunden gesteigert – Weltjahresbestmarke für sein Alter. Doch in Barcelona gab es in 50,80 Sekunden nur Rang fünf. „An diesen beiden Ergebnissen hatte er schon zu knabbern“, weiß Trainer Riegraf.

Auch Ziegler hatte in seiner Aktivenzeit einige Hürden aus dem Weg zu räumen. Dass er zu den Spielen von Montreal 1976 nicht als Aktiver mitgenommen werden sollte, nagt heute noch an ihm. Als Zuschauer wollte er nicht nach Kanada reisen. Ziegler war vielfacher Landesmeister über die 400 und 110 Meter Hürden (Bestzeit 13,7 Sekunden). Er lief die 100 Meter in 10,4 Sekunden, hat eine 200-Meter-Marke von 20,8 Sekunden stehen und lief die 400 Meter flach in 46,16 Sekunden. 1972 in München hat er mit 49,88 Sekunden die achtschnellste Zeit erreicht, ist aber nach dem Zwischenlauf gegen die drei späteren Medaillengewinner ausgeschieden. „Es war eine für mich bisher unbekannte Atmosphäre, vor nahezu 80 000 Zuschauern laufen zu dürfen“, hatte Ziegler im Nachklapp für das Jahrbuch des Württembergischen Leichtathletik-Verbandes (WLV) geschrieben. 1975 holte er sich in Rom den Titel eines Studentenweltmeisters. Mit der deutschen 4 x 400-Meter-Staffel wurde er 1974 Vize-Europameister. Eine Besonderheit schaffte der in Markgröningen aufgewachsene Athlet 1976: Da wurde er über 110 und 400 Meter Hürden Deutscher Meister (14,08 und 49,63 Sekunden). Ziegler kommt ins Schwärmen, wenn er an Läufe wie gegen den Übervater der Hürdenszene, Edwin Moses, denkt: „Bis zur sechsten Hürde konnte ich noch mithalten. Doch am Ende war er zwei Sekunden vor mir im Ziel. Ich bin halt immer schnell angegangen.“ Dass er jedoch zehnmal unter 50 Sekunden unterwegs war – das kann sich sehen lassen. „Ich wollte immer mal unter 49 bleiben“, erklärt er. Jeder Athlet brauche Ziele.

Bei Franz ist es kein Haar anders. Er geht die Strecke eher „langsam“ an, will nach hinten raus noch kontrollieren und zulegen. 49,60 oder 49,80 Sekunden hat er sich in diesem Jahr als Ziel gesetzt. „Halt mal unter 50 Sekunden bleiben“, sagt er. Die Grundlagen sind gelegt – zuletzt unter anderem bei einem Trainingslager des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) in Südafrika mit Trainer Volker Beck. Hoch konzentriert geht der 1,94 große und 80 Kilogramm schwere Athlet, der die 100 Meter unter elf Sekunden läuft und im Hochsprung eine Bestmarke von 1,90 Meter hat, auch nach zwei Stunden noch die Testläufe an. 21 Schritte nach dem Start für die 45 Meter zur ersten Hürde. Bis zur siebten Hürde im 13er-Rhythmus. Dann nicht aus dem Tritt kommen. „Er ist hervorragend unterwegs“, sagt Ziegler, der selbst nur noch zuschauen kann. „Ich habe leider einige orthopädische Probleme“, erzählt er. Da ist es ein schwacher Trost, dass er bis vor zehn Jahren noch über die hohen Hürden lief, bei den niedrigen sogar im 13er-Rhythmus. „Aber nur bis zur vierten Hürde“, erklärt er. An sportlicher Aktivität ist nur das Radfahren geblieben – allerdings mit E-Motor. Die Leichtathletik verfolgt Ziegler nur noch sporadisch. Doch bei den Treffen der Olympiamannschaft von 1972 ist er noch gerne dabei.

Franz trainiert immer noch im Regen. Die ersten Wettkämpfe stehen an. Auch wenn 2013 kein hochkarätiges Meisterschaftsjahr ist: Er will es wissen. Bei der U-23-WM im Juli in Finnland soll es endlich mal klappen mit dem Platz auf der Treppe. Und vielleicht mit dem längst sturmreifen Uralt-Landesrekord von Ziegler. Der hätte überhaupt nichts dagegen. Als Ansporn übergibt er noch eine alte Schwarz-Weiß-Autogrammkarte von sich. Vielleicht kann sich Franz bald revanchieren.

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